Virologe Holger Rabenau im Interview

25. April 2003, 19:02
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"Sars wird doch vor allem über die Medien verbreitet" - Das Gespräch führte Andreas Feiertag

An der ausgebrochenen Panik vor Sars seien weniger die Viren als vielmehr die Medien schuld, sagt Holger Rabenau vom Institut für Virologie der Uni Frankfurt, das in das Sars-Netzwerk der WHO eingebunden ist, an der Identifizierung des Erregers mitgearbeitet und die ersten deutschen Sars-Kranken diagnostiziert hat.

STANDARD: Die Medien überschlagen sich mit Warnungen vor Sars. Berechtigt?

Holger Rabenau: Nein. Die Fallzahlen nehmen zwar zu, dies ist aber unter anderem bedingt durch Nachmeldungen, genauere Falldefinitionen und Falleinteilungen. Die Krankheit breitet sich weiter aus, aber in einer Größenordnung, die uns zwar beunruhigt, nicht aber in Panik versetzt. Schon gar nicht in Europa.

STANDARD: Der Erreger, ein neues Coronavirus, soll gerne mutieren. Bestätigen Sie das?

Rabenau: Das dürfte zutreffen. Unsere Daten zeigen, dass das Vermehrungsverhalten des Virus sich stark verändert. Das spricht für Mutationsfreudigkeit, die wir nicht begrüßen, weil sie die Entwicklung von Medikamenten erschwert.

STANDARD: In zehn bis 20 Prozent kommt es zu schweren Erkrankungen, die Sterblichkeit ist von drei auf 5,9 Prozent gestiegen. Wird sie noch höher?

Rabenau: Das ist anzunehmen, wobei wir nicht wissen, ob die Mortalitätsrate nicht bereits von Anfang an schon so hoch war, letztendlich aber durch nicht erfolgte Meldungen unterschätzt wurde.

STANDARD: Damit liegt die Sterblichkeit gut doppelt so hoch wie etwa bei der Spanische Grippe im Jahr 1918.

Rabenau: Ja. Bei dieser Influenza-Pandemie gab es so um die 20 Millionen Tote bei etwa einer Milliarde Infizierten.

STANDARD: Im Vergleich dazu ist Sars so gut wie nicht existent. Ist es die Generalprobe für eine seit langem befürchtete gewaltige Influenza-Pandemie?

Rabenau: Ja, so kann man es sehen. Wir haben gesehen, dass die Weltgemeinschaft gut zusammenarbeitet und auf Derartiges schnell reagieren kann. Mit allen Wenn und Aber. Die WHO hat am 12. März Sars-Alarm geschlagen. In rasanter Zeit wurden dann weltweit entsprechende Informationen zusammengetragen, die zur Identifikation des Erregers beigetragen haben.

STANDARD: An Influenza sterben jährlich Tausende Leute, an Malaria allein in Afrika täglich 3000 Kinder, an Rotaviren weltweit 750.000 Kinder jährlich. Warum also ausgerechnet um Sars so ein Theater?

Rabenau: Das fragen gerade Sie? Sars wird doch vor allem über die Medien verbreitet.

STANDARD: Wir sind schuld?

Rabenau: Die meisten getroffenen Vorsichtsmaßnahmen sind notwendig und gut. Aber die damit einhergehende überzogene Panik wird durch Massenmedien verbreitet, durch Sensationsberichte, Halbwahrheiten und redundante Informationen über Todeszahlen - wenn man etwa hundertmal schreibt, jetzt gibt es schon 217 Tote, jetzt bereits 250. Was sind schon 250 Tote? Es klingt zwar brutal, und ich meine das keinesfalls so. Aber an vielen anderen Krankheiten stirbt eine Vielzahl von Menschen, und die werden in den Medien nicht einmal mit einer halben Silbe erwähnt.

STANDARD: Wer dennoch Angst hat - wie kann er sich schützen? Mit Gesichtsmasken?

Rabenau: Ja. Aber in Europa ist das vollkommen überzogen.

STANDARD: Und in China?

Rabenau: Dort kann die Verwendung einer Maske sinnvoll sein, ist aber sicherlich nicht immer erforderlich auch in einer Millionenstadt wie Peking. Bislang besonders häufig betroffen sind Mitarbeiter im Gesundheitssystem, die in sehr engem Kontakt mit Erkrankten stehen. Wenn mir gegenüber jemand herumrotzt und -hüstelt, würde ich mir wahrscheinlich eine Maske aufsetzen, sonst aber würde ich selbst dort das Tragen einer Maske nicht in jedem Fall für sinnvoll halten.

STANDARD: Wann wird der Höhepunkt von Sars erreicht sein?

Rabenau: Ich hoffe, dass wir spätestens in den nächsten zwei Monaten die Überschreitung des Höhepunktes haben werden, dann sollte es wieder zurückgehen. Aber ich bin von Grund auf ein Optimist. (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe 26/27.4.2003)

Die grassierende Angst vor Sars sei überzogen, kritisiert Virologe Holger Rabenau. Der Höhepunkt der Krankheit sei wahrscheinlich schon in nächster Zeit überschritten. Die Fragen stellte Andreas Feiertag.
  • Virologe Holger Rabenau vom Institut für Virologie der Uni Frankfurt, das in das Sars-Netzwerk der WHO eingebunden ist
    foto: standard

    Virologe Holger Rabenau vom Institut für Virologie der Uni Frankfurt, das in das Sars-Netzwerk der WHO eingebunden ist

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