Bitter und peinlich

13. August 2010, 18:17
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Das Bild zum Artikel über die Pornoseiten im Internet wäre besser nicht erschienen

Es kommt nicht jeden Tag vor. Zu besonderen Gelegenheiten lassen wir aber gerne zu, dass die Zeitung, wie man so schön auf Wienerisch sagt, nimmer wiederzuerkennen ist. Am vergangenen Samstag haben wir wieder eine solche Nummer produziert.

Was liegt bei einer Schwerpunktausgabe zum Thema "20 Jahre Internet" näher, als einen Medienkünstler um seine Intervention zu bitten? Wir lassen uns auf derartige Experimente ein, weil wir meinen, dass man avantgardistische Ideen nicht nur aus der Ferne bestaunen, sondern besser selbst leben soll. Richard Kriesche hat also unsere Bilder verfremdet und damit den Blick auf Details der Illustrationen gelenkt, die sonst in den Hintergrund treten. Die vielen Pixel und Farbflächen in den Fotos waren also gewollt.

Was wir nicht so gewollt haben: Das Bild zum Artikel über die Pornoseiten im Internet wäre besser nicht erschienen. In der Annahme, man würde nach der Verpixelung nicht mehr viel erkennen, wurde arglos zu einem Foto gegriffen, das eine sehr junge Dame zeigt - der Begleittext der Bildquelle im Internet wies sie als erwachsen aus. Der künstlerische Eingriff hat die Problematik manch intern prüfendem Auge entzogen. Erst der Abdruck der unverfälschten Bilder auf einer Doppelseite im Immobilienteil hat die Malaise deutlich gemacht - viel zu spät, um noch etwas reparieren zu können. Es bleibt nur das Bedauern. Und die Überzeugung, dass wir zwar nicht aus jedem Fehler lernen, einen solchen aber kaum noch einmal machen werden.

Ein Wort des Bedauerns ist auch in Richtung des verstorbenen Historikers Tony Judt angebracht. Wir brachten einen würdigen Nachruf und wiesen darauf auf der Titelseite hin - mit einem ziemlich falschen Wort. Judt war ein bestechender Intellekteller und ein unbestechlicher Zeitdiagnostiker. Die beiden Adjektive verflossen ineinander, und so fand sich schließlich der Hinweis, ein bestechlicher Zeitdiagnostiker habe die Welt verlassen. Der Fehler wurde unmittelbar nach Andruck behoben, aber eine Peinlichkeit ist eine Peinlichkeit. (Otto Ranft/Leserbeauftragte/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2010)

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