"Für mich ist Dinko Jukic olympiasiegfähig"

13. August 2010, 18:35
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Verbandspräsident im STANDARD-Interview über die Kluft hinter Markus Rogan und Dinko Jukic und gesunder Rivalität im Team STANDARD-Interview

Standard: Was waren für Sie bisher die Highlights dieser EM?

Schauer: Höhepunkt war sicher der vierte Platz von Dinko Jukic über die 200 m Delfin. Diese Leistung ist so hoch einzuschätzen, weil er zwei Tage vor dem Rennen einen Kreislaufkollaps erlitten hat, die Rahmenbedingungen waren also nicht sehr günstig. Und natürlich ist der zweite Platz von Markus Rogan über die 200 m Lagen großartig.

Standard: Für Rogan selbst war es eine glatte Niederlage.

Schauer: Das spricht sehr für ihn. Er ist getrieben vom notwendigen Ehrgeiz im Spitzensport, damit übersieht man manchmal die eigene Leistung. Nach seinem Neustart nach der für ihn so enttäuschenden WM in Rom vor einem Jahr glänzt dieses Silber aber wie Gold.

Standard: Wenn es bei dieser einen Medaille bleibt: Wie schaut dann die EM-Bilanz aus?

Schauer: Auf jeden Fall positiv. Eine Enttäuschung wäre es, wenn wir internationale Meisterschaften ohne Edelmetall verlassen würden. Im Schwimmsport gibt es Zyklen, vor vier Jahren in Budapest haben wir auch nur einmal EM-Silber durch Rogan geholt.

Standard: Über 200 m Rücken am Samstag durch Rogan und über 400 m Lagen am Sonntag durch Dinko Jukic gibt es noch Medaillenchancen. Was ist noch möglich?

Schauer: Möglich ist auch, dass beide leer ausgehen. Markus hat stark auf die Lagen trainiert, mal schauen, ob die Rücken darunter gelitten haben. Mein erklärtes Wunschziel waren im Vorfeld zwei bis drei Medaillen. Aber wichtiger ist, dass die Gesamtheit des Teams erfreulich unterwegs ist. Es ist eine Breite entstanden. Mit Wasserspringer Constantin Blaha hat der nächste Athlet als Fünfter vom 1-Meter-Brett diese Breite verlassen und ist in Europas Spitze vorgestoßen.

Standard: Klafft bei den Schwimmern zwischen den Aushängeschildern Markus Rogan und Dinko Jukic und dem Rest des Teams ein zu großes Loch?

Schauer: Löcher tauchen immer auf, wenn man Helden im Team hat. Und natürlich fehlt uns Mirna Jukic. Da muss es ja zwangsläufig sein, dass sich das auch bemerkbar macht. Unsere Aufgabe ist es, diese Löcher zu schließen. Man sieht ja auch, dass immer wieder neue Athleten am Start sind und aufzeigen, die 15-jährige Lisa Zeiser zum Beispiel, oder auch die 19-jährige Nina Dittrich, die über 1500 m Kraul ihr erstes EM-Finale erreicht hat. Der Nachwuchs funktioniert, da mache ich mir keine Sorgen.

Standard: Wo gilt es nachzujustieren?

Schauer: Die absolute Spitze muss mit im Boot bleiben, der potenzielle Schwimmnachwuchs braucht Vorbilder. Das ist uns bei Markus nach der Prügelei in Rom gelungen, und bei Mirna nach ihrer schweren Erkrankung. Das wird uns auch bei Dinko gelingen. Für mich ist er olympiasiegfähig.

Standard: Gelingt es bei Mirna Jukic ein weiteres Mal?

Schauer: Ich spreche nur von einer Auszeit, die Mirna einlegt. Ich weiß aber nicht, wie sie sich entscheiden wird. Mirna war als Teammitglied beim Empfang in der österreichischen Botschaft in Budapest mit dabei. Beim Mannschaftsfoto hat sie sich zunächst bescheiden verweigert, erst nach Interventionen war sie mit am Foto oben.

Standard: Der Zwist zwischen Rogan und Dinko Jukic hat zuletzt für Aufregung gesorgt. Darf es das im Team geben?

Schauer: Ich glaube sogar, es muss das geben. Spitzensport bedeutet auch Rivalität im Team. Es hat, zugegebenermaßen, ein reinigendes Gewitter gegeben. Auch das ist ein Zeichen, dass der Schwimmsport in Österreich lebt.

Standard: Dinkos Coach, sein Vater Zeljko, hat gesagt, dass Rogan kein Produkt des österreichischen Schwimmsports sei. Würden Sie das unterschreiben?

Schauer: Nein. Markus hat vor seiner Übersiedlung in die USA in Wien mit dem Schwimmsport begonnen. Das System dort hat ihm sicher den Kick gebracht, sonst würde er nicht wieder dort trainieren. Ich begrüße es sehr, wenn Sportler experimentieren, dank Markus wagten auch andere Athleten wie Sebastian Stoss und Dominik Koll den Sprung ins Ausland. Dem einen oder anderen täte es noch gut, für ein oder zwei Jahre in die USA zu gehen.

Standard: Österreich ist angeblich eine Schwimmnation. Was fehlt zum Beispiel zu Ungarn, das alleine am Donnerstag drei Goldmedaillen bejubeln konnte?

Schauer: Was uns fehlt, ist wieder ein Großereignis im eigenen Land. Die EM 2012 ist definitiv ein Thema, nach den positiven Erfahrungen der Kurzbahn-EM 2004. Ich traue unseren Sportlern zu, dass auch wir drei, vier Goldene erschwimmen können. Da brauchen wir die Mirna dazu, den Markus, den Dinko. Und die Jungen stehen bereits in den Startlöchern. (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe 14.08.2010)

Paul Schauer (63) ist seit 2004 Präsident des Österreichischen Schwimmverbands. Im Brotberuf ist der ehemalige Wasserspringer Geschäftsführer der Mediaagenturgruppe media.at.

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    Dem einen oder anderen Athleten täte es noch gut, für ein oder zwei Jahre in die USA zu gehen.

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