Corncordia-Preise an "Augustin" und ROI vergeben

27. April 2003, 16:26
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Ehrenpreis an Historikerin Brigitte Hamann - Kritik an Einstellung von ROI

Im Vorfeld des Internationalen Tags der Pressefreiheit am 3. Mai sind am Freitag in Wien die renommierten Concordia-Publizistikpreise vergeben worden. In der Kategorie Menschenrechte ging die Auszeichnung an das Obdachlosenprojekt "Augustin", das in Wien die gleichnamige Straßenzeitung herausgibt. In der Sparte Pressefreiheit wurde Radio Österreich International (ROI) ausgezeichnet. Beide Preise sind mit je 3.650 Euro dotiert. Der Ehrenpreis wurde der Historikerin und Autorin Brigitte Hamann für ihr Lebenswerk verliehen.

Kritik

Kritik an der Einstellung von Radio Österreich International, das laut Preis-Jury "gelebte Informationsfreiheit" vermittelt habe, stand bei der Veranstaltung im Vordergrund. Ab 1. Juli wird auf den Frequenzen des Auslandsdienst Ö1 zu hören sein, täglich ist ein englischsprachiges Journal geplant. Französisches und spanisches Programm wird es nicht mehr geben. Johannes Strohmayer, dessen Stiftung den Pressefreiheits-Preis finanziert, forderte "Nachdenken bei der Bundesregierung und beim ORF" bezüglich dieses Schrittes.

"Wohl eines der besten Kulturradios"

Der OSZE-Medienbeauftragte Freimut Duve strich die Bedeutung von Auslandsradios für Staaten hervor, in denen es keine freie Meinungsäußerung gibt. "Stimmen aus den Demokratien sind in Krisenzeiten von ganz besonderer Bedeutung." Dass Österreich darauf verzichte, eine solche Stimme zu sein, sei "sehr bedauerlich". ROI-Chef Michael Kerbler räumte ein, dass mit Ö1 unbestritten "wohl eines der besten Kulturradios" zu hören sein werde. Aber: "Ö1 sendet deutsch, und die Hörer in der Welt da draußen werden es einfach nicht verstehen. Sie werden Österreich nicht mehr verstehen." ROI gibt das Preisgeld übrigens an die russische Journalistin Anna Politovskaja weiter, die sich durch ihre couragierte Berichterstattung "über den Krieg Russlands gegen Tschetschenien" auszeichne, kündigte Kerbler an.

"Eine Special Interest-Zeitung der besonderen Art"

Das starke soziale Engagement des Projekts "Augustin" war ausschlaggebend für den Preis in der Kategorie Menschenrechte. "Der 'Augustin' ist eine Special Interest-Zeitung der besonderen Art", sagte Laudator Michael Landau, Direktor der Caritas Wien. Der "Augustin", der alle 14 Tage in einer Auflage von 30.000 Stück von Obdachlosen vertrieben wird, zeige, "wie es sich lebt, überlebt und manchmal auch stirbt am Rande der Gesellschaft".

"Laboratorium für Selbstbewusstsein"

Zugleich sei die Zeitung, die seit 1995 existiert, ein publizistisch professionelles Produkt, das darüber hinaus nicht nur über Obdachlose berichte, sondern durch ihre Einbindung in die Redaktion als "Laboratorium für Selbstbewusstsein" wirke. Damit und mit seinen zahlreichen Folgeprojekten sei der "Augustin" unerlässlich "für den sozialen Grundwasserspiegel unseres Landes und der Stadt", sagte Landau. "Augustin"-Obmann Karl Berger verwies aber auch auf die "Entlastungsfunktion", die das Projekt wahrnehme, indem es Armut und die Anliegen von Obdachlosen aufzeige, wogegen die Wohlhabende wegschauten.

"Der Historiker hat kein Richter zu sein"

Die Historikerin Brigitte Hamann, die mit ihren Werken etwa über Kaiserin Sisi oder Adolf Hitler ein breites Publikum erreichte, wurde von Laudator Hugo Portisch als eine Autorin, die "im Zweifelsfall immer für die Sache, für die Personen, mit denen sie sich beschäftigt" stehe, gewürdigt. "Der Historiker hat kein Richter zu sein. Er muss veranschaulichen und erklären. Das Urteil muss sich der Leser selbst bilden." Hamann arbeite nach diesen Prinzipien und hinterfrage auch scheinbar unwiderlegbare Fakten stets gründlich. (APA)

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    Der Ehrenpreis ging an Historikerin Brigitte Hamann

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