"Wie beim Segeln: Nicht mehr machen als nötig"

13. August 2010, 17:01
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Johannes Schütz hegt diffuse Sehnsüchte nach einem Einheitsbühnenbild - im STANDARD-Interview

Für "Phädra" (Premiere Salzburger Festspiele, 18. 8.) hat der das Burgtheater prägende Bühnenbildner aber doch wieder von neuem überlegt, erfuhr Margarete Affenzeller.

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STANDARD: "Der Goldene Drache", "Lorenzaccio", "Das Begräbnis", "Krieg und Frieden", jetzt "Phädra". Das sind allein die Produktionen in der Ära Hartmann. Sie sind ein arbeitsamer Mensch!

Schütz: Manchmal fällt es einem eben leicht. Wenn man etwas schon einmal gemacht hat, dann wird es schwieriger.

STANDARD: Was ist als Bühnenbildner Ihr formales Interesse?

Schütz: Mit wie wenig erreiche ich etwas. So wie beim Segeln oder in der Medizin: nicht mehr machen als nötig. Ich bezweifle seit längerem diese Redundanz am Theater, verbunden mit einer ängstlichen Wirkungstüchtigkeit. Das, was man als Bühnenbildner macht, muss auf alle Fälle besser sein als die leere Bühne, und die ist schon sehr gut.

STANDARD: Also viel reduzieren?

Schütz: Nein, man soll nur Dinge nehmen, die man braucht. Es ist nicht diätisch. Es ist wie bei guter Architektur: Wie viele Materialien hat eine Hausfassade? Zwei ist gut, eins ist besser. Bühnen sind Wirkungsräume, die sollte man knapp halten. Schauspieler sollten mit Bühnenbild mehr Wirkung haben als ohne. Diese Qualität würde ich vielen Bühnenbildnern absprechen.

STANDARD: Sie arbeiten aufbauend, nicht dekonstruierend?

Schütz: Ja. Aber ich verstehe immer weniger, warum jeden Abend etwas anderes auf der Bühne stehen muss. Es ist möglicherweise eine mediale Schwächung des nachshakespeareschen Theaters, dass man jeden Abend eine andere Dekoration hinstellt, das ist beliebig und im Grunde fragwürdig.

STANDARD: Sie wünschen sich ein Einheitsbühnenbild?

Schütz: Das kann man nicht verordnen. Aber wenn das Theater eine Form fände, mit mehr Intellektualität und Sinnlichkeit anstelle der didaktischen Tröstungen des Dekors ...

STANDARD: Ihre Bühnenbilder sind doch sehr unterschiedlich!

Schütz: Ich finde, dass sie unterschiedlich sein müssen.

STANDARD: Was haben Sie dann mit Einheitsbühnenbild gemeint?

Schütz: Es ist mehr eine diffuse Sehnsucht nach einem Kanon. Ich glaube, dass gute Bühnenbilder auch im Freien funktionieren müssen. Mit Tageslicht.

STANDARD: Wie ginge das bei Vinterbergs "Begräbnis"?

Schütz: Ja, Das Begräbnis ist eine Ausnahme. Aber Onkel Wanja oder Möwe, das könnte man draußen aufbauen, und es müsste sofort funktionieren.

STANDARD: Wie recherchieren Sie? Haben Sie Lieblingsorte außerhalb des Theaters?

Schütz: Ich sammle sehr viel. Und wenn man gewohnt ist, formale Gesetzmäßigkeiten zu untersuchen, dann wird jeder Bahnsteig eine Bühne. Onkel Wanja ist zum Beispiel eine Bushaltestelle, die ich einmal in Griechenland fotografiert habe. Ich dachte, mehr braucht man nicht.

STANDARD: "Dekor ist tot", haben Sie einmal gesagt. Warum?

Schütz: Dekor am Theater ist meistens eine Ausrede. Wenn eine Person mit einer anderen Person spricht, dann weiß ich nicht, warum dabei das Ambiente rundherum missbraucht werden muss.

STANDARD: Was ist denn jetzt bei "Phädra" Ihre Idee?

Schütz: Die Schwierigkeit war, ein Bühnenbild zu machen, das sowohl im Salzburger Landestheater als auch im Akademietheater sinnstiftend wirkt. Das Landestheater ist ein kleines Haus mit allen stilistischen Sicherheiten der Theaterarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts: mit Orchestergraben, Proszeniumslogen und einem kaum ansteigenden Parkett. Im Gegensatz dazu die sehr breite und nicht tiefe Bühne des Akademietheaters. Ich versuche eine Bühne zu entwerfen, die sich auf keinem der beiden Theaterräume ausruht.

STANDARD: Eine inhaltliche Idee dazu möchten Sie nicht verraten?

Schütz: Es gab keine Grundsatzidee. Ich frage mich, was ist die antike Tradition des Stückes, und wie geht französische Klassik?

STANDARD: Sie mischen die beiden Traditionen?

Schütz: Hoffentlich nicht. Abbildungen aus dem 17. Jahrhundert zeigen, dass Racine und Corneille in mehr oder weniger zeitgenössischen Kostümen gespielt wurden. Man kann sich das heute nur sehr schwer vorstellen und erst recht nicht nachmachen. Es würde nicht funktionieren, die Figuren einfach in höfische Kostüme zu stecken. Und wenn es sein müsste, dann wären die Stücke nicht gut genug. Wenn man das heute liest, nach Genet, Duras ...

STANDARD: Finden Sie es leichter, wenn ein Autor Vorgaben macht?

Schütz: Das ist kaum zu beantworten. Die szenische Qualität eines Textes hängt nicht von Bühnenanweisungen ab, Euripides brauchte keine, und bei Gegenwartsautoren sind sie oft Teil der Partitur.

STANDARD: Wie wichtig sind historische Bühnenbilder für Ihre Arbeit?

Schütz: Sehr. Ich schau z. B. sechzig Bühnenbilder von Macbeth an, nur Shakespeare, nie Verdi. Ob es der eigenen Arbeit hilft, weiß ich nicht. Die Qualität ist insgesamt weder gesunken noch gestiegen. Es gab schon immer viel schlechtes Theater. (lacht)

STANDARD: Sie entwerfen die Kostüme oft selbst. Gehören Kostüm und Bühne untrennbar zusammen?

Schütz: Ich finde ja. Weil man bestimmte Dinge viel schneller übers Kostüm klären kann als über den Raum. Es ist manchmal eine wichtigere Entscheidung, was die Schauspieler anhaben, als wie der Raum aussieht. Das führt mitunter auch bis zum Plündern von Privatklamotten.

STANDARD: Sie sind berüchtigt: Der Jil-Sander-Mantel eines Schauspielers ging so einmal in den Besitz eines Theaters über!

Schütz: Wenn es sein muss. Es ist ein wunder Punkt: Kostüme. Da hat sich das Theater in der Vergangenheit bequem eingerichtet, indem es beglaubigen möchte, dass es historisch rekonstruieren kann. Ich glaub ja nicht, dass ein Schauspieler an einem Abend ein Juste-Decor von der Stange nimmt und am anderen dann eine Goldlamé-Hose. An Filmen interessieren mich oft am allermeisten die Kostüme. Was Figuren in Woody-Allen-Filmen anhaben, das ist einfach großartig: ein jüdischer Arzt, ein Intellektueller oder eine betrogene Ehefrau.

STANDARD: Wie sieht eine betrogene Ehefrau aus?

Schütz: Die sieht natürlich viel besser aus als die Geliebte. Sie sieht attraktiver aus. Sie hat mehr Geschmack und trägt die viel schönere Bluse. Nicht aus Kompensation der Gerechtigkeit, sondern aus unbewussten Strategien. Es wäre tautologisch, sie als Aschenputtel hinzustellen. Man möchte möglicherweise auch die Fehlentscheidung des Mannes zeigen.

STANDARD: Ihre Werke haben ein Ablaufdatum, landen im Fundus oder werden zerstört. Schlimm?

Schütz: Nein. Wenn die Produktion erfolgreich ist, wird sie ja von vielen Menschen gesehen. Und ehrlich: Manchmal hab ich schon mit drei Jahre alten Arbeiten Probleme. Man ist schnell woanders oder hat Dinge mittlerweile gelöst. Und die armen Schauspieler müssen da drinnen dann noch spielen ... (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 14./15. August 2010)

Johannes Schütz (60) ist der derzeit prägendste Bühnenbildner des Burgtheaters, der zuletzt vor allem mit Jürgen Gosch gearbeitet hat. Schütz wurde 2005 zum Bühnenbildner des Jahres gewählt und arbeitet auch als Regisseur.

Johannes Schütz, Bühnen/Stages 2000-2008. Vol. 1, Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2008, 324 Seiten, 48 Euro.

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