Obama relativiert Aussagen im Streit um Moschee

15. August 2010, 17:11
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Der US-Präsident hat das geplante islamische Zentrum nahe Ground Zero mit einem Plädoyer für Religionsfreiheit verteidigt

Nach Kritik von Hinterbliebenen rudert Obama einen Tag später zurück.

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Wenn Sally Regenhard vor eine Kamera tritt, dann fast immer mit einem Foto in den Händen einem Bild von Christian, ihrem Sohn. Es zeigt den 28-Jährigen, Feuerwehrhelm auf dem Kopf, inmitten schwarzer Rauchsäulen und verrußter Wolkenkratzer. Es ist die letzte Aufnahme von Christian Regenhard, bevor die Zwillingstürme des World Trade Center einstürzten. "Nichts haben sie von ihm gefunden", klagt seine Mutter, "kein Haar, kein Stück Haut, nichts, nichts, nichts." Ground Zero, sagt Sally Regenhard, sei heiliger Grund. Dort eine Moschee zu bauen wäre ein Sakrileg.

Ein islamisches Zentrum am Ort des Terrorinfernos - was als New Yorker Lokalstreit begann, ist das heißeste Eisen des amerikanischen Sommers geworden. Es geht um Toleranz und Religionsfreiheit, um Feindbilder und Feingefühl für die Familien der Toten. Barack Obama hat, nach wochenlangem Schweigen, eindeutig Farbe bekannt. "Als Bürger, und als Präsident, glaube ich, dass Muslime das Recht haben, ihre Religion so wie jeder andere in diesem Land zu praktizieren", sagte er am Freitag im Weißen Haus, bei einem Empfang zum Fastenmonat Ramadan. Das schließe das Recht ein, im Süden Manhattans ein Gotteshaus zu errichten. "Dies ist Amerika, und unser Bekenntnis zur religiösen Freiheit muss unerschütterlich sein."

Nach Kritik von Hinterbliebenen relativierte Obama wieder ein wenig. Er habe sich grundsätzlich zu den Freiheitsrechten geäußert, sagte er. "Ich habe nicht kommentiert, ob es eine weise Entscheidung ist, an diesem Ort eine Moschee zu errichten."

Die Konservativen halten Obama vor, die Stimmung im Land zu ignorieren. Sarah Palin twitterte schon vor Wochen, was sie von dem Projekt hält: Es wäre ein "Stich in amerikanische Herzen". Laut einer CNN-Umfrage lehnen 68 Prozent der US-Bürger die Moschee ab. Auch die Hinterbliebenen der 9/11-Opfer sind mehrheitlich dagegen, einige üben polemische Kritik an ihrem Staatschef. "Barack Obama hat Amerika an der Stelle verlassen, wo vor neun Jahren das Herz Amerikas gebrochen wurde", wettert Debra Burlin-game. Ihr Bruder war einer der Piloten, deren Maschinen in die Zwillingstürme gesteuert wurden.

Park Place heißt die Adresse, zwei Häuserblöcke von Ground Zero entfernt. Der Bauunternehmer Sharif El-Gamal will dort ein islamisches Zentrum, das "Cordoba House", hochziehen. 13 Etagen, mit Schwimmbad, Kunsthalle, Fitnesscenter, Restaurants und Gebetsräumen. "Ich bin kein Außerirdischer. Ich bin Amerikaner, New Yorker", betont El-Gamal, Spross eines ägyptischen Vaters und einer polnisch-amerikanischen Mutter.

Es gibt unter den Angehörigen der Opfer aber auch andere Stimmen. Etwa die von Adele Welty, deren Sohn Timmy, ein Feuerwehrmann, nicht zurückkehrte aus dem Katastropheneinsatz. "Wir dürfen uns keiner Sprache bedienen, die Furcht säen kann. Eine Furcht, die uns dazu bringt, die Freiheit anderer zu beschneiden", schrieb Welty in einer Zeitungskolumne. (Frank Herrmann, DER STANDARD, Printausgabe 16.8.2010)

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    Obama bei seiner Rede.

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    Obama sprach sich für freie Religionsausübung und damit auch für die Errichtung eines muslimischen Gebetszentrums nahe Ground Zero aus.

  • Stellungnahme Obamas am Sonntag gegenüber CNN:

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