Das Bodenlose

13. August 2010, 17:12
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Die 87-jährige österreichische Schriftstellerin Ilse Helbich erzählt in ihrem neuen Buch "Fremde" Geschichten über Distanz und Nähe

...über das Alleinsein und die wehmütige Erinnerung an Unwiederbringliches.

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Wien - Aus unruhigen Träumen erwacht, findet ein Mann die Welt gegen sich verschworen vor. Die Zeit steht Kopf und gibt am frühen Morgen schon satte Nachmittagsstunden vor. Das Chaos ist über ihn, den alten Mann, hereingebrochen, der nicht weiß, ob er nun nach dem Frühstück auch gleich das Mittagessen zu sich nehmen soll. Ihm sind keine Käferbeinchen gewachsen, dennoch hat er sich verwandelt: Er ist gealtert, die Ordnung und seine Erinnerungen sind trügerisch geworden.

Das Absurde ist in den Erzählungen der in Wien und im Kamptal lebenden Autorin Ilse Helbich oftmals ein Moment des Alltäglichen. Das Fremde, so der Titel des im Grazer Droschl Verlag erschienenen Bandes, zieht sich als einziges Motiv durch die sonst sehr unterschiedlichen Geschichten der 87-jährigen Schriftstellerin.

Als Fremde bleibt die alleine reisende Frau auf einer griechischen Insel sich selbst überlassen. Ehepaare haben sich nach vielen Jahren der Ablenkung durch volle Terminkalender entfremdet. Und selbst die eigenen Kinder sind in diesen versonnenen, mitunter von einem elegischen Ton getragenen Geschichten Fremde: Ein Sohn geht an eine ominöse Sekte verloren, halbwüchsige Töchter sind den mit anderen Sorgen beschäftigten Mutter fremd geworden. Helbichs Figuren sind Einzelgänger, die keine Nähe zu anderen Menschen mehr suchen. Wie im Fall des alten Mannes, der sich plötzlich nicht mehr als Herr seiner Sinne fühlt, tut sich vor ihnen das Bodenlose auf.

Helbichs Erzählungen decken eine breite Zeitspanne ab, erinnern an längst verschwundene Lebenswelten, während ein paar Seiten weiter moderne Figuren auf ihren Auftritt warten. Bei der Lektüre ergibt sich notgedrungen ein Gefälle, Tiefe und Intensität der Erzählungen variieren. Helbichs präzisen Beobachtungen wohnt aber ein Zauber inne, wenn es um die feinfühlige Beschreibung von Entwurzelung und liebevolle Erinnerungen an weit Zurückliegendes geht.

Schlichte Beschreibungen

Das Buch Fremde entbehrt eines Spannungsbogens, der die einzelnen Geschichten ordnen würde. Andererseits liegt in den Zeitsprüngen und Stimmungsumschwüngen des Buches auch ein Reiz. In ihren besten Geschichten erzielt Helbich, die ihren ersten Roman Schwalbenschrift (2003) mit achtzig Jahren veröffentlichte, mit kunstvollen Verknüpfungen schlichter Beschreibungen eine enorme Wirkung. Sie erzählt von einem verregneten Kindheitssommer, den ein Mädchen mit der Angel im Bootshaus verbringt, und vom Kirtag, der im Leben eines anderen Mädchens den Punkt des Erwachsenwerdens markiert: Die Erinnerung an die kindlichen Verlockungen ist dem Mädchen geblieben, doch das "heiße Wünschen" beim Anblick der Spielsachen und Süßigkeiten ist ihr schon vergangen.

Besonders berührend ist die Geschichte einer Frau (einer Jüdin?), die in der größten Not ihr Kind vor den Nazis auf dem Dachboden versteckt. Sie bekommt immer wieder Besuch von einem Offizier, der ihr zwar Nahrungsmittel bringt, diese dann aber wieder mitnimmt. Während die Frau also gierig isst, muss sie, vom Offizier unbemerkt, Brocken für ihr Kind unauffällig unter den Tisch fallen lassen. In dieser beklemmenden Szene, einer kommentarlosen Momentaufnahme, findet Helbich Worte für das Unsagbare, für unmenschliches und unbegreifliches Leid. (Isabella Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.08.2010

  • Ilse Helbich, Journalistin, Germanistin und Autorin, veröffentlichte 
ihren ersten Roman mit achtzig Jahren. Sie lebt und schreibt in Wien und
 im Kamptal.
    foto: der standard

    Ilse Helbich, Journalistin, Germanistin und Autorin, veröffentlichte ihren ersten Roman mit achtzig Jahren. Sie lebt und schreibt in Wien und im Kamptal.

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