Bett aus Heu

17. August 2010, 16:41
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Bei Strohferien in der Bodenseeregion wird beim Bauern in der Scheune übernachtet

Was für eine Aufregung! Die Kinder stürmen gleich mit den Schlafsäcken in die Scheune, um eine geeignete Ecke für die Übernachtung zu finden. Das ist gar nicht so einfach, denn auch zehn andere Familien machen zeitgleich auf dem wunderschön gelegenen Zelglihof mit Blick über den Bodensee Strohferien.

Die Idee, den Komfort im Urlaub einmal so richtig herunterzuschrauben, scheint sich zu einem veritablen Wirtschaftszweig auszuwachsen. Schon vor drei Jahren hatte das Ehepaar Kreis vom Zelglihof in Ermatingen die smarte Idee, das arbeitsintensive Milchvieh durch zottelige, allwetterfeste Highland-Rinder zu ersetzen. Diese stehen das ganze Jahr im Freien. Damit wurde der Stall frei, in dem jetzt die Touristen schlafen.

Und sie kommen in Scharen. Teils individuell, teils organisiert von der Bodensee-Radweg Service GmbH, die eine Fünf-Tages-Tour um den Untersee zusammengestellt hat, mit Fahrradverleih, Gepäcktransport, Verpflegung und Schlafen im Heu. Ausführliches Karten- und Infomaterial wird auch geliefert, so wissen die Eltern immer bereits im Vorfeld, welche Tiere ihr Nachwuchs durch den Streichelzoo jagen kann.

Im Falle des Zelglihofes sind das: ein Hund (Ringo), Ziegen, Hasen, Katzen und ein dickes listiges Schwein (nicht auf der Liste des Infomaterials). Ist erst ein Eckchen im Stroh erobert, gibt es kein Halten mehr, und die Kinder springen rund 200- bis 5000-mal von den Strohballen, sausen mit Gokarts und Minitrettraktoren über den Hof , spielen Landhockey und Fußball, kurz: Sie sind verschwunden, bis sie zum Abendessen gerufen werden, das von der Bäurin liebevoll zubereitet wurde: Überraschung! Es gibt Spaghetti bolognese.

In der Infobroschüre war ein "Abendessen mit Kartoffelbeilagen" angekündigt gewesen, selbstangebauten, versteht sich, aber wie der Bauer so schön sagt: "Jeden Tag Röschti, das is ja nichts". Auch die Spaghetti schmecken hervorragend, bei so viel frischer Luft ist der Hunger groß, und schließlich braucht man Kraft für die Radtour am nächsten Morgen.

Rund 20 bis 30 Kilometer sind die Tagesetappen lang, auch kleinere Kinder sollen ja die Strecken von Hof zu Hof gut bewältigen können. Erstaunlich schnell wird es nach Einbruch der Dunkelheit still im Strohlager, es duftet und pikst, wer es gar nicht aushält auf der unebenen Unterlage, kann in Stockbetten ausweichen - was natürlich nur Memmen machen.

Tagwache ist für die meisten schon bei Tagesanbruch, aber für Langschläfer gibt es Frühstück bis um neun. Die erste Etappe führt direkt am Wasser entlang bis nach Eschenz. Das von der Infobroschüre empfohlene Nähmaschinenmuseum in Steckborn lassen wir links liegen, ebenso die Ruine Neuburg, immerhin die größte des Kantons Thurgau. An dieser Stelle des Bodensees, das muss einmal gesagt sein, befindet man sich nämlich in der Schweiz, wo erfreulicherweise die Strandbäder durchwegs bei freiem Eintritt zu besuchen sind.

Nach einem erfrischenden Bad im See wird im Heuhotel Frohsinn eingecheckt, das, anders als der Zelglihof, leider direkt an der Hauptstraße liegt. Die Familie Senn betreibt hier einen Bauernhof mit Jungviehaufzucht, was sich schon mittelfristig als Nachteil herausstellen wird - wenn auch nur für die Gäste. Erst einmal werden munter die Hasen gefüttert, die Katzen gestreichelt, die Kühe links liegen gelassen und das Trampolin rund 200- bis 5000-mal besprungen.

Nach dem Abendessen mit Kartoffelbeilage (diesmal wirklich), zeigt sich, dass die Nachtruhe unter einem Dach mit dem Vieh gewisse Tücken mit sich bringt. Die gemeine Schmeißfliege lacht über die Naivität des Städters und tut sich gütlich an ihm, bis es zappenduster ist. Dann erst schläft auch sie. Nicht aber haben die Kühe ihre Verdauungstätigkeit eingestellt, und am nächsten Morgen ist auch dem größten Deppen klar, warum Kuhfladen so aussehen, wie sie aussehen.

Insofern sind die Radler nach dem Besuch des Rheinfalls mit anschließender Bootsfahrt und dem Eintreffen im nächsten Etappenziel Güttingen richtiggehend erleichtert, dass das Heuhotel Sonnhof eine veritable Mogelpackung ist. Geschlafen wird hier nämlich im Neubau über der ehemaligen Garage, wo in den Zimmern malerisch Stroh auf den Estrich gestreut wurde. Das spart die Einrichtung, ist dafür aber garantiert fliegenfrei, was nach den Erfahrungen der letzten Nacht dankbar angenommen wird. Die Kinder belästigen routiniert die Tiere, darunter diesmal auch ein Pony - und freuen sich auf die Betten daheim. (Tanja Paar/DER STANDARD/Printausgabe/14.08.2010)

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    Duftet, pikst und macht Spaß: Stroh, kindgerecht zu Ferien verpackt.

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