"Ich kann nicht einfach hausieren gehen"

13. August 2010, 18:32
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Am Neuen Markt schlummern in den Immobilien ungenutzte Gewinne - Kleine Händler sollen mitsamt alten Mietverträgen raus und Platz für große Ketten machen

Wien - Alexander Gruszow zieht nicht aus. Er will keine Ablöse für seinen kleinen Laden, den er seit 65 Jahren führt. Er sei alt, nicht bei bester Gesundheit, sagt er. Er wolle ein paar ruhige letzte Jahre verbringen. Die seien ihm aber nicht vergönnt, denn er solle mit seinem Schmuck raus, so rasch wie möglich. "Ich kann damit aber künftig nicht einfach hausieren gehen."

Die Stimme des betagten Juweliers kommt kaum gegen das Knattern der Baumaschine vor seinem Geschäft an. Seit Monaten verbirgt ein staubiges Gerüst den Eingang. Kunden sieht er nur mehr wenige, die Umsätze zerbröselten. Er fühle sich von Immobilieninvestoren unter Druck gesetzt, "aber ich weigere mich, hier alles aufzugeben".

Gruszow hält in der Wiener Innenstadt als einer der wenigen alteingesessenen Händler gegen den Vormarsch internationaler Ketten die Stellung. Zum Missfallen vieler, die darin auf der Straße liegen gelassenes Geld sehen. Monatlich zahlt er für zwanzig Quadratmeter gerade einmal 1200 Euro Miete, so sehen es seine alten Verträge vor. Bei neuen seien für die Hauseigentümer Mieterträge von bis zu 8000 Euro drinnen. Benachbarte Händler liefern gut 10.000 Euro ab.

Der Exodus der kleinen Betriebe breitete sich von der Mariahilfer Straße in die noble Innenstadt aus, erfasste Kärntner Straße und Graben und machte vor dem Kohlmarkt nicht Halt. Der Neue Markt gilt als letztes unbeackertes Feld in Wien, in dessen Immobilien reiche Gewinne schlummern. Sofern die alten Handelsmieter abziehen.

Für manchen Innenstadtmakler ist Gruszows Juwelierladen Sitto bereits Geschichte. Da komme etwas Neues rein, erzählt einer. Der Geschäftsmann Rakesh Sardana, der schon fast die halben Flächen am Neuen Markt besitze, habe ihn sich gesichert, höre man. Gruszow selbst weiß davon nichts.

Notlicht auf altem Asphalt

Man werde nicht müde, ihn fürs Ausziehen zu bewegen, sagt Martin Ertl. Doch so verlockend seien die Ablösen nicht, und er arbeite gern. Seit 60 Jahren sei er mit der Modeboutique Flamm am Neuen Markt, warum sollten ihn künftig seine Kunden anderswo suchen.

Die Kärntner Straße ist nur wenige Schritte entfernt, viel prominenter könnte die Lage nicht sein. Doch Autos beherrschen die Szenerie, riesige Auslagen stehen verwaist. Auf dem brüchigen Asphalt geht es sich wie auf Flickerlteppichen, und nachts flackert seit Jahren einsam die Notbeleuchtung.

"Der Platz verkommt." Er könne sich des Eindruckes nicht erwehren, dass da System dahinter stecke, seufzt Ertl. Der Unternehmer erzählt vom Schauspieler Herbert Fux. Der sei hier zu Lebzeiten von Geschäft zu Geschäft gezogen, um ihre Inhaber zu warnen: Man wolle sie auch hier finanziell zerstören und hinaus drängen, sie müssten sich wehren. Heute seien Fux' Appelle für ihn nachvollziehbar.

Eben erst sperrte am Platz Traditionsbetrieb Nigst zu. Die Tochter der Familie konnte die mit der Übergabe verbundenen höheren Mieten nicht finanzieren. Sardana quartiert nun eine Souvenirkette ein, bis andere Mieter folgen.

Theorien der Verschwörung

Über den Platz geistert so manche Verschwörungstheorie. Von einem Zusammenspiel der Immobilienspekulanten ist hinter vorgehaltener Hand die Rede, von rätselhaften Geldquellen und Strohmännern der Horten-Stiftung.

Das sei alles Unsinn, sagt Jamal Al-Wazzan. Er wurde der breiten Öffentlichkeit als Verwerter der in die Krise geschlitterten Textilkette Schöps bekannt. In Wien ist er neben dem gebürtigen Inder Sardana und Makler Ariel Muzicant einer der umtriebigsten Entwickler nobler Handelsflächen. Unter seinem Dach ist auch eine Handvoll Filialen am Neuen Markt.

So wie sich dieser jetzt zeige, sei er ein Schandfleck für die Stadt, quittiert er trocken. "Es kann nicht sein, dass Wien diesen Stadtkern derart stiefmütterlich behandelt. Es ist ewig schade darum."

Die Aufregung der letzten kleinen Händler versteht er dennoch nicht. Nur ein paar hundert Euro Miete im Monat zu zahlen und zugleich alles zu torpedieren, spiele es eben nicht, meint er. Bisher ha- be keiner die Sache in die Hand genommen, jeder, der sich für den Platz einsetze, sei zu begrüßen.

Sardana tut das. Der Gründer der Souvenirkette Mostly Mozart sichert sich eine Fläche nach der anderen und verspricht neue finanzstarke Mieter. Er wolle den Markt beleben, sagte er zuletzt im Standard-Gespräch. Dieser sterbe durch ihn, seufzt Juwelier Gruszow. Maklerin Elisabeth Thomas wiederum spricht von "toller Entwicklung". Sie sucht dort seit Monaten Mieter für 700 Quadratmeter Geschäftsfläche, die einer Stiftung in Liechtenstein gehört. Eine Vertreibung kleiner Händler sieht sie nicht: Niemand müsse gehen, wenn er nicht wolle. Die Ablösen seien in der Regel gutes Geld: Derart viel lasse sich mit diesen Läden oft gar nicht mehr verdienen.

Tiefe Gräben und Geiselhaft

Ihm falle kein altes Geschäft am Neuen Markt ein, um das es ihm leid wäre, meint Peter Hoffmann-Ostenhof, für die Hauseigentümer seien sie ohnehin unrentabel. Der Wiener Anwalt führt die Initiative Pro Neuer Markt an, die sich dort einst für den Bau einer Tiefgarage stark machte. Eine Anrainerbefragung schmetterte das Projekt ab - seither ist der Graben noch tiefer.

Die Inhaber kleiner Läden seien unter den Verhinderern gewesen, sagt Hoffmann-Ostenhof, mittlerweile gebe es hier nur noch toten Geschäftsraum. Die Stadt bestrafe nun jene, die gegen die Garage gestimmt hätten, empört sich die Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel. Da werde ein ganzes Viertel, "das ein Juwel sein könnte", in die Geiselhaft genommen. Die Stadt rühre keinen Finger, der Bezirk allein habe freilich nicht das für die Sanierung erforderliche Budget.

Peter Tolcuc beobachtet das seit Jahren währende Duell zwischen Politikern, Händlern und Immobilienhaien fußfrei aus erster Reihe. Schon als Student verkaufte er am Neuen Markt unter freiem Himmel Obst. Heute gehört der seit fast hundert Jahren bestehende Stand ihm. Er biete das, was die Supermärkte nicht hätten, Walderdbeeren etwa, doch die vielen Baustellen schmälerten seine Umsätze.

Er sehe rundum Investoren mit Geld kommen und kleine Händler gehen, die sich Mieten, die sich oft verzehnfachen, nicht leisten. Man erzähle ihm vom langen Atem der Spekulanten, doch darüber urteilen und in den Zwist hineinziehen lassen, wolle er sich nicht.

Die Palette der Hauseigentümer am Neuen Markt ist bunt. Anwalt Andreas Grohs hat Gebäude von eingesessenen Familien wie Haag und Wild gekauft. Raiffeisen Ware und zwei Versicherungen sind Besitzer, der Holzindustrielle Gerald Schweighofer, die Familien Gold und Stockert, die Kirche und die Horten-Stiftung. Fürnkranz-Mode ist passé, die Familie vermietet an Rewe: Im Herbst eröffnet Billa.

Die Seilergasse ums Eck erhält, wie der Standard erfuhr, drei neue Mieter. Im September zieht Buffalo Boots, eine deutsche Schuhkette, ein. Der Schweizer Modekonzern Windsor eröffnet demnächst, ebenso die österreichische Boutique Cachil. Für seit Jahren leerstehende große Flächen am Neuen Markt soll sich das Luxuslabel Donna Karan interessieren. Starbucks hatte dafür zuvor Mieten von bis zu 25.000 Euro verweigert. (Verena Kainrath/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. August 2010)

  • Mitten im Zentrum, doch finanziell eine Baustelle: Die Machtkämpfe um den Neuen Markt reißen tiefe Gräben auf, die Händler sind entnervt
    foto: der standard/andy urban

    Mitten im Zentrum, doch finanziell eine Baustelle: Die Machtkämpfe um den Neuen Markt reißen tiefe Gräben auf, die Händler sind entnervt

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