Rhetorischer Schliff

15. August 2003, 21:15
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In eiliger Hitze des Gefechtes kann einem schon der eine oder andere Versprecher passieren. Schließlich sind wir ja alle nur Menschen. Und Menschen gibt es trotz allem noch immer allerorten. Wie einst, so auch jetzt. Und dies natürlich auch in Europas gegenwärtiger Kulturhauptstadt. Große und kleine, längere und kürzere.

Große wie Josef Krainer I., den Altlandeshauptmann der Steiermark etwa, dessen 100. Geburtstages heuer schon zu gedenken war. So firm er auf dem politischen Parkett trotz seiner liebens-und bewundernswerten Eigenart, die Dinge unverblümt beim Namen zu nennen, war, so gab es doch auch für ihn - wie für jeden anderen auch - Gefilde, in denen er als lediges Landkind und ehemaliger Forstarbeiter naturgemäß weniger zu Hause war.

In jenen der Kunst zum Beispiel, in denen ihm schon die eine oder andere rhetorische Unschärfe passieren konnte. Ob er nun den Titel der Britten-Oper Peter Grimes tatsächlich so aussprach, wie man ihn schrieb, Solon, den Weisen, in der eingangs erwähnten Hitze des rhetorischen Gefechts in den "Weißen Salon" umbenannte oder einen Großen der Wissenschaft freudig als Nóbelpreisträger (mit Betonung auf dem O) willkommen hieß, man überging derlei kleine Schnitzer des großen Landesvaters mit nachsichtigem Lächeln. Erstens, weil sie seiner Glaubwürdigkeit und seiner Identität nicht den geringsten Abbruch taten, und zweitens, weil er in Hanns Koren einen Kulturreferenten hatte, bei dem alle Steirer den Kunstbereich in kompetenten Händen wussten.

Nicht anders reagierte man, wenn der gegenwärtigen Landesregentin hin und wieder auch ein kleiner Aussprachefehler unterlief. Sogar der berühmte Dirigent Argeo Quadri überhörte als chevaleresker Weltmann, als sie ihm im prunkvollen Rahmen des Schlosses Eggenberg für seine Verdienste im Bereich des "Belzanto" eine hohe Auszeichnung des Landes verlieh.

Wusste doch nicht nur er, sondern auch alle Anwesenden, dass sich das erfolgreiche berufliche Vorleben der Landesmutter ja ebenfalls nicht in den Sphären der Kunst abspielte. Umso mehr zu bewundern war ihre Courage, als sie sich nach der letzten siegreich geschlagenen Landtagswahl auch noch das Kulturressort aufbürdete, zumal derlei "Belzanto"-Ausrutscher nun doch ein anderes Gewicht bekommen.

Wie etwa jener des frisch gebackenen Grazer Kulturstadtrates, der zum Finale des diesjährigen Tagliavini-Gesangwettbewerbs rhetorisch ins Schleudern kam, als er einen braven Tenor als Ténor bezeichnete, was freilich etwas ganz anderes bedeutet.

Wie gesagt, derlei Dinge kommen in den vornehmsten Kreisen vor. Auch wenn sie aus dem Mund des obersten Kunstrepräsentanten einer europäischen Kulturhauptstadt doch ein wenig verwundern. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.4.2003)

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