"Argumente für und gegen den Krieg waren allesamt sehr schlecht"

16. September 2003, 17:44
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Der Geschichtsprofessor Dan Diner im ALBUM-Interview: "Pazifismus ist so etwas wie eine kontraphobisch nachgeholte Reaktion auf die schier grenzenlos ausgeübte Gewalt der Nazis"

Freund: In einer deutschen Tageszeitung steht heute, wenige Tage nach Ende des Irakkrieges, es wäre ein Akt intellektueller Redlichkeit für die deutschen Kriegsgegner, wenn sie jetzt zugeben würden, dass der Krieg mit dem Sturz des Diktators Gutes bewirkt hat. Trifft das nicht genau Ihre Kritik an den deutschen linken Intellektuellen?

Diner: Das ist kein linkes Phänomen. Der Begriff ist falsch gewählt – geradezu entleert. So hätte man vielleicht früher argumentiert. Heute handelt es sich vielmehr um eine flächendeckende, um eine gleichsam habituelle nationale Gemütslage. Man mochte mit guten Gründen für oder auch gegen den Krieg gewesen sein. Doch die zu vernehmenden Argumente waren allesamt schlecht, sehr schlecht. Sie waren wirklichkeitsverzerrend. Wilde Projektionen, die meist aus ebenso tiefem wie trübem Wasser schöpften – transgenerationell übertragene Befindlichkeiten, tief in die Geschichte zurückreichend, vornehmlich in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der jenen in Anschlag gebrachten Bildern und Metaphern nach, wie Gewalt überhaupt, mit Amerika in Verbindung bringt. Was fehlt ist so etwas wie Urteilskraft. Vor allem ist das intellektuelle Vermögen, Gewalt zu dechiffrieren und als solche auch zu unterscheiden, gänzlich verloren gegangen. Alles wird über einen Kamm geschoren. Der Pazifismus ist so etwas wie eine kontraphobisch nachgeholte Reaktion auf die schier grenzenlos ausgeübte Gewalt der Nazis. Wie für einen erfolgreich entzogenen Süchtigen bereits der geringste Tropfen Alkohol die Drohung einer Rückfälligkeit in sich birgt, wird in Deutschland auf militärische Gewaltanwendung reagiert. So verkommt jede Wahrnehmung zu einem Mummenschanz der Phantasie. Die Realität interessiert nicht. Weder ist man über Amerika informiert, noch weiß man mit der leisesten Kenntnis der Verhältnisse im Irak aufzuwarten. Aber was soll´s. Hauptsache die eigene Befindlichkeit wird gestillt. Die Berichterstattung sprach darüber Bände. Die Medien wirkten wie gleichgeschaltet – ganz ohne Schrifttumskammern. Wie in der Vergangenheit musste man BBC hören, um halbwegs informiert zu sein. Der Ausgang des Krieges sollte in der Tat zu mehr Nachdenklichkeit führen. Aber der alte Text wird weiter fort geschrieben, als sei nichts geschehen. Dabei wäre Einsicht in die neuen Weltverhältnisse ein Gebot der Klugheit. Eine Wahrnehmung des veränderten Gewichts wie die Rolle der Vereinten Nationen etwa. Oder der in Europa im Unterschied zu Amerika kaum recht zur Kenntnis genommene Gegensatz zwischen territorialstaatlich gestützter nationaler Souveränität einerseits und die eben jene Souveränität unterlaufenden Menschenrechte und ihre je nach Lage erforderliche Durchsetzung andererseits. Wann, wie und durch wen dies zu erfolgen habe ist selbstredend ebenso zu diskutieren wie zu institutionalisieren. Die rhetorische, von der Volksmeinung skandalös uninformierte Zitierung des Völkerrechts ist eine für die herrschende Geisteshaltung symptomatische, leere Ersatzhandlung.

Freund: Ich habe in Ihrem Buch Der Krieg der Erinnerungen und die Ordnung der Welt (1991) Ihre Kritik an den Reaktionen auf den ersten Irakkrieg gelesen. Wie weit sehen Sie da identische Muster? Oder hat sich zwischen dem ersten und dem zweiten Irakkrieg doch etwas verändert?

Diner: Es hat sich insofern verändert, als die Abwehr damals eher, so schien es jedenfalls, von den Rändern der Gesellschaft kam, und inzwischen ist sie gleichsam flächendeckend geworden. Im Prinzip würde ich fast meinen, es ist eine Erweiterung dessen, was ’91 schon zu bemerken war, es hat sich erwiesen, dass es viel, viel tiefer gegangen ist, als ich es damals vermutet hatte.

Freund: Oder dass sich die Kritik vielleicht ausgeweitet hat?

Diner: Vertieft und ausgeweitet. Vertieft, weil die Dinge klarer zum Ausdruck kommen und ausgeweitet, weil es viel weitere Bevölkerungsschichten umfasst.

Freund: Überspitzt gesagt entlarven Sie in Ihren Büchern Anti-Amerikanismus als versteckten Anti-Semitismus, den Anti-Kapitalismus als antimodernistische Deutschtümelei, eine gewisse Variante des Anti-Faschismus als Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit – ich kenne niemanden, der das intellektuelle und Medienestablishment so radikal und tiefgründig kritisiert hat. Wie kann eigentlich ein Deutscher Kritik üben, ohne dass es fast automatisch auf ihn zurückfällt?

Diner: Was ich voraussetzen würde in diesem Diskurs ist, dass er vernünftig, als rational geführt wird, plus einem gewissen Zubrot, das auf Ihre Frage, glaube ich, präziser eingeht. Ich würde das wie folgt sagen: Jeder Mensch, und nicht nur Deutsche, Menschen sind nicht frei von der Geschichte und damit von der unsichtbaren Hand der Erinnerung, die sie gleichsam lenkt und leitet. Ich würde sagen, dass der zweite Weltkrieg ein Gründungsereignis, nicht nur für Deutschland sondern für Europa und vielleicht auch darüber hinaus gewesen ist und dass die Prägung des zweiten Weltkrieges dem Menschen gleichsam in die Knochen gefahren und zur zweiten Natur geworden ist. Wenn man sich darüber verständigen kann, ist eine Schneise geschlagen zu einem rationalen Diskurs, der zur Kenntnis nimmt, dass dieser zweite Weltkrieg diese Wirkung hatte und dass wir die Welt immer noch aus dieser Perspektive wahrnehmen und interpretieren. D.h. in Deutschland werden die Amerikaner irgendwo als diejenigen angesehen, die die deutschen Städte platt gemacht haben, die Amerikaner kämpfen unredlich, die benutzen die Luftwaffe usw. usf. Die Briten sind perfide. Das sind alles Traditionen, die aus dem 19. Jahrhundert in das 20. herüber reichen und dann im zweiten Weltkrieg sich verdichtet haben. Dadurch dass allen Deutschen klar ist, dass das nationalsozialistische Regime ein verbrecherisches gewesen ist und dass das deutsche Selbstverständnis darauf basiert, sich davon abzugrenzen, nimmt man gleichzeitig nicht wahr, in welcher Weise man affiziert ist. Nicht vom Nationalsozialismus, sondern von den Reaktionen auf den Nationalsozialismus, die wiederum den Nationalsozialismus spiegeln, als Verkehrung. Und ich denke, solange diese Blockade nicht aufgelöst werden kann, wird sie immer wie ein Prisma die Realität wahrnehmen und, wie ich meine, fehl wahrnehmen. Es gibt also überall unterschiedlich gewichtete, abwehrende, negative Haltungen Amerika gegenüber, die aber letztendlich alle darauf hinaus laufen, dass Amerika das Gegenteil darstellt, oder, wie Hegel das ausdrückte: Es ist die bürgerliche Gesellschaft ohne Staat, es ist ein Land, das nur aus Werten und Prozeduren besteht, es ist kein ethnisches Gemeinwesen, es ist kein territoriales Gemeinwesen, es ist all das nicht, was Europa ist. Aber Europa sucht in Amerika sich selbst.

Freund: Sie haben gesagt, Sie kritisieren die Intellektuellen insgesamt, aber mir kommt schon vor, Sie kritisieren die Linke besonders und zwar nicht aus einer Position des Antagonismus, sondern fast von innen, aus Sympathie heraus.

Diner: Ich komme ja aus dieser Tradition und was mich aus dieser Tradition herausgedrängt hat, war eine relativ frühe Wahrnehmung genau dieser Phänomene. Weit vor ’91, das war schon Ende der 70er Jahre, dass mir die Friedensbewegung und die Kritik an der Nachrüstung - nicht dass es die Kritik gab, sondern die Form der Kritik an der Nachrüstung - mir deutlich machte, dass es hier um noch ganz andere Dinge geht, dass es hier nur ein frei floatierendes Gefühl gibt, das mit der Vergangenheit in Verbindung steht, und sich auf alle möglichen Dinge legt. Ich würde es vielleicht so ausdrücken: es legt sich wie Mehltau auf diese verschiedenen Gegenstände und die Personen empfinden nicht, dass das nicht die Realität ist, die sie sehen, sondern eine verschobene Realität, eine verdeckte Realität.

Freund: In der überarbeiteten Version Ihres Buches zum Anti-Amerikanismus, Feindbild Amerika, sprechen Sie im letzten Kapitel zu den Reaktionen auf den 11. September den Anti-Amerikanismus global. Das Buch geht jetzt also von den deutschsprachigen Ländern aus und weitet sich dann global. Fast möchte man glauben, dass, zumindest in den EU-Bereich, die Deutschen diese Kritik exportiert haben. Oder ist es, wie Sie es gerade mit Frankreich gesagt haben, jeweils immer hausgemacht?

Diner: Es ist hausgemacht. Es gibt eine Gemeinsamkeit und diese Gemeinsamkeit ist die Reaktion der sogenannten Traditionsgesellschaften auf die Hypermoderne, die Amerika darstellt. Das ist grundsätzlich der Fall und beruht auf der Annahme, dass es auf unserem Globus zwei Welten gibt: Amerika und den Rest der Welt. Und insofern sind die Reaktionen des Westens auf dieses Amerika jeweils identisch, als sie das in Amerika sehen, was sie als Moderne und Hypermoderne bedroht und ihre Tradition zu zersetzen vermeint, aber die Reaktion darauf ist immer kulturspezifisch und politisch partikulär.

Freund: Der zweite Irakkrieg hat ja nicht nur eine Polarisierung zwischen Europa oder Teilen Europas und den USA gebracht, sondern auch eine Polarisierung innerhalb Europas. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Zukunft der europäisch-amerikanischen Beziehungen? Glauben Sie, dass durch den EU-Beitritt von Staaten in Mittel- und Ostmitteleuropa wie Polen, Tschechien oder Ungarn die EU tatsächlich amerikanischer wird, wie von manchen behauptet?

Diner: Ich würde meinen, dass sich doch eine Angleichung einstellen wird. Dass Amerika im „neuen“ Europa höher angesehen wird, als im westlichen, hat natürlich mit 1989 zu tun. Man darf nicht vergessen, was viele Deutsche gar nicht wahnehmen, dass es Bush Vater war, der die Wiedervereinigung herbeigeführt hat und weniger Kohl und Gorbatschov. Bush hat im Unterschied zur Strategie des containment ja begriffen, dass die Veränderung viel tiefer geht und hat einem roll back bzw. einer Strategie der Demokratisierung den Vorzug gegeben vor einer Strategie des containment und der Stabilität. Ich denke, dass dies kein Hindernis sein wird, was die Vereinigung Europas angeht. Aber bezüglich der Probleme, die an Europa herangetragen werden, jetzt in dieser neuen Welt in der wir uns befinden, dass Europa eine gemeinsame Verteidigungs- und Außenpolitik entwickeln muss, da habe ich meine Bedenken. Die Europäer glauben, dass ihr Vereinigungsprojekt in Analogie zu Amerika erfolgen kann. Das ist nicht der Fall. Amerika ist ein unitares Gemeinwesen. Europa ist eine Komposition unterschiedlicher politischer Kulturen und in der Frage der Verteidigung oder der Sicherheitspolitik bedarf es Entscheidungen, die schwierig durchzusetzen sein werden, weil die politischen Kulturen so unterschiedlich sind. Zudem glaube ich nicht, dass die Europäer in den nächsten Jahren, um nicht zu sagen: nächsten Jahrzehnten, überhaupt in der Lage sein werden, militärisch, militärtechnisch und politisch, handeln zu können über ihre Glacis hinaus. Allein der Hinweis darauf, dass die Bundeswehr ihre Truppen aus Afghanistan gar nicht eigenständig nach Deutschland transportieren kann und dazu die amerikanischen Lufttransportkapazitäten benötigt ist nur ein Hinweis darauf. Das sind ganz langfristige Entwicklungen und die europäische Integration, um erfolgreich zu sein, kann nur eine weiche Integration sein. Es kann keine harte, also eine absolute Integration sein. Und insofern sind die Vereinigten Staaten schon singulär und nicht das Modell eines vereinten Europas.

Freund: Was sagen Sie zu der manchmal genannten „Achse“ Paris – Berlin- Moskau?

Diner: Ich denke schon, dass die drei sich näher gekommen sind, aber diese Nähe ist bedenklich für den Integrationsprozess Europas, da Russland ja kein Teil der Europäischen Union ist und dieses kurze Schließen zwischen Frankreich und Deutschland und Russland bedeutet ein Ausschließen der anderen europäischen Staaten, vor allem derjenigen, die sich als Nachbarm Russlands empfinden, vor allem Polens. Das gilt ja auch für Rumänien oder andere Gemeinwesen, die diesen kurzen Draht zwischen Paris, Berlin und Moskau eher als eine Bedrohung empfinden, entweder, weil man sie übergeht in den Entscheidungen oder weil ein sich stärkendes und stabilisierendes Russland sich nicht damit zufrieden geben wird, was im Jahr 1991 eingetreten ist. D.h. es bringt ein Element der Destabilisierung, was die Integration angeht.

Freund: Wie ist die sich vielleicht gerade herausbildende neue europäische Identität kompatibel mit der amerikanischen? Sind da nicht Konflikte vorprogrammiert?

Diner: Wie ist die sich vielleicht gerade herausbildende neue europäische Identität kompatibel mit der amerikanischen? Sind da nicht Konflikte vorprogrammiert? Es scheint so, als diene der Konflikt um den Irak den Europäern als so etwas wie ein Gründungsakt ihrer selbst. Bliebe es dabei, hätten die Europäer das Nachsehen. Die Vorstellung, bei Amerika handele es sich zwar um ein zu groß geratenes, aber doch mit Europa oder anderen Mächten kompatibles Gemeinwesen, führt, wie schon einmal in der Vergangenheit, in die Irre. Das Prinzip Amerika ist zwar weniger als die Menschheit, aber bei weitem universeller als jeder wie auch immer verfasste Territorial- und Nationalstaat. Schließlich ist Amerika mehr Zeit als Ort, Europa mehr Ort als Zeit. Und als ein die Zukunft versinnbildlichtes Land ist es überall Präsent und jedermanns mächtiger Nachbar. Die Vereinigten Staaten haben sich zudem als so etwas wie ein Gegensatz zu Europa ausgebildet. Die Neue Welt setzte sich vornehmlich aus Menschen zusammen, die Europa aus guten, jedenfalls in ihrer Not aus durchaus nachvollziehbaren Gründen verlassen haben. In Europa ist allenthalben jener Dünkel zu verspüren, in dem sich Überlegenheit wie Neid Amerika gegenüber mischen. Und das von Menschen, die von Amerika nur das von ihnen selbst gewobene Bild kennen und diese Imago mit der Wirklichkeit verwechseln – bis sie – meistens über eine tiefe narzisstische Kränkung, Amerika erfahren. Aber auch das wird sie nicht davon abhalten, Amerika weiter herabzusetzen. Die Vorstellung, Europa könnte Amerika Paroli bieten, ist jedenfalls ein Ausfluss jeweils nationalistischer Phantasien. Die Deutschen, die an der Erinnerung des Luftkrieges leiden, die Franzosen, deren Veto im Sicherheitsrat ebenso ein Geschenk Amerikas war, wie die Vereinigten Staaten im August 1944 den Panzern der Freien Franzosen unter Leclerc aus Nachsicht das Einfahren in Paris überließen – alles geliehene Macht. Obendrein haben die Amerikaner die Franzosen veranlasst, ihr Kolonialreich aufzugeben. Die Kränkungen sitzen tief. Ihre Kompensation soll Multipolarität heißen. Aber was ist, wenn die Gewichte so ungleich verteilt sind? Europa wird nicht umhin kommen, Amerika im Bereich der Sicherheitspolitik so etwas wie eine globale Prärogative einzuräumen. Oder und um der Praxis halber: Sollten sich Indien und Pakistan wieder einmal nuklear gegenüberstehen, dürfte es zur Abwendung einer Katastrophe kaum ausreichen, wenn sich Herr Chirac zwischen beide zu stellen versucht. Diese Macht liegt eben bei Amerika. Dies will nicht heißen, Europa möge sich jeden Gewichtes begeben. Im Gegenteil. Aber Europa sollte sich Mittel bedienen, die eine Justierung Amerikas dienen – also die Nähe zu Washington, um Einfluß auszuüben, genau das, was gerade in der Irak-Krise vor dem Krieg ausgeblieben war. Europa als komplementäre Macht zu Amerika, keine Gegenmacht.

Freund: Ich möchte in diesem Zusammenhang versuchen, Ihre Thesen vom historischen Gedächtnis auf die europäisch-amerikanischen Beziehungen anzuwenden. Die Europäer haben ja in bezug auf die Amerikaner in ihr Gedächtnis eingeschrieben, wenn sie es auch nicht wahrnehmen wollen, dass sie bzw. ihre Vorfahren die Ausgewanderten verfolgt bzw. diese ausgebeutet hatten. Darin würde doch nach Dinerschem Denken folgerichtig ein Grund für den europäischen Anti-Amerikanismus liegen. Man will nicht wahr haben, dass man diesen Menschen bzw. deren Nachfahren gegenüber Schuld abzutragen hat und aufgrund dieses Schuldkomplexes würde sich dann Anti-Amerikanismus entwickeln. Kurz gesagt: Die Europäer nehmen es den Amerikanern übel, dass ihre Vorfahren die Vorfahren der Auswanderer unterdrückt hatten. Frage dann: Ist vor diesem Hintergrund des Schuldbewusstseins ein Ende dieses Anti-Amerikanismus überhaupt denken? Und die zweite Frage, die sich ganz konkret darauf bezieht: Sie analysieren dieses Gedächtnis, aber haben Sie auch ein konkretes Rezept, wie man die daraus entstehenden Konflikte lösen könnte?

Diner: Ich denke, dass die Ablehnung, die Abwehr Amerikas, ein tiefes Fundament europäischer Selbstverständnisse ist und ich glaube, dass sich das nur auflöst, wenn Europa und die europäischen Gesellschaften jene Vielfalt zulassen, die für Amerika grundlegend ist. Was man unter multikulturellen Öffnungen der Staatsbürgerschaft versteht, ist ja für Amerika die Grundlage des Gemeinwesens und in dem Augenblick, wo begriffen wird, dass diese Öffnung eigentlich das mit impliziert, was wir gemeinhin als Amerikanisierung bezeichnen, wird es zu einer Annäherung der Bezüge dessen führen, was man unter Europa versteht, im Unterschied zu Amerika. Und Amerika wird natürlich auch in der Lage sein, durch Globalisierung, durch eine größere Nähe zu den Traditionsgesellschaften und ihre Diasporas, die besonderen kulturellen Prägungen der Traditionsgesellschaften zu verstehen. Insofern sehe ich und wünsche mir auch eine Annäherung, ein Sich-Öffnen Europas in Richtung amerikanischer Lebens- und Verfassungsformen und einer stärkeren kulturalistischen Wahrnehmung von Traditionsgesellschaften in den Vereinigten Staaten, aber ich glaube, dass dieser Prozess ohnehin begonnen hat. Das Merkwürdige ist, dass gerade diese neokonservativ beeinflusste, republikanische Administration symbolisch diese Öffnung zu den sogenannten Minderheiten vorgenommen haben, wo wir eine merkwürdige Verkehrung sehen, nämlich dass die Republikaner demokratische Positionen wahrnehmen. Sie werden zu neuen Republikanern, die aber den alten Republikanern entsprechen, wenn wir etwa Persönlichkeiten wie Abraham Lincoln nehmen, denn das sind ja Republikaner gewesen, die den amerikanischen Bürgerkrieg im Sinne der Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung geführt haben. Insofern öffnet sich dahin auch ein Blick für die Paradoxie. Die Frage zum Gedächtnis. Ich bin der Auffassung, dass Europa nur in einem übernationalen Sinne Europa werden kann, wenn die partikulären, nationalen Gedächtnisse neutralisiert werden. Und das ist genau das, was in Amerika geschieht. Es gibt kein Gemeinwesen, in dem partikuläre Zugehörigkeiten so hervorgehoben werden, wie in den Vereinigten Staaten. Aber sie sind entpolitisiert. Denn Amerikaner sein, bedeutet ein Verfassungsbewusstsein und ein Bewusstsein für Prozeduren zu haben. Und insofern denke ich, dass die Globalisierung selbst eine derartige Angleichung im Sinne einer Neutralisierung von Herkunft, Religion, Ethnie nach sich ziehen wird und zwar nicht indem die Menschen das übersehen, sondern indem sie farbenblind werden.

Freund: Und Sie glauben, das wird in bezug auf das Gedächtnis gelingen. Denn eigentlich ist dieses Buch, soweit ich es gelesen habe, eine beeindruckende Darstellung, wie schwierig es wird.

Diner: Ja, die Darstellung der Schwierigkeit bedeutet nicht, dass man die Schwierigkeit verlängern will.

Freund: Worin sehen Sie eigentlich die Signifikanz der gegenwärtigen amerikanischen Administration?

Diner: Vor vielen Jahren fiel mir ein von nach Amerika emigrierten 1848er Revolutionären verfasstes Manifest in die Hände. Dort forderten die mitteleuropäischen Emigranten eine militärische Intervention der „imperialen Republik“ zum Sturze der Despotien in Europa. Ich will dabei nicht der Analogie verfallen, die gegenwärtige amerikanische Administration spiegele diese Tendenz etwa wider. Aber manches lädt in der Tat zum Nachdenken ein. Als konservativer Mensch habe ich allerdings so meine Probleme mit einer solchen Art demokratischen Bolschewismus. Dies schon allein deshalb, als hier ein politischer Zeithorizont in Stellung gebracht wird, der weit über die Lebensdauer der politischen Akteure hinausreicht. Solche Zeithorizonte werden problematisch, wenn sie zur strategischen Begründung von Politik herhalten sollen. Aber nach dem 11. September hat sich in Amerika viel verändert. Amerika hat sich einer Strategie verschrieben, die eine Veränderung der Welt impliziert. Die historisch notorische Ambivalenz von Isolationismus und Interventionismus scheint in einer dritten Haltung wie eingeschmolzen. Schon allein um die Welt für Amerika sicher zu machen, muss diese demokratisch werden. Ein Neu-Wilsonianismus, zu dem Amerika heute freilich das Potential hat. Damit steht auch eine tiefgehende Veränderung des Völkerrechts an, das in seinen Begriffen wesentlich dem klassischen europäischen Territorialstaat entsprochen hat. Wir haben es wirklich mit einer neuen Welt zu tun, verbunden mit dem von den Verhältnissen ausgehenden Zwang, Begriffe und Konzepte neu zu erlernen. Dies ist ein schwieriger und langer Lernprozess.

Freund: Vor allem wo das Völkerrecht ja als etwas wohl Definiertes scheint ...

Diner: ... scheint, ja. Wir wissen ja noch gar nicht so recht, was das Völkerrecht bedeutet, weil das Völkerrecht selbst noch gar nicht zur Geltung kam. In der Zeit des kalten Krieges war es auch aufgehoben. Plötzlich ist die Rede vom Völkerrecht. Was eigentlich gemeint wird, ist die Nichtintervention in den territorialen, souveränen Staat im Sinne des cuius regio, eius religio. Das ist eine völlig traditionelle Wahrnehmung, die mit unserer Lebensform nicht mehr einher geht. Ich glaube, dass das Völkerrecht nicht grade durch die Haltung der Amerikaner aus den Angeln gehoben wurde, sondern längst tümpelte und gar nicht recht zur Geltung kommen konnte und dass die rhetorische Berufung auf das Völkerrecht an der Realität vorbei geht.

Freund: Nachdem wir über die deutschen Antikriegsproteste gesprochen haben: wie steht es eigentlich mit den amerikanischen Gegenstücken? Sehen Sie amerikanische Antikriegsgegner etwa im Sinne von Paul Hollander auch als anti-amerikanisch? Verarbeiten die auch ungelöste eigene Probleme? Ich denke etwa an Leute wie Chomsky, aber auch an Leute aus der Medienindustrie.

Diner: Es gibt unterschiedliche Stufen. Einmal würde ich sagen – das klingt jetzt sehr polemisch – dass amerikanische Intellektuelle durch ihre Intellektualität und Beschäftigung mit Europa eigentlich lieber in Europa leben würden und keinen scharfen Blick auf ihre eigene Gesellschaft werfen. Das ist das eine. Zum andern ist viel Kritik in den Vereinigten Staaten eine Kritik aus falschen Gründen. Einmal scheint es für viele eine Art Wiederholungszwang zu sein, was Vietnam angeht, dass man biographisch sozusagen nochmal wie ein Pavlovscher Hund gefordert ist. Das andere ist aber, dass die Kritik, die traditionelle Kritik amerikanischer Demokraten, linker Demokraten, sozialdemokratisch orientierter Amerikaner – was ja auch wiederum europäische Konzepte sind – an der republikanischen Administration aus inneramerikanischen Gründen, sprich Gesundheitssystem, Steuerpolitik, Fragen der Abtreibung, Fragen des Eindringens der Religiosität in den öffentlichen Raum, das ist eine völlig nicht nur legitime sondern von mir auch unterstützte Kritik, dass sie aus diesen Gründen das Handeln dieser Administration nach dem 11. September im Kontext einer völlig sich verwandelnden Welt falsch oder nicht richtig wahrzunehmen vermögen. Insofern ist es fast eine richtige Kritik am falschen Objekt. Es geht gar nicht um diese Fragen, die hier vorgebracht werden und so ist die Kritik in den Vereinigten Staaten an der Politik der Administration aus vielerlei Quellen gespeist. Es gibt natürlich so etwas wie einen amerikanischen Anti-Amerikanismus, der sich jenseits einer berechtigten Kritik am amerikanischen Verhalten bewegt sondern eigentlich eine Kritik an einer amerikanischen Institution ist und die geht über das hinaus, was man, sagen wir, als politisch angemessen oder rational begreift. Interessanterweise geht es auch in Richtung europäisch angehauchter Verschwörungstheorien, in denen die Macht des Geldes, der Börse ...

Freund: Obwohl für mich Amerika das Land der Verschwörungstheorien schlechthin ist. Die amerikanische Kultur ...

Diner: ... neigt dazu. Es ist wahrscheinlich schon eine Reaktion, da haben Sie wahrscheinlich recht, es ist auch eine Reaktion der grassroots democracy gegenüber dem, was man unter big government versteht. Big government eben im Kontext der Verschwörungszusammenhänge interpretiert. Und insofern ist es fast ein Umkippen der amerikanischen grassroots democracy, die sozusagen von den kleinen Einheiten ausgeht, aber dann die großen mit dieser Perspektive nicht mehr versteht. (ALBUM/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.4.2003)

Dan Diner ist Professor für Neuere Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem und Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. Seine Bücher befassen sich vor allem mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, mit der Geschichte des Vorderen Orients und mit der jüdischen Geschichte. Seine provokanten Thesen zum deutschsprachigen Amerikabild sind vor allem in einer 2002 unter dem Titel Feindbild Amerika: Über die Beständigkeit eines Ressentiments neu aufgelegten Untersuchung enthalten, wo er die antisemitischen, deutschnationalen und sogar nationalsozialistischen ideologischen Konstanten der deutschsprachigen Amerikakritik von Nikolaus Lenau bis zu den Reaktionen auf die Terrorangriffe des 11. Septembers untersucht. Gerade erschienen ist der Essayband Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten (München: Beck, 2003).
  • Artikelbild
    foto: bruni meya
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