Ein Kaiser, ein Minister und ein gefährliches Spiel

Johnny Erling aus Peking , 15. August 2010, 17:06
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    "Der Staatsschauspieler": das Cover des neuen Buches von Regimekritiker Yu Jie.

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    Yu Jie, Buchautor und Kritiker von Chinas Premier Wen Jiabao.

In Hongkong erscheint am Montag das neue Buch des chinesischen Regimekritikers Yu Jie, in dem er Premier Wen Jiabao stark angreift

Die Staatssicherheit hat Yu Jie bereits gewarnt. Die Veröffentlichung wird zum Testfall. 

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Der Offizier der Staatssicherheit kommt beim Verhör von Yu Jie erst nach zwei Stunden auf sein wahres Anliegen zu sprechen: Er wisse, dass der oppositionelle Autor ein Buch über Chinas Premier Wen Jiabao unter dem provozierenden Titel Der Staatsschauspieler in Hongkong veröffentlichen wolle. Yu Jie solle das besser bleiben lassen. Der 37-Jährige widerspricht: Kritik zu üben, an wem auch immer, sei sein Recht als Bürger. Die Verfassung garantiere es. Und: "Falls Premier Wen mein Buch nicht gefällt, kann er mich kritisieren oder vor Gericht wegen Rufschädigung anklagen."

Was folgte, ist eine deutliche Warnung: Hier gehe es nicht um normale Bürger - Kritik am Premier bedrohe die Staatssicherheit. "Wenn dich jemand anklagt, wird es nicht Wen sein, sondern der Staat. Es ist dann auch kein Zivilverfahren, sondern ein Strafgerichtsprozess."

"Wie Liu Xiaobo"

Die verbale Verwarnung war nur das Vorspiel. Das Verhör an diesem 5. Juli dauerte viereinhalb Stunden, erinnert sich Yu Jie. Sie luden ihn vor, weil "ich unvorsichtig war: Ich hatte über Twitter Freunden mitgeteilt, dass mein Buch über Wen bald erscheint." Die Polizei machte ihm klar, dass es ihm wie dem Dissidenten Liu Xiaobo ergehen könnte, wenn er das Buch veröffentliche.

Vergangenen Dezember war Liu wegen "Untergrabung der Staatssicherheit" zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht legte ihm die Mitverfasserschaft am Freiheitsaufruf "Charta 08" und sechs Internetartikel zur Last.

"Ich habe bisher 29 Bücher und 1500 Internetartikel verfasst", sagt Yu Jie. Der Offizier, der ihn verhörte, drohte unverblümt: "Ich beobachte dich seit zehn Jahren." Er habe alle Bücher, Artikel, Interviews mit Ausländern von Yu Jie gelesen. Er kenne auch dessen Rolle als christlicher Aktivist in Chinas Hauskirchenbewegung, die Yu Jie so bekannt machte, dass dieser mit zwei anderen Christen 2006 von US-Präsident George W. Bush empfangen wurde.

Ein Jahrzehnt Berufsverbot

Die Vorladung bei der Polizei verfehlte ihre Abschreckung auf Yu Jie, der seit 2000 Berufsverbot hat und seit 2004 nicht innerhalb der Volksrepublik veröffentlichen darf. "Ich kann schon hier nicht mehr publizieren. Jetzt soll ich es auch in Hongkong nicht mehr dürfen." Am Montag erscheint Yu Jies Buch über Premier Wen im Hongkonger Verlag New Century.

Pekings Reaktion wird zum Testfall, ob die Behörden wie bisher Oppositionelle ignorieren, die in Hongkong publizieren - oder ob sie an Yu Jie ein Exempel statuieren. Peking hat bisher nicht verhindert, dass systemkritische Bücher in Hongkong erscheinen. Hongkong gehört zwar seit 1997 zur Volksrepublik, darf aber als eigenes Verwaltungsgebiet seine demokratische Struktur behalten.

Bei New Century hat sich Verlagschef Bao Pu, Sohn des einst hohen Regierungsfunktionärs Bao Tong, der heute als Dissident in Peking lebt, auf politisch besonders heikle Bücher spezialisiert. Bao Pu bestätigte, dass Yu Jies Buch mit einer Startauflage von 5000 Exemplaren erscheint.

In seinem Buch kommentiert Yu Jie die Rolle, die Chinas Premier in den acht Jahren seit Amtsantritt gespielt hat. Im Westen und in China machten sich zu viele Illusionen über Wen als angeblich aufgeklärten Reformer. Sein "positives Image" habe stark mit seinen Krisenbesuchen vor Ort zu tun, wie beim Erdbeben 2008. Der Premier habe den Opfern Erklärungen versprochen, etwa für eingestürzte Schulen, aber er blieb sie bis heute schuldig. Niemand sei wegen Korruption und Pfusch bestraft worden, wohl aber kritische Aktivisten, die genau dieses forderten.

Solche Beispiele hätten dem Premier im Internet schon den Spottnamen "Schauspieler" eingebracht. Tatsächlich spiele er nur eine Rolle - im Tandem mit Parteichef Hu Jintao die des gütigen ersten Ministers an der Seite des strengen Kaisers - eine Rollenverteilung, die im autokratisch regierten China herrschaftsbewahrende Tradition hatte. Yu Jies Schlussfolgerung: Ministerpräsident Wen setze sich nicht wirklich für politische Reformen und eine Demokratisierung des Systems ein. (Johnny Erling, DER STANDARD, Printausgabe 16.8.2010)

Kommentar posten
19 Postings
John McLanes Jünger
13
15.8.2010, 22:54

Ich halte es ohnehin für gefährlich das man mit der schleichenden "sanften" Weltmacht so zusammen Arbeitet das sie uns das Wasser abgraben.

Den Chinesischen Politikern wird viel zu leichtfertig der Rote Teppich ausgerollt. Die sollen endlich mal den Tibetern rechte einräumen. Ganz zu schweigen davon das sie Welt weit etwa im Sudan Verantwortung übernehmen anfangen.

Ein weiteres Problem ist das sich China selbst nach außenhin noch immer als Armes Land Präsentiert dadruch können sie sämtliche Umweltstandarts der Industriestaaten umgehen.

Ich Persönlich hoffe das Google mit der Forderung die Internet Zensur aufzuheben nicht alleine bleiben wird natürlich nicht nur im Medialen Bereich sondern überall.

think-nordic
00
16.8.2010, 08:35

Die Facetten China's wundern mich immer noch...

Wussten Sie, dass China der Zweitgrößte Investor in Erneuerbare Energien ist? Große Wasserkraftanlagen nicht (!) mitgezählt.

Dennoch, gebe ich recht, es liegt vieles im Argen. Es bräuchte einen Sun Yat-sen 2.0, diesmal erfolgreich, bitte!

beowulf2
 
22
16.8.2010, 08:32

Haben sie eigentlich auch eine eigene Meinung? Ihr Posting wirkt irgendwie wie eine grobe Zusammenfassung der Medienberichte der letzten Jahre.

thomazz
00
16.8.2010, 10:25

unsere meinung wird eben stark von medienberichten beeinflusst.
jetzt würd mich schon stark interessieren, wie denn deine - von medienberichten völlig unbeeinflusste - meinung zu dem thema ist?

beowulf2
 
00
16.8.2010, 11:21

Fragen sie mich eine halbwegs konkrete Frage und ich versuche ihnen eine konkrete Antwort zu geben.
Meine Meinung zum Thema China oder gar nur zum Thema Wen passt leider nicht in ein 750 Zeichen Posting.

Was jetzt den Artikel betrifft, habe ich hier schon ein paar Postings verfasst. Wenn sie möchten, können sie sich da einhaken.

Senga
01
15.8.2010, 21:02

da hat echt den falschen erwischt,

Wen jia bao ist einer der Fehler eingesteht, er sieht auch ein Verbesserungsbedarf im chin. Menschenrecht, arbeitet tag und nacht, wenn eine Katastrophe passiert ist er immer als erster wichtige politische Persönlichkeit zur Stelle, zumindestens in der KPCh-FÜHRUNG gibt es kaum 2. Mann, der westliche demokratische Werte mehr Anerkennung schenkt als Wen.

Da kann der Autor ruhig mal Hu Jintao hernehmen, und mal über die Korruption schreiben.

Im Westen ist auch sehr selten dass ein Premierminister, ein Tag nach der Katastrophe sofort in dem Gebiet reist. da sollt man ihn mehr Anerkennung schenken!

Hardcoreboson
10
16.8.2010, 09:41
finde ich nicht

beachten sie mal die Rolle von Wen waehrend 1989 - da war er einmal kurz auf der progressiven seite, um sich dann doch noch rechtzeitig auf die hardliner zu unterstuetzten.

Wen gesteht fehler ein - naja genau das ist ja teil der show. er sagt sehr allgemein das es 'in china viel zu tun gibt' - 'das die korruption bekaempft gehoert' udgl. (auch putin prangerte gern die buerokratie und korruption in russland an - hat sich was geaendert?) - ohne namen zu nennen. wenn jemand namen nennt, kriegt er probleme. die KP in beijing spielt hier auch gern ein bisl 'machtlosigkeit' wenns um korruption geht, obwohl sie wenns um regimekriter geht scheinbar doch noch so ein 'bisl' macht hat.

Hu und Wen sind nicht gut fuer china!

Senga
00
16.8.2010, 14:11

Ich gebe Ihnen hier teilweise Recht. Er macht womöglich ein Show daraus, aber welcher Politiker nicht? gefährlich wird es dann wenn ein Politiker aufhört mit den Bürgern zu kommunizieren, in diese Sache bemüht Wen sich zu mindestens, HU Jintao hingegen gar nicht, er sonnt sich als Parteiobhauptmann im Machtzentrum Chinas.

Ein Problem ist Wen hat nicht wirklich Macht inne, das liegt daran dass mómentan die Falken an der Macht sitzt und nicht die Tauben.

h 90
31
16.8.2010, 08:24

Solche Buecher sind zumeist Auftragsarbeiten.
Siehe auch Treffen mit Bush....

bürgerlein
11
16.8.2010, 02:36
Sie sprechen sehr gut deutsch, dennoch:

Mir stellt sich nach lesen Ihres Postings nur die Frage, sind Sie ein Gehirnwäscher, oder wurde Ihr Gehirn gewaschen. In anbetracht Ihres zweifellos hohen Ausbildungsstandards, rechne ich Sie den Gehirnwäschern zu. Ich zähle Sie, als Vertreter oder Fürsprecher eines Landes das andere Völker unterdrückt, nicht zu den Autoritäten, denen ich es zubillige, bedeutendes über demokratische Werte und deren Anerkennung zu schreiben. China wird mächtig werden und eines Tages wieder zerfallen. Ich hoffe die Verbrechen Ihres Landes werden in Erinnerung bleiben, so wie die anderen großen Verbrechen von Unterdrückern.

Senga
00
16.8.2010, 13:50

Ich fühle mich geehrt, dass sie mich als Gehirnwäscher darstellt. Wenn Sie aber mein Text genau lesen würden, würden Sie klar erkennen dass ich kein Verfechter der KPCh bin. Wie auch, komme ja aus Taiwan.

Dass Sie anderen über die Meinung über Demokratie zu verbieten, auch wenn er ein Vertreter der Autoritären Regierungen ist, scheint mir nicht gerade sehr demokratisch zu sein. NIEMAND KANN JEMANDEM DIE MEINUNG VERBIETEN.

Sie sprechen von ein Land die anderen Völkern unterdrücken, wobei gerade die eigene Bevölkerung (Chinesen) die größte Opfer der Willküre sind. Somit sehe ich das Problem in der Regierung und nicht in das Land selbst, welches größtenteils durch eigene Bevölkerung vertreten wird.

bürgerlein
00
16.8.2010, 17:55
nicht böse sein

ich habe ihnen nichts "verboten". ich nehme dieses angepasste statement nur einfach nicht ernst, das ist alles. es liegt mir ausserdem fern sie NICHT zu ehren, nur weil sie einen angepassten standpunkt einnehmen.

Senga
00
16.8.2010, 18:46

haha, wie sie meinen. Sie stempeln jemanden sehr schnell ab. Das zeigt nicht gerade Demokratische Größe. Aber gut, wie Sie meinen.

Closed

beowulf2
 
22
16.8.2010, 08:08

Bei ihnen ist die Antwort wohl klar - sie gehören zu denen den das Gehirn gewaschen wurde. Kein Mensch kann sonst einen derartig hochtrabenden Stuß von sich geben, ohne sich dabei vor lachen in die Hose zu machen.

bürgerlein
01
16.8.2010, 17:52
spät aber doch eine antwort.

lieber wolf, genau das meine ich. ein intelligenter kopf wie der Ihre - im mastdarm der unterdrückung, mental zumindest.
was nützt all ihr wissen und ihre intelligenz, wenn sie damit nicht mehr können als faule kompromisse mit tyrannen schließen, wenn auch nur im geiste, wie ich annehme.
schwache performance, wenn auch gut getarnt als "sachkenntnis", finde ich. "schreibtischtätermentalität" nenne ich es.

beowulf2
 
21
15.8.2010, 23:05
"Solche Beispiele hätten dem Premier im Internet schon den Spottnamen "Schauspieler" eingebracht." Ja und der Dalai Lama wird hier im Forum auch von vereinzelten Postern als Massenmörder bezeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass der DL im Westen

unbeliebt ist. Eher im Gegenteil. Ähnliches gilt für Wen. Hier wird die westliche Öffentlichkeit absichtlich in die Irre geführt und ein Bild von Wen gezeichnet, welches nicht der Realität entspricht. Dies führt zu einer weiteren Entfremdung zwischen Chinesen und Westlern.

Weiters - prinzipiell sollte so ein dummes Buch auch in China erlaubt sein. Ich glaube auch nicht, dass es viel Anerkennung bekommt. Leider reagiert die KP schon fast paranoid auf solche Veröffentlichungen da sie einen Dammbruch befürchten, wenn dies alltäglich wird. Der Westen positioniert sich auch klar als aktiver Förderer und dadurch wird es zu einem Streit zwischen W. und China. Und die chin. Bevölkerung unterstützt dann natürlich die KP.

Hardcoreboson
10
16.8.2010, 09:48
bitte bitte

behaupten sie nicht immer sie sprechen fuer alle 1.1 mrd chinesen. das tun sie nicht. ich kenne genuegent chinesen die Wen SEHR KRITISCH gegenueberstehen.

na klar gibts auch viele die ihn unterstuetzten - und dann gibts noch die wirklich grosse gruppe die gar keine zeit dazu haben sich darueber gedanken zu machen, weil sie einfach damit beschaeftigt sind ueber die runden zu kommen.

und ja das buch sollte in china erlaubt sein - allerdings hier sind sie schon ein bisl naiv. wenn die chinesen ihre eigene regierung naemlich offen kritisieren duerfen, dann gaebs generell kein problem mit dissidenten, keine anklagen unter 'staatssicherheit' und generell deutlich weniger kritikpunkte von menschenrechtsgruppen.

beowulf2
 
00
16.8.2010, 11:17
Sie haben des öfteren schon erwähnt, dass ihre chinesische Freunde, Menschenrechtsaktivisten in Hongkong sind.

Von daher glaub ich ihnen aufs Wort, dass diese Wen gegenüber sehr kritisch gegenüberstehen. Bei der absoluten Mehrheit der Bevölkerung (auch der großen Menge, die besseres zu tun hat, als zu politisieren), hat Wen einen guten bis sehr guten Ruf. Das ist ein unbestreitbares Faktum. Ob es ihnen schmeckt oder nicht. Natürlich kann der Westen, soetwas nicht hinnehmen und man muss sich auf Wen einschießen. Wo kommen wir den sonst hin? ;-)

Was sie fordern, läuft zwangsläufig auf eine westliche Demokratie hinaus. Natürlich gäbe es dann weniger Kritik von Menschenrechtsgruppen. No Na - Jelzin Rußland wurde ja auch weitläufig von westlicher Kritik verschont...

mulligan1
21
15.8.2010, 17:38
ein "berufsverbot" ist im vergleich zum schicksal von menschen, die wegen ihrer kritischen position in psychiatrischen kliniken zwangsbehandelt werden, geradezu harmlos.

und trotz allem:
wenn es um die anbahnung von geschäften geht, dann kriechen unsere politiker (vom kleinen landesreferenten bis zur staatsspitze), die den österreichischen wirtschaftsbossen in china gewisse hintertürchen öffnen sollen, dieser staatsmacht regelrecht in den a..ch und hofieren die vertreter dieser diktatur, wo es nur geht.

menschenrechte ? wo ist das problem ??
"pecunia non olet" ist die devise.

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