Slowenien kämpft gegen das böse Licht

Norbert Mappes-Niediek
13. August 2010, 17:39
  • Die Lichtschützer wollen, dass Nacht Nacht bleibt: ein Sportzentrum im 
Nationalpark Triglav.
    foto: apa/patrick pleul

    Die Lichtschützer wollen, dass Nacht Nacht bleibt: ein Sportzentrum im Nationalpark Triglav.

Slowenien hat als erstes Land der Welt ein Gesetz gegen "Lichtverschmutzung"

Bei Straßenlaternen werden die gewölbten Reflektoren durch flache ersetzt. Weißes Licht soll durch gelbes Licht ersetzt werden.

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Ljubljana - Das schöne Ljubljana ist auch des Nachts schön. Vom Berge grüßt die Festung, und jenseits der drei kleinen Brücken über die Ljubljanica scheint die Fassade der barocken Franziskanerkirche mächtig in die Dunkelheit. Herr Mohar aber blickt auf alles das ganz anders, und wer einmal mit dem freundlichen Herrn durch dessen Heimatstadt gezogen ist, wird nirgends auf der Welt wieder arglos durch nächtliche Straßen spazieren.

Es fängt damit an, dass Andrej Mohar meistens ein etwa faustgroßes Gerät vor dem Auge hat und darin etwas sieht, was andere nicht sehen. Manches kann er auch schon mit ungeschütztem Auge wahrnehmen. Etwa ob Straßenlaternen unten ein flaches Glas haben oder einen gewölbten Reflektor, oder ob die Scheinwerfer auf dem Berge von unten oder von der Seite auf das Kirchlein gerichtet sind. In Ljubljana schauen inzwischen viele Leute so, meistens mit strengem Auge. Hier gibt es nämlich korrekte und gesetzwidrige Lampen. Das kleine Slowenien ist dank Mohar das erste und bisher einzige Land auf der Welt mit einem landesweiten Gesetz gegen Lichtverschmutzung.

Noch ist aber nicht alles gut. "Vierhundertneunundsiebzig!", ruft Mohar triumphierend, reicht das Ding seinem Gast und fragt: "Na? Wo ist da das Komma?" Komma ist da keins. Den Wert 479 zeigt der Leuchtdichtemesser, wie das Gerät sich nennt, vor der kleinen Reklametafel einer Autofirma. 479 ist deshalb so eine sensationelle Zahl, weil wir das Ding gerade gegenüber vor das strahlende Dach einer Petrol-Tankstelle gehalten haben. Da zeigte das Gerät nur 4,63 an. Als der heute 48-jährige Elektronik-Ingenieur vor fünf Jahren anfing, gegen "Lichtverschmutzung" zu kämpfen, fürchteten die Slowenen, der Mann wolle ihnen die Lampen abdrehen. Aber Mohar sagt, er streitet nur gegen "schlechtes Licht" wie das auf der Reklametafel, nicht gegen "gutes Licht" wie das an der Tankstelle. "Ljubljana", sagt er, "ist des Nachts wahrscheinlich heller als die meisten deutschen Städte. Und trotzdem haben wir hier die Verschmutzung schon um ein Fünftel reduziert."

Wer wissen will, was Lichtverschmutzung eigentlich ist und wem sie schadet, muss sich schon auf einen kleinen Vortrag gefasst machen. Am klarsten wird es auf den Fotos vom Nachthimmel, die Andrej Mohar mit einem Teleskop geschossen hat. Selbst im Nationalpark Triglav und sogar auf dem nahen Großglockner in Österreich ist da am Horizont immer ein goldener Streifen zu sehen: die Lichtglocke von Villach oder Salzburg. Je mehr Lichtquellen nach oben, in den Himmel gerichtet sind, desto heller strahlt die Stadt in den Weltraum. Light-Spam, wie das Phänomen auch genannt wird, ist nicht nur lästig für Sterngucker, die gerne mal wieder die Milchstraße sehen würden. Es ist auch schädlich, versichert Mohars Mitstreiter, der Physiker Gregor Vertacnik, und denkt dabei erst einmal an die Insekten, die die hellen Lampen für die Sonne halten und sich an ihnen orientieren. "Nachtfalter fliegen die ganze Nacht um die Lampen herum, vermehren sich nicht mehr und fallen als Nahrungsquelle für Fledermäuse aus."

Von Zugvögeln ist bekannt, dass sie über dem Ozean bis zur Erschöpfung um beleuchtete Bohrinseln kreisen. Aber auch dem Menschen schade es direkt, wenn die Nacht zum Tag würde, betonen die beiden Aktivisten. Bekannt ist, dass das Hormon Melatonin nur freigesetzt wird, wenn es dunkel ist. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, schützt am Tage vor Müdigkeit und auf Dauer auch vor Brust-, Prostata- und Darmkrebs, wie Studien belegen. "Die sind morgen alle unausgeschlafen", bemerkt Andrej Mohar auf dem Parkplatz der Autobahn-Raststätte, wo die Lkw-Fahrer von starken Lampen beschienen in ihren Kabinen schlafen. Noch ist viel zu tun.

Dass ausgerechnet Slowenien mit seinem Gesetz der ganzen Welt voraus ist, macht Mohar stolz. "Hier sind die Wege eben kurz", sagt er. Überzeugt werden musste eigentlich nur einer: der damalige Gesundheitsminister. Der war Arzt und fand die Sache mit dem Melatonin so plausibel, dass er ein Dekret erließ. Gekostet hat der Schritt nicht viel. Bei den Straßenlaternen werden die gewölbten Reflektoren nach und nach durch flache ersetzt, die ihr Licht nicht streuen und nur die Straße beleuchten. Für alle Änderungen gibt es Übergangsregeln.

Gelbes statt weißes Licht

Auch der Feind ist hier eher schwach. Die "Lichtindustrie" opponierte vergeblich. Härtester Brocken für die Aktivisten ist die Firma Grah, die mit Leuchtdioden den EU-Markt erobern will. Gerade LED-Leuchten aber produzieren besonders böses Licht: das blaue, das so weit streut wie sonst nur weißes. Gegen das böse blaue und weiße setzen die Lichtschützer von Ljubljana das gelbe und das rote Licht, das sich leichter bündeln lässt.

Tatsächlich ist Ljubljana des Nachts mit seinen Straßenlaternen für den Geschmack eines durchschnittlichen Großstadtmenschen schon ziemlich gelb. "Für das weiße Licht wird immer eingewendet, dass man damit im Dunkeln Farben unterscheiden kann, mit dem gelben aber nicht", sagt Mohar. Das stimme zwar, mache aber nichts. "Warum muss man im Dunkeln Farben unterscheiden können?" Und er lässt - ganz kurz nur, wie es sich für einen Lichtschützer gehört - einen tieferen Grund für sein Engagement aufblitzen: Nacht soll Nacht bleiben. (Norbert Mappes-Niedie, DER STANDARD, Printausgabe 14./15.8.2010)

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was für ein cooles land, dieses slowenien...

aber warte mal, ist das nicht eher das land der wegelagerer mit ihrer überteuerten autobahnvignette und das land der eu-beitritt erpresser?

Was haben die Leute immer mit der Vignette? Wem die Maut zu teuer ist, der muss eben mit Bahn oder Autobus fahren.

Ihre Heimat - Kroatien - ist einfach für einen EU-Beitritt noch nicht reif. Wird noch so ca. 10 - 20 Jahre andauern.

genau

nicht vergessen, immer brav Vignette kleben, wennst in deine Ex-Heimat fahrst

waer euch ein Mautsystem pro gefahrenem kilometer lieber gel ? ist Slowenien verpflichtet, das eigene Mautsystem den durchstroemenden kroatischen Gastarbeiterhorden anzupassen ? wohl kaum ... ausserdem kannst immer noch ueber Ungarn fahren, wenn dir was nicht passt - aber hoere endlich auf zu jammern ... ist ja net auszuhalten

Hallo Frau lidia(at)austromail.at...

Vielen Dank für Ihren Beitrag!

Schön, dass es wenigstens in einer Stadt bereits Maßnahmen gibt,

gegen die Lichtverschmutzung. Fragt sich nur, wie lange es noch dauert, bis das zum Standard wird. Wir würden uns nicht nur die Lichtverschmutzung sondern auch Energieverbrauch sparen, wenn es bezüglich Beleuchtung gscheite Regelungen gäbe. Und Forschung und Industrie wäre gefragt, endlich ungiftige und unschädliche Energiesparlampen zu erzeugen

Das kleine Slowenien ist dank Mohar das erste und bisher einzige Land auf der Welt mit einem landesweiten Gesetz gegen Lichtverschmutzung.

Manche können wirklich die Zukunft sehen!

Ein Ökofritze hatte mir 1998 erzählt, dass neben der Luftverschmutzung und Lärmbelästigung bald auch "Licht als Störung" gesehen werden wird. Die Fiction wird immer wieder von der Realität eingeholt :-)

ich merke es auch immer wieder, wenn ich zuhause in klagenfurt schlafe, wo die nacht dunkel ist, bin ich viel ausgeruhter als wenn ich in wien schlafe, wo eine laterne direkt vor meinem fenster ist. letztens war die sternschnuppennacht. ich bin, um diese zu sehen, bis an den rand nach niederösterreich gefahren (pötzleinsdorf aber noch weiter draußen) und hatte trotzdem nur die hälfte des horizontes zum schaun, die stadtseitige war einfach zu hell.

Lichtverschmutzung per Google Earth-Layer:

http://light.datenscheibe.org/

Das hier ist der Zustand von 2009 - zum Fürchten, wenn man da hineinzoomt...

Vor 20 Jahren war Indien auf dieser Karte noch völlig unsichtbar. Und die politische Grenze zwischen West- und Ostdeutschland konnte man ganz deutlich auch vom Weltall aus nachts sehen.
Faszinierend sind vor allem der Nil, Moskau und die Ölbohrgebiete der Welt. Und sehr beachtlich sind auch jene Gebiete, in denen es üblich ist, an den Hausfassaden horizontal abstrahlende Neonröhren zu montieren - erstaunlich zB., wie sehr einander da der Gaza-Streifen und das angrenzende Israel ähneln...

Man kann in Sibirien recht gut den Verlauf der Transsib nachvollziehen.

Faszinierende Bilder.
Nordkorea ist auch interessant. Da ist es komplett finster.

Um Missverständnisse zu vermeiden:

Die Lichtschützer wollen den Leuten keineswegs das Licht abdrehen. Es geht lediglich darum, Licht und die dafür erforderliche Energie optimal zu nutzen.

So sind etwa Kugellampen (wie sie zB entlang der Donauinsel zu Tausenden Verwendung finden) unzeitgemäße Energievernichter, weil sie weit mehr als 50% des Lichts dorthin strahlen, wo es nur der Umwelt schadet, anstatt den Gehsteig zu beleuchten.

Die Verwendung von zB. Full-cutoff-Lampen würde schon in Österreich enorme Energieeinsparungen bringen - geschweige denn global.
Auch die Beleuchtung von Auslagen und Fassaden könnte effizienter sein: zB. die lang diskutierte Erneuerung der Straßenbeleuchtung in der Wr. Kärntnerstraße ist durch die grellen Geschäftslokale kaum wahrnehmbar.

Wobei aber die Gemeinde Wien hier in nächster Nähe die Kugellampen schon entfernt und moderne Lampen installiert hat. Auf der Donauinsel wird das über kurz oder lang auch kommen.

wobei ich der Meinung bin, daß es bei uns auch so viel zu hell ist

ich merke nur, wie viel erholsamer der Schlaf beispielsweise ist, wenn wir mal einen Stromausfall in der Straße haben...

würde auch nicht sagen, daß man das Licht generell abdrehen sollte - aber massiv reduzieren - nicht nur wie jetzt ab 23 Uhr bei jeder 2. Straßenlaterne die zweite Röhre abdrehen, sondern jede zweite Lampe ganz abdrehen und bei den verbliebenen nur jede zweite Röhre leuchten lassen... das würde zur nächtlichen Ausleuchtung völlig ausreichen...

schätzomative kann man 90 % allen lichts im freien einsparen. neben dem straßenlicht und den gartenzwergen sind die vielen unnötigen reklametafeln, beleuchteten geschäfte etc. nicht zu vergessen.
war letzte woche in slowenien - cooles, ideenreiches land, klein aber oho!

UNESCO erklärt Sternenhimmel zum Welterbe

Bezüglich Lichtverschmutzung tut sichauch auf globaler Ebene mehr, als man glauben würde:

http://kuffner-sternwarte.at/im_brennp... idung.html

Es ist einer seit Jahren laufenden internationalen Initiative, an der auch österr. Astronomen maßgeblich beteiligt sind, zu verdanken, dass demnächst die ersten Lichtschutzgebiete errichtet werden - zumindest eines davon auch in Österreich.

Die Sensibilisierung zu diesem Thema, mit dem sich zahlreiche Kraftwerke und Millionen Tonnen CO2 einsparen lassen, lässt leider noch Wünsche offen, wird aber durch die Energiespardebatte noch von sich hören lassen.

Standing ovation, Herr Mohar!!!

Btw: Ich freu mich immer sehr darüber, wenn bei uns, am Wiener Schafberg, die Straßenbeleuchtung ausfällt. Ist urschön.

Immerhin!

Seit ich vor einiger Zeit in der Wüste New Mexicos ungefähr 1000x mehr Sterne am Himmel sah als sogar in unseren entlegenen Alpentälern, wurde mir das Ausmaß der Lichtverschmutzung in unseren Breiten erst richtig klar.

Hut ab vor Slowenien - zumindest so etwas sollten doch alle hinkriegen können.

mit einem Restlichtverstärker...

... war mir das schon 1995 an der Grenze klar. Das sah richtig toll aus durch den Spezialverstärker.

In manchen Regionen (Kleinwalsertal) war es früher auch noch so, daß wir am nächtlichen Himmel mehr Sterne blinken sehen konnten, als zB in den Tälern.

Ein solcher Blick gegen den nächtlichen Sternenhimmel lässt einen schnell klein, winzig und unbedeutend erscheinen ...

wozu braucht man wirklich eine beleuchtung in der nacht?

um uns vor uns selbst zu schützen?

Danke für den Artikel!

Das mit dem Melatonin sollte sowohl im Arbeits- wie im Freizeitleben mehr beachtet werden.

Hat da irgendein Politiker "JA" gesagt?
Nein? Schlafen wohl ungesund bei Licht!

traurig, aber ja!
überfälle, vergewaltigungen, etc etc. alles das. und der verkehr fällt auch leichter. man müsste das aber trotzdem anders in den griff kriegen.

Die Lichter wurden erst in den letzten ~40 Jahren mehr

Nach Ihrem Ansatz ist in den letzten 40 Jahren das "Verbrechen" kontinuierlich zurückgegangen, da die Leuchtdichte in unserer zivilisierten Welt zugenommen hat. Tagsüber würde gar nix mehr passieren...

Ich bezweifle ihren Schluss, es handelt sich um einen so genannten "Trugschluss"!
So müsste die Verbrechensrate in wenig beleuchteten Ländern (Afrika?) äußerst gering sein.

Einen ähnlichem Trugschluss sitzen jene auf, die für härtere Strafen gg. Verbrecher sind. Sie nützen (siehe USA, Todesstrafe) kaum etwas.

Also: fürchtet Euch nicht!
Die Nacht ist finster! Der Tag ist hell!

Glühbirnenverbot aufheben

Das hab' ich ja immer schon gesagt, dass all die mordernen, "sparsamen" Lampen viel das schlechtere Licht bieten, weniger Spektralfarben, mehr Streulicht etc. Aber so weit denkt ja in der Politik gottseidank keiner.

Ein "Lichtblick" also, dass in Slowenien dagegen vorgegangen wird.

Ein Tipp: Wer wissen will, warum Lichtverschmutzung so schlimm ist, gehe einmal in eine abgelegene Berggegend, zB Mölltal in Kärnten, und sehe sich den Himmel bei Nacht an. Man kann sogar die Arme unserer Galaxis erkennen! Wunderschön.

Nicht ganz richtig ist auch falsch,

weil: "gelbe" Natriumdampflampen energiesparend sind, "weiße" Lampen sind das nicht.

Danke für den Kärntner Tipp, aber haben nicht auch andere Regionen das Recht auf Dunkelheit in der Nacht?

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