Kontrolle ist besser

13. August 2010, 17:03
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Deutsche Zwischenbilanz - Establishment der Moderne und zeitgenössische Kunst ließen Umsätze wachsen

Die Halbjahresbilanz des Auktionshauses Ketterer (München) zum Saisonschluss repräsentiert die deutsche Marktsituation: Allein das Moderne und etabliert Zeitgenössische bescherte heuer bislang rund neun Millionen Euro und damit drei mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das vorhandene Geld der sammelnden Klientel wird weniger skeptisch festgehalten als 2009.

Der Anlagenalternative Kunst vertraut man wieder stärker. Sichere Qualität ist hierbei unbedingte Voraussetzung. Man schaut genauer hin, wägt ab, informiert sich intensiver: Kontrolle ist eben besser. Ein Trend, den der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer mit einer derzeitigen Käufervorliebe für "rückwärtsgewandte Programme" bestätigt.

Matthias Rastorfer, von der ehemals in Köln angesiedelten und nunmehr der Schweiz aus agierenden und bei russischer Avantgarde führenden Galerie Gmurzynska, konstatiert "eine Rückkehr im Bereich der Klassischen Moderne zu etablierten Namen und signifikanten Einzelwerten, die verstärkt auch als sichere Anlagen in Hinblick auf Währungsschwankungen gelten" .

Regionaltypisch gehören zu den Halbjahressiegern an der Münchner Isar Gabriele Münter, deren oberbayerische Blütenpracht (1910) bei Ketterer für 390.400 Euro den Besitzer wechselte. Mit dem Blauen Reiter setzt man trendgemäß auf ein abgesichertes Pferd. Entsprechend heißt der "Klassenbeste" bei Lempertz (Köln) und Villa Grisebach (Berlin) Alexej von Jawlensky: am Rhein spielte sein Stillleben 570.000 Euro und der Abstrakte Kopf an der Spree 357.000 Euro ein.

Van Ham (Köln) gesellt sich stimmig hinzu, mit Rudolf Bauer und dem insgesamt zweitbesten Auktionszuschlag seit Anfang des Jahres: 538.000 Euro erzielte sein Pink Circle (1938), ein Künstler-Weltrekord, vermutlich wegen der renommierten Provenienz. Als Teil der Guggenheim-Sammlung war das Gemälde 1939 in der legendären Eröffnungsausstellung "Art of Tomorrow" zu sehen.

Internationale Feuertaufe

Aus der klassisch-modernen Umsatz-Phalanx der Auktionshäuser scheren angesichts der zehn höchsten seit Jänner erzielten Spitzenzuschläge allein Sean Scully (Villa Grisebach, 440.300 Euro) und Günther Uecker (Ketterer, 353.800 Euro) aus.

Allerdings hat das gesamte Zero-Umfeld der Nachkriegsperiode sehr stark angezogen: sowohl über die extensiven Offerten der Art Cologne im April als auch über die bei Sotheby's im Februar via London verteilten Werke aus der Sammlung Lenz Schönberg. Diese ursprünglich deutsch empfundene Epoche scheint ihre internationale Feuertaufe bestanden zu haben. Auch im Hinblick auf den italienischen Kunstmarkt und neu entdeckten deutschen Zero-Künstlerfreundschaften, etwa zu Piero Manzoni oder Lucio Fontana. Ueckers genagelte Haut (1964) "vergoldete" sich mit einem Kaufpreis von 353.800 Euro bei Ketterer um immerhin 81 Prozent, bedenkt man den Rufpreis von 160.000 Euro.

Handel, Kunstmessen und Auktionshäuser beobachten übereinstimmend eine Flucht in die Materialwerte, ohne dass dabei überhitzt investiert würde. Der Zukunftsaspekt und Anlagegesichtspunkt spielt dabei sogar bei altem Silber und Designermöbeln eine entscheidende Rolle.

Ein bekanntes zyklisches Phänomen: Kunst als perfekte Geldanlage, um inflationsbedrohtes Geld kurzfristig zu binden - und die Krisenangst verhilft dem Handel zur Milderung einer wirtschaftlich bedingten Kunstmarktkrise. Wobei der Auktionssektor für den Kunsthandel als Einkaufsterrain zunehmend uninteressant wird, da die Einstiegspreise kontinuierlich steigen.

Matthias Rastorfer sieht zudem internationale Einflüsse auf den deutschen Markt: "Vorsicht ist geboten vor überhöhten Erwartungshaltungen, die derzeit von den Auktionen geschürt werden, und Megaauktionen, wie den Juni-Auktionen in London, die mit einem überteuerten Überangebot an Werken den ansonsten robusten Kunstmarkt zu überfordern drohen." Momentaner Kunstmarkt-Verlierer sind wohl die genuin schwer bewertbaren Offerten der Gegenwartskunst. Zumal für die junge Kunst zusätzlich der mäzenatische Bereich derzeit deutlich wegbricht. (Roland Groß, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.08.2010)

  • Rudolf Bauers "Pink Circle"  (1938) gastierte 1939 im Rahmen der 
Eröffnungsausstellung im "Tempel der Gegenstandslosigkeit" , wie das 
Guggenheim-Museum in New York genannt wurde.
    foto: van ham

    Rudolf Bauers "Pink Circle" (1938) gastierte 1939 im Rahmen der Eröffnungsausstellung im "Tempel der Gegenstandslosigkeit" , wie das Guggenheim-Museum in New York genannt wurde.

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