"Sich öffnen, entspannen und loslassen"

15. August 2010, 21:43
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Einmal eine ganze Woche lang nichts reden und dabei trotzdem unter Menschen sein: Dieter Christoph Singer, Psychotherapeut und Zen-Lehrer im Interview

Standard: Wer entscheidet sich für eine Schweigewoche und warum?

Singer: Jeder Mensch hat Erfahrungen mit Stille, etwa in der Natur. Das sind oft sehr berührende Momente, und viele spüren die Kraft, die darin liegt. Doch Stille verflüchtigt sich schnell wieder. Die Menschen, die zum Schweigen zusammenkommen, bilden eine Gemeinschaft, die sie trägt. Allein kommt man viel leichter in Versuchung, sein Schweigen vorzeitig abzubrechen.

Standard:  Sind Lebenskrisen eine Motivation?

Singer: Kann sein, muss aber nicht. Es gibt in jedem Leben einen Punkt, an dem man sich fragt: War das jetzt eigentlich alles? Krisen geben da oft den Ausschlag. Oft ist die Motivation für eine Schweigewoche aber auch der Wunsch nach einer Einheit mit sich selbst und die Erfahrung, dass es etwas gibt, was über den eigenen Horizont hinausgeht. Stille ist eine Haltung, eine Achtsamkeit gegenüber sich selbst.

Standard:  Klingt religiös.

Singer: Schweigen hat in vielen Religionen Tradition, aber ist per se nichts Religiöses. Es geht darum, in eine Präsenz zu kommen, um Entspannung und Offenheit, die sich durch aufrechtes Sitzen und bewusstes Atmen einstellt.

Standard:  Bei Zen sitzt man viele Stunden. Ist das nicht auch rein körperlich schwierig?

Singer: Das aufrechte Sitzen, ohne sich dabei zu bewegen, hat sich über die Jahrtausende bewährt. Es öffnet, man sammelt sich, kann entspannen und loslassen. Eine gewisse Übung gehört natürlich dazu. Wer das lange Sitzen nicht schafft, kann auch liegen.

Standard:  Welche Rolle haben Sie in der Schweigewoche?

Singer: Ich begleite die Teilnehmer und mache Schweigen erfahrbar. Dafür gebe ich die Strukturen im Tagesablauf, orientiere mich an Zen-Traditionen. Sie schaffen einen äußeren Rahmen. Wer in die Stille geht, sollte stabil sein, um all die Gefühle, die entstehen, aushalten zu können. Stille kann ja auch Angst machen. Die Konfrontation mit sich selbst kann unerwartete Reaktionen hervorrufen. Wer will, kann aber täglich kurz mit mir sprechen.

Standard: Was ist das übergeordnete Ziel?

Singer:Das Herzstück des Schweigens ist, sich zu lösen von dem, was einen ständig beschäftigt und besetzt hält, und eine Welt wahrzunehmen, die im Alltag untergeht. In der Stille kann man sich selbst und die anderen sein lassen. Die Stille spricht von dem, was einen selbst in der Tiefe angeht, was einen berührt, wo man ganz man selbst ist. Das ist Lebensqualität. Paradox ist, dass, wenn das Denken zur Ruhe kommt, sich die Gedanken klären. Es gibt viele, die erzählen, dass sich nach einer Woche Schweigen Probleme lösen, viele haben aber einfach nur gute Ideen. Wenn Schweigen auf den ersten Blick auch als Einengung gesehen wird, so ist es eine Öffnung. Der Alltag erscheint in einem neuen Licht.

Standard: Wie oft sollte man schweigen?

Singer:Wer einmal erlebt hat, dass Stille ein Jungbrunnen für die Seele ist, will es nicht mehr missen. Idealerweise baut man eine halbe Stunde in den Alltag ein, legt alle drei Monate einen Schweigetag ein. Genaue Regeln gibt es nicht. Die meisten machen zweimal im Jahr eine Schweigewoche. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 16.08.2010)

  • DIETER CHRISTOPH SINGER (49) ist Psychotherapeut, praktiziert seit seinem 20. Lebensjahr
Zen-Meditation. Er ist Zen-Lehrer in Wien und leitet Schweigewochen
unter anderem in Kroatien und im Lesachtal. 

 
 
    foto: privat

    DIETER CHRISTOPH SINGER (49) ist Psychotherapeut, praktiziert seit seinem 20. Lebensjahr Zen-Meditation. Er ist Zen-Lehrer in Wien und leitet Schweigewochen unter anderem in Kroatien und im Lesachtal.

     

     

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