Die stürmische Anpassungszeit

15. August 2010, 23:55
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Das Tempo in England kurbelt nicht nur die Stimmung beim Fan an, sondern bereitet auch so manchem Neuzugang gröbere Probleme - Ein Blogeintrag zum Ligastart

Vorab an alle, die vergangene Woche meine Einschätzung nicht glauben wollten, dass Andreas Weimann bei Aston Villa in dieser Saison auf seine Einsätze kommen würde: Ätsch. ;)

Um einige Dinge klar zu machen hat es nicht einmal das komplette erste Wochenende in der Premier League gebraucht. Schon nach 30 Minuten zwischen Tottenham und Manchester City muss jeder erkannt haben, warum die Sommer für anglophile Fußballfans so schwer zu ertragen sind. In dieser Liga wird der schnellste Fußball gespielt - und deshalb der attraktivste.

Wer das herausragende Tempo nicht selbst erkennt, kann besonders zum Saisonstart reihenweise Neuverpflichtungen bei ihren PL-Debüts nach zwanzig Minuten beobachten. Während die Zunge am Boden nachschleift, sticht aus dem Blick in ihren Augen der pure Unglaube: Das Tempo des Spiels auf dem umliegenden Feld kann doch nicht wirklich sein.

Paul Haward beschreibt das im Guardian ganz wunderbar: Ein tiefer Kulturschock mache den Erstauftritt auch von Weltklasseverpflichtungen so amüsant. Leute wie ManCitys David Silva würden eine "kafkaeske Traumwelt" betreten, als wären sie in einer Flippermaschine aufgewacht. Manche Spieler gewöhnen sich schnell daran, andere brauchen etwas länger. Der Fußballfan auf der Insel, ist jedenfalls gewohnt dem neuen Mann nicht gleich die ersten fünf Fehlpässe übel zu nehmen.

Aber natürlich haben die hohen Anforderungen an den Körper auch ihren Preis. "Es ist nicht einfach sich daran zu gewöhnen," erklärte Fernando Torres nach seiner zweiten Saison, "aber wenn du es einmal geschafft hast, willst du nirgendwo anders mehr spielen". Doch er und manch anderer Spieler sehen ihre Gesundheit dadurch auch auf Dauer in Gefahr. "Ich kann mir nicht vorstellen, in welchem Zustand ich in fünf oder sechs Jahren bin, wenn ich hier bleibe", meinte Torres gegen Ende der vergangenen Saison (ein kaum aufgegriffener Sager, wegen dem ich seinen Abgang befürchtete).

Es ist im Angesicht des pausenlosen Energieverschleißes kaum verwunderlich, dass so viele Premier League-Stars bei Welt- und Europameisterschaften nicht fit sind oder ausgelaugt wirken. Die Klasse und die besondere, temporeiche Spielkultur der eigenen Liga sind auch Gründe dafür, warum es so wenige englische Spieler ins Ausland treibt. Die permanent hohe Belastung in der eigenen Liga ist deshalb auch eines der Themen, um das sich der englische Verband kümmern muss, wenn die Nationalmannschaft bei großen Turnieren wieder eine Rolle spielen will.

Ideen werden dazu ab und zu vorgebracht. Mit dem Streichen von einem der beiden Pokale könnten einige Spiele reduziert werden. Allerdings sind Cupspiele meistens eher Bühnen für Reservisten und Jungkicker. Effektiver wäre die Einführung einer Winterpause. Was den Stars die nötige Verschnaufpause verschaffen könnte, würde Fans allerdings schmerzen. Die nach-weihnachtlichen Boxing Day-Spiele sind eine der schönsten Fußballtraditionen. Man kann mir glauben, wenn ich sage: So richtig zu lieben beginnst du die Premier League, wenn du an Weihnachten den Blinddarm rausgenommen bekommst und dich auf der Genesungs-Couch nur toller Fußball vom TV-Wahnsinn der Feiertage rettet. (tsc, derStandard.at, 16.8.2010)

PS: Die relative Mehrheit der Blog-LeserInnen wollte, dass dieser Blog zukünftig "Premier Leaks" heißt. Zwar waren in den Kommentaren auch andere gute Vorschläge, aber 40 Prozent sind ein zu deutliches Signal, um das Votum zu ignorieren. Die Userschaft hat gesprochen.

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