Im Kopf des Kapitäns

15. August 2010, 19:08
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"Herz der Finsternis" bei den Bregenzer Festspielen

Bregenz - Absurde Traumwelten, sichtbar gemachte Verwirrung, Wahnsinn im Angesicht der surrealen Brutalität, zu der Menschen möglich sind: Mit Herz der Finsternis bringt das Deutsche Theater Berlin eine Bearbeitung von Joseph Conrads Roman über den Kolonialismus auf die Bühne, dessen Aktualität auch noch mehr als hundert Jahre später in alle Glieder fährt.

Es ist, als säße man im Kopf des Flussdampferkapitäns Marlow. Seine Reise tief hinein in die damals belgische Kolonie Kongo ist eine Reise zu den Abgründen seines eigenen Ichs. Sein Auftrag ist es, den abtrünnigen Elfenbeinhändler Mr. Kurtz zu finden, der im Herzen des Kongos sein eigenes grausames Imperium aufgebaut hat, über welches er tyrannisch herrscht. Dabei entdeckt Marlow den "schwarzen Kontinent seiner Seele".

In der Inszenierung von Andreas Kriegenburg wird Marlow zum Großteil von einer Frau gespielt. Natalie Seelig erschüttert mit ihrem emotional überzeugend dargebrachten Text und dem erfahrbaren Wahnsinn in ihren Augen. Die zunehmende seelische Zerrüttung des Flussdampferkapitäns spiegelt sich nicht zuletzt darin wieder, dass er von sechs Personen gespielt wird, die abwechselnd den Text übernehmen oder im Chor sprechen.

Das gelungene Bühnenbild von Johanna Pfau ist ein weiß-rosa getünchter Kubus, davor paarweise angeordnete schwarze Leitern. Im grellen Licht der ersten Szenen fühlt man sich an ein Irrenhaus erinnert. Schnell mutiert die Bühne jedoch zum Flussdampfer. Sämtliche Schauspieler wechseln ständig die Rollen, sind einmal Marlow, dann ein Arzt und natürlich immer wieder die namenlosen, schemenhaften "Neger", scheinbare Randfiguren. Dabei werden die Kostüme auf der Bühne gewechselt. Es sind schwarze und weiße Anzüge, dazwischen immer wieder nackte Körper, mit Lehm bemalt. Dazu kommen riesige Puppen, abgemagerte Afrikaner in sitzender Haltung, die von oben herabschweben. Die Köpfe und Augen übergroß, der Rest traurige Skelette. Marlow, der kleine Mensch dazwischen, steht dem großen Elend hilflos gegenüber und irrt wie eine Ameise zwischen ihnen hin und her.

Keine adäquate Umsetzung

Was im ersten Teil des Stückes noch wirkt, wird jedoch in der zweiten Hälfte langatmig. Nicht jede Romanvorlage eignet sich zur Dramatisierung. Die Bearbeitung des Stoffes von Joseph Conrad durch John von Düffel ist ein mutiges Unterfangen, das leider nicht aufgeht. Die erzählerische Struktur des Textes findet keine adäquate Auflösung für die Bühne. Auch wenn einzelne Sequenzen und Bilder der Inszenierung tragen, schafft es die Bühnenversion nicht über einen erzählten Text hinaus. Theater kann mehr.

Trotzdem passt das Stück hervorragend in das Programm der Bregenzer Festspiele und zum Motto "In der Fremde". Es zeigt, was mit dem Individuum in der Fremde im Extremfall passiert. Das archaische Motiv "Elfenbein" kann jeder Rohstoff sein, die Kolonialisierung vergangener Tage ist der Ausbeutung des schwarzen Kontinents heute sehr ähnlich, die Profiteure sind größtenteils immer noch weiß und fremd.

Dazu passt auch die nächste österreichische Erstaufführung im Rahmen der Bregenzer Festspiele: Am 19. August wird Öl von Lukas Bärfuss gezeigt. (Raffaela Rudigier, DER STANDARD/Printausgabe 16.8.2010)

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