Slowenien kämpft gegen das böse Licht

  • Die Lichtschützer wollen, dass Nacht Nacht bleibt: ein Sportzentrum im 
Nationalpark Triglav.
    foto: apa/patrick pleul

    Die Lichtschützer wollen, dass Nacht Nacht bleibt: ein Sportzentrum im Nationalpark Triglav.

Slowenien hat als erstes Land der Welt ein Gesetz gegen "Lichtverschmutzung"

Bei Straßenlaternen werden die gewölbten Reflektoren durch flache ersetzt. Weißes Licht soll durch gelbes Licht ersetzt werden.

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Ljubljana - Das schöne Ljubljana ist auch des Nachts schön. Vom Berge grüßt die Festung, und jenseits der drei kleinen Brücken über die Ljubljanica scheint die Fassade der barocken Franziskanerkirche mächtig in die Dunkelheit. Herr Mohar aber blickt auf alles das ganz anders, und wer einmal mit dem freundlichen Herrn durch dessen Heimatstadt gezogen ist, wird nirgends auf der Welt wieder arglos durch nächtliche Straßen spazieren.

Es fängt damit an, dass Andrej Mohar meistens ein etwa faustgroßes Gerät vor dem Auge hat und darin etwas sieht, was andere nicht sehen. Manches kann er auch schon mit ungeschütztem Auge wahrnehmen. Etwa ob Straßenlaternen unten ein flaches Glas haben oder einen gewölbten Reflektor, oder ob die Scheinwerfer auf dem Berge von unten oder von der Seite auf das Kirchlein gerichtet sind. In Ljubljana schauen inzwischen viele Leute so, meistens mit strengem Auge. Hier gibt es nämlich korrekte und gesetzwidrige Lampen. Das kleine Slowenien ist dank Mohar das erste und bisher einzige Land auf der Welt mit einem landesweiten Gesetz gegen Lichtverschmutzung.

Noch ist aber nicht alles gut. "Vierhundertneunundsiebzig!", ruft Mohar triumphierend, reicht das Ding seinem Gast und fragt: "Na? Wo ist da das Komma?" Komma ist da keins. Den Wert 479 zeigt der Leuchtdichtemesser, wie das Gerät sich nennt, vor der kleinen Reklametafel einer Autofirma. 479 ist deshalb so eine sensationelle Zahl, weil wir das Ding gerade gegenüber vor das strahlende Dach einer Petrol-Tankstelle gehalten haben. Da zeigte das Gerät nur 4,63 an. Als der heute 48-jährige Elektronik-Ingenieur vor fünf Jahren anfing, gegen "Lichtverschmutzung" zu kämpfen, fürchteten die Slowenen, der Mann wolle ihnen die Lampen abdrehen. Aber Mohar sagt, er streitet nur gegen "schlechtes Licht" wie das auf der Reklametafel, nicht gegen "gutes Licht" wie das an der Tankstelle. "Ljubljana", sagt er, "ist des Nachts wahrscheinlich heller als die meisten deutschen Städte. Und trotzdem haben wir hier die Verschmutzung schon um ein Fünftel reduziert."

Wer wissen will, was Lichtverschmutzung eigentlich ist und wem sie schadet, muss sich schon auf einen kleinen Vortrag gefasst machen. Am klarsten wird es auf den Fotos vom Nachthimmel, die Andrej Mohar mit einem Teleskop geschossen hat. Selbst im Nationalpark Triglav und sogar auf dem nahen Großglockner in Österreich ist da am Horizont immer ein goldener Streifen zu sehen: die Lichtglocke von Villach oder Salzburg. Je mehr Lichtquellen nach oben, in den Himmel gerichtet sind, desto heller strahlt die Stadt in den Weltraum. Light-Spam, wie das Phänomen auch genannt wird, ist nicht nur lästig für Sterngucker, die gerne mal wieder die Milchstraße sehen würden. Es ist auch schädlich, versichert Mohars Mitstreiter, der Physiker Gregor Vertacnik, und denkt dabei erst einmal an die Insekten, die die hellen Lampen für die Sonne halten und sich an ihnen orientieren. "Nachtfalter fliegen die ganze Nacht um die Lampen herum, vermehren sich nicht mehr und fallen als Nahrungsquelle für Fledermäuse aus."

Von Zugvögeln ist bekannt, dass sie über dem Ozean bis zur Erschöpfung um beleuchtete Bohrinseln kreisen. Aber auch dem Menschen schade es direkt, wenn die Nacht zum Tag würde, betonen die beiden Aktivisten. Bekannt ist, dass das Hormon Melatonin nur freigesetzt wird, wenn es dunkel ist. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, schützt am Tage vor Müdigkeit und auf Dauer auch vor Brust-, Prostata- und Darmkrebs, wie Studien belegen. "Die sind morgen alle unausgeschlafen", bemerkt Andrej Mohar auf dem Parkplatz der Autobahn-Raststätte, wo die Lkw-Fahrer von starken Lampen beschienen in ihren Kabinen schlafen. Noch ist viel zu tun.

Dass ausgerechnet Slowenien mit seinem Gesetz der ganzen Welt voraus ist, macht Mohar stolz. "Hier sind die Wege eben kurz", sagt er. Überzeugt werden musste eigentlich nur einer: der damalige Gesundheitsminister. Der war Arzt und fand die Sache mit dem Melatonin so plausibel, dass er ein Dekret erließ. Gekostet hat der Schritt nicht viel. Bei den Straßenlaternen werden die gewölbten Reflektoren nach und nach durch flache ersetzt, die ihr Licht nicht streuen und nur die Straße beleuchten. Für alle Änderungen gibt es Übergangsregeln.

Gelbes statt weißes Licht

Auch der Feind ist hier eher schwach. Die "Lichtindustrie" opponierte vergeblich. Härtester Brocken für die Aktivisten ist die Firma Grah, die mit Leuchtdioden den EU-Markt erobern will. Gerade LED-Leuchten aber produzieren besonders böses Licht: das blaue, das so weit streut wie sonst nur weißes. Gegen das böse blaue und weiße setzen die Lichtschützer von Ljubljana das gelbe und das rote Licht, das sich leichter bündeln lässt.

Tatsächlich ist Ljubljana des Nachts mit seinen Straßenlaternen für den Geschmack eines durchschnittlichen Großstadtmenschen schon ziemlich gelb. "Für das weiße Licht wird immer eingewendet, dass man damit im Dunkeln Farben unterscheiden kann, mit dem gelben aber nicht", sagt Mohar. Das stimme zwar, mache aber nichts. "Warum muss man im Dunkeln Farben unterscheiden können?" Und er lässt - ganz kurz nur, wie es sich für einen Lichtschützer gehört - einen tieferen Grund für sein Engagement aufblitzen: Nacht soll Nacht bleiben. (Norbert Mappes-Niedie, DER STANDARD, Printausgabe 14./15.8.2010)

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