"Peking ist wie gelähmt"

25. April 2003, 18:34
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Nicht nur das Virus der lebensgefährlichen Lungenkrankheit Sars breitet sich in der chinesischen Hauptstadt aus - auch die Panik

Peking - Die Schlagzeilen der Pekinger Morgenzeitung Zhenbao verspricht: "Wir haben genug Brennholz, Reis, Speiseöl und Salz." Mehr als 20 Jahre lang war der aus Planwirtschaftszeiten stammende Begriff für den Grundbedarf im Leben eines Chinesen nicht mehr gebraucht worden. Wirtschaftsreformen hatten dem Land einen Überfluss an Waren aller Art beschert. Jetzt aber muss man dem Volk wieder sagen: "Habt keine Angst. Wir haben für Vorräte gesorgt."

Gerüchtewelle Peking hat sich von einem Feind in Bedrängnis bringen lassen, den es nicht sieht: dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (Sars). Aber es hört ihn. Die Gerüchte über die Lungenkrankheit breiten sich durch die neuen Medien schneller aus als das Virus. "Was man tausendmal nachplappert, wird zur Wahrheit", warnt ein chinesisches Sprichwort.

Vor wenigen Tagen haben Gerüchte die Pekinger glauben lassen, die ganze Stadt würde als Infektionsgebiet unter Quarantäne gestellt. Die Menschen reagierten mit Angstkäufen. Alle Boulevardzeitungen drucken nun Dementis und zeigen Fotos von tonnenweise nachgelieferten Vorräten. "Das nützt nichts", sagt ein Zeitungsverkäufer, "die Leute glauben der Regierung nichts mehr und lesen auch die Presse nicht. Die meisten bleiben einfach zu Hause."

Man sieht es an den auffällig wenig befahrenen Straßen in Peking: Zur Hauptverkehrszeit eines Werktags herrscht Ruhe wie sonst nur Sonntags. Die Autobusse sind halb leer, Taxifahrer suchen verzweifelt nach Kunden.

Salzlauge gegen Virus Vor dem Kaufhauszentrum "Jing Kelong" aber stellen sich alte Männer und Frauen an. "Wir wollen Salz kaufen". Sie wollen sich den Mund mit Salzlauge ausspülen. "Das ist gut gegen das Virus."

Die meisten Ausländer haben solche Angstreaktionen in Peking noch nicht erlebt. "Alle sind besorgt", berichtet Sieglinde Schindler, die mit ihrem Mann eine große deutsche Fleischhauerei betreibt. "Keiner weiß, wie, gegen wen und wo man sich schützen soll."

Die Angst ist statistisch schon erfasst. Das Pekinger Umfrageinstitut informierte über seine Blitzumfrage unter 1200 Personen in acht Städten: Seitdem die Behörden das wahre Ausmaß der Epidemie veröffentlicht haben, leiden die Bürger in den meisten Städten (bis auf Schanghai und Wuhan) unter Angst- und Panikzuständen. In Peking sind es bereits 79 Prozent.

"Peking ist wie gelähmt, spricht und denkt über nichts anderes", sagte Kahn-Ackermann, der bis 1994 das Goethe-Institut in Peking geleitet hat und nun wieder zu Besuch in die Hauptstadt kam. Er wird, wie viele andere Urlauber, China vorzeitig wieder verlassen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 26/27.4.2003)

Nicht nur das Virus der lebensgefährlichen Lungenkrankheit Sars breitet sich immer mehr in der chinesischen Hauptstadt aus, auch die Angst. Umfragen zufolge leben bereits 79 Prozent der Pekinger in einem Zustand der Panik.
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    Über 600 Mediziner bei einem SARS-Symposion in Hongkong

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