Zero Tolerance am Ground Zero

15. August 2010, 18:56
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Obama darf bei Diskussion über Islam-Zentrum in Manhattan nicht klein beigeben

Die Debatte ist schrill und unsachlich, aber vielleicht wäre es naiv, wollte man etwas anderes erwarten. Der Terrorschock vom 11. September 2001 hat sich tief eingegraben ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner. Bei den Hinterbliebenen der Opfer sind die Wunden noch frisch. Kein Wunder also, dass die Auseinandersetzung um eine Moschee am Ground Zero schnell emotionale Züge annimmt.

Dabei stimmt es ja nicht, dass bald hohe Minarette in Manhattan aufragen. Geplant ist ein islamisches Zentrum, mit Bibliothek und Restaurants und Gebetsräumen. Ein Symbol der Versöhnung, der Toleranz, des Dialogs soll es werden, kein Ort der Spaltung und schon gar nicht nachträglichen Triumphgefühls. Die Attentäter um Mohammed Atta, das kann gar nicht oft genug betont werden, stehen nicht für den Islam. Sie haben sich auf den Islam berufen, um ein Verbrechen religiös zu verbrämen.

Michael Bloomberg, der New Yorker Bürgermeister, hat eigentlich alles Nötige dazu gesagt. Dass Toleranz das Lebenselixier der Weltmetropole ist. Dass New York nur groß werden konnte, weil seine Türen allen Menschen offen standen. Und dass es Religionsfreiheit als hohes Gut Amerikas zu hüten gilt. Barack Obama, der Präsident, hat es nun mit anderen Worten wiederholt. Nur haben es weder er noch Bloomberg geschafft, die Wogen zu glätten. Im Gegenteil.

Es sagt einiges aus über den aktuellen Gemütszustand der USA, die derzeit kein Land sind, das gelassen in sich ruht. Es ist voller Unsicherheit, wirtschaftlich in den Schatten gestellt von den Exportweltmeistern aus China und Deutschland. Es ist ein Land, das inmitten der Euphorie um Obama auf Wunder hoffte und umso enttäuschter ist, weil es Zeit braucht, um den unter Bush festgefahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen. In so einer USA fallen populistische Parolen auf fruchtbaren Boden. Da kann sich eine Sarah Palin prasselnden Beifalls sicher sein, wenn sie die "Moschee" hinterm Ground Zero als Stich in die Herzen der Amerikaner bezeichnet.

Das ist es gerade nicht, das Projekt, dem die Lokalbehörden Manhattans längst ihren Segen gaben. Die Idee stammt nicht von Al-Kaida, Osama Bin Laden hätte sie vermutlich kategorisch abgelehnt. Sie stammt von Faisal Abdul Rauf, einem Geistlichen, der sich den Ausgleich auf seine Fahnen geschrieben hat. Der Imam predigt den interkonfessionellen Dialog. Er hatte gehofft, Wunden zu heilen, gerade durch die Ortswahl. Zu Recht erinnert er daran, dass es auch muslimische New Yorker waren, die ums Leben kamen.

Bei allen verständlichen Emotionen: Die USA wären gut beraten, würden sie eine Debattenpause einlegen. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren ihre Politiker stolz auf die Integration von Muslimen, die besser zu funktionieren schien als in Europa. Während Selbstmordattentäter aus Yorkshire in der Londoner U-Bahn Sprengstoffsätze zündeten, schien das Konzept des Einwanderungslandes aufzugehen. Keine Nischen schaffen, keine kulturellen Ghettos, keine Spaltung zulassen, jeder ist vor allem eines - Amerikaner.

In der Vielfalt liegt die Stärke Amerikas, ein islamisches Gotteshaus am Ground Zero gehört zu diesem Puzzle dazu. Es wäre gut, wenn die Populisten darüber nachdenken würden. Und Obama darf jetzt nicht den Eindruck erwecken, zurückzurudern. (Frank Herrmann, DER STANDARD, Printausgabe 16.8.2010)

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