Deutschland entfacht Euro-Konjunktur

13. August 2010, 17:32
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Europas Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal so dynamisch entwickelt wie seit 2006 nicht mehr

Europas Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal so dynamisch entwickelt wie seit 2006 nicht mehr. Deutschland ist der Wachstumsmotor, doch dort könnten die Bauinvestitionen und Exporte bald wieder abebben.

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Wien/Berlin - Der europäische Wirtschaftsmotor brummt nicht nur, er heult auf. Zwischen April und Juni ist die Wirtschaftsaktivität in Europa gemessen am Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Prozent. Das ist das höchste Quartalswachstum seit 2006. Angezogen wurde das europäische Wachstum von der Wirtschaftslokomotive Deutschland. Europas größte Volkswirtschaft ist im zweiten Quartal real 2,2 Prozent gewachsen, der höchste Wert seit 23 Jahren.

"Die Drei vor dem Komma ist dieses Jahr zum Greifen nah", gibt sich etwa der Konjunktur-Chef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, euphorisch. Besonders die Exporte haben Deutschland das hohe Wachstum beschert. Der deutsche Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) rechnet für 2010 nun mit einem Wachstum von "über zwei Prozent", bislang ging die Regierung offiziell von plus 1,4 Prozent aus. "Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", sagte der Politiker.

Österreich profitiert mit

Auch Österreich wird vom deutschen Wachstum profitieren können. "Die heimische Wirtschaft hängt stark an Deutschland, wächst Deutschland stärker, spürt das auch der heimische Wirtschaft", sagt Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer. 2010 könnte das Bruttoinlandsprodukt daher schneller wachsen als bislang erwartet. Die Bank hat ihre Wachstumsprognose von 1,6 auf 1,3 Prozent für das Jahr 2010 angehoben. Die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS betonten, dass die jüngsten Daten auch aus der heimischen Wirtschaft von der ausländischen Nachfrage getragen sind: "Hauptverantwortlich für das Wirtschaftswachstum sind eindeutig die Exporte", kommentiert Scheiblecker das österreichische BIP-Wachstum von 0,9 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Es sei aber zu früh von einem selbst tragenden Aufschwung zu sprechen, da die Investitionen noch nicht in Schwung gekommen ist.

Aber nicht alle Ökonomen sehen die jüngsten Zahlen euphorisch. Viele befürchten, dass schlechte Nachrichten aus den USA (niedrigeres Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit als erwartet) die Stimmung in Europa trüben könnte, zu eng seien die Wirtschaftsmächte verflochten (siehe "Wissen" unten). Julian Callow, Chefökonom von Barclays Capital betonte, dass "es keinen Grund gibt, warum sich Europa den US-Nachrichten entziehen könnte."

Zwei-Klassen-Aufschwung

Das Wachstum in Deutschland sei in diesem Quartal von Einmaleffekten getragen, warnte Callow. So wurden die Bauinvestitionen aufgrund des kalten Winters in den Frühling verschoben und hätten so das Wachstum beflügelt. Auch Lagerinvestitionen könnten in den kommenden Quartalen nicht mehr zur Dynamik beitragen. Das hohe Wachstum in Europa verdecke, dass es einen "Zwei-Klassen-Aufschwung" gibt, wird weiters kritisiert: Exporteure wie Deutschland profitieren von der globalen Konjunktur, hingegen leiden süd- und osteuropäische Staaten an den Sparpaketen.

Die Struktur des Aufschwungs sei noch nicht nachhaltig, betont deshalb Bank-Austria-Ökonom Bruckbauer. Konsum und Investitionen müssten in Deutschland ansteigen, damit auch andere Länder einen Impuls bekommen. Die Bautätigkeit der vergangenen Monate hingegen nütze einzig den Deutschen. Erst wenn die Binnennachfrage anziehe, könne Deutschland "Lokomotivenwirkung" für Europa haben. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.8.2010)


Wissen: Verflechtung von USA und Europa

Der direkte Handel zwischen den USA und Europa hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Heute machen die Exporte der EU-27 Länder in die USA nur mehr 18,7 Prozent aus, vor zehn Jahren lag dieser Anteil laut Eurostat noch bei 27,4 Prozent.

Kommentar

Deutschland ohne Mitspieler - Von Lukas Sustala

Die Bedeutung von Schwellenländern im Handel mit der europäischen Gemeinschaft hat hingegen zugenommen. Das Handelsvolumen mit China ist etwa seit 1999 um 315 Prozent gewachsen.

In den Zeiten der Globalisierung verschwindet die Verbindung zwischen Europa und den USA nicht, der Handel ist indirekt. Deutschland exportiert etwa Maschinen im Wert von 35 Milliarden Euro nach China. In China werden mit diesen Produkten Exportgüter hergestellt. Diese wiederum landen in den USA, die ein Fünftel der chinesischen Exporte konsumieren.

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