Ruhe durch Schweigen

Über allen Gipfeln ist Ruh

15. August 2010, 21:41

Reden, reden, immer reden: Wer sich davon erholen will, schweigt im Urlaub. Als Reinigung, Läuterung und Selbstfindung hat es alte religiöse Wurzeln. Nach einer Woche Meditation sieht auf alle Fälle vieles ganz anders aus

Die letzten Worte werden am Tag der Anreise gesprochen. Der Zen-Lehrer erklärt, wie die nächsten sechs Tage ablaufen werden. Es geht ums Aufstehen, die Essenszeiten, die Wanderungen. Jeder sucht sich einen Platz im Meditationsraum aus, wo er vom folgenden Tag an seinen Platz einnehmen wird. Nach dem gemeinsamen Abendessen wird früh ins Bett gegangen.

Ein Gong wird die Teilnehmer der Schweigewoche am nächsten Tag wecken, um sechs Uhr früh wird man zusammenkommen, sich aufrecht und gerade im Schneidersitz auf seinen Platz setzen und dann gegen die Wand schauen. 25 Minuten, dann fünf Minuten gehen, dann wieder 25 Minuten sitzen, dann wieder gehen. Bis zu 13-mal pro Tag wird sich dieses Ritual wiederholen. "Es geht darum, sich in dieser Stille ganz auf sich selbst zu konzentrieren, dabei auf den eigenen Atem zu achten und innerlich zur Ruhe zu kommen", sagt Zen-Lehrer Dieter Christoph Singer. Dazwischen werden die Mahlzeiten eingenommen.

Fixe Strukturen

So sieht es die Struktur der Zen-Meditation vor. Die alte buddhistische Tradition bildet das Grundgerüst, das den Schweigenden einen fixen Rahmen vorgibt. Einmal am Tag dürfen die Teilnehmenden mit dem Lehrer ihre Gedanken besprechen. "Es kommen viele Dinge in einem hoch, Erinnerungen und Erlebnisse, die gleichermaßen schön und traurig waren, das ist immer unterschiedlich", erzählt eine Teilnehmerin, die, seit sie das Schweigen vor drei Jahren entdeckt hat, regelmäßig diese Form des Urlaubs praktiziert, weil "man ruhig wird und lernt, im Hier und Jetzt zu sein".

Sie kennt den Rhythmus und die Rituale, die hier das Leben bestimmen, wie etwa dass sich die Teilnehmer während des Kurses nicht in die Augen sehen, ihren Blick beim Essen auf den Teller gerichtet haben und die gemeinsamen Wanderungen im Gänsemarsch absolvieren. "Nicht reden müssen ist für mich Luxus pur", sagt sie. Auch sonst sollte alles, was einen von sich selbst ablenken könnte, möglichst reduziert werden. Kein Handy, keine Musik, keine Bücher, denn nur so könne man zu einer neuen Form der Selbstwahrnehmung gelangen. Der Weg ist der Atem. Einatmen, ausatmen und die Gedanken, die aufkommen, vorbeiziehen lassen - darum geht's.

Auch die katholische Kirche kennt Schweige-Exerzitien. Ignatius von Loyola hat sie als spirituelle Übung im Glauben verankert. Pater Bernhard Bürgler leitet die Schweigewochen im Kardinal-König-Haus in Wien. Es gibt zwei Formen: die Ignatianischen Exerzitien, bei denen neben dem Schweigen gemeinsame Gebete und die Lektüre von Bibelstellen eine wichtige Rolle einnehmen, und die kontemplativen Exerzitien, die weniger Beschäftigung mit Texten und mehr mit dem stillen Dasein in Gott zu tun haben. "Bei der Zen-Meditation richtet man sich am Atem aus, wir richten die Aufmerksamkeit auf Jesus Christus, sein Name ist wie ein Mantra", erklärt Bürgler.

Im Kardinal-König- Haus geht es aber genauso um eine ungeteilte Wahrnehmung der eigenen Gefühle, um ein "zur Ruhe kommen. Auch hier können die Schweigenden einmal am Tag mit dem Leiter der Exerzitien sprechen. "Aus Erfahrung kann ich sagen, dass in den meisten Formen des Schweigens dasselbe passiert: Es ist ein Sich-Ordnen", sagt Bürger.

Die äußeren Strukturen dafür mögen unterschiedlich sein, doch das, was mit den Menschen passiert, ähnelt sich in vielen Fällen. Als "innere Freiheit" beschreiben es viele, "auch als Reinigung und Einswerdung" oder simpler als "Glücksgefühl".

Eine ebenfalls buddhistische Tradition des Schweigens ist Vipassana, so wie sie in Sankt Michael in Kärnten angeboten wird. "Die Phänomene verändern sich schnell, Vipassana ist eine Technik, die Schüler lehrt, Körper und Geist zu beobachten, in Lot zu bringen und diesen Zustand auch zu halten", sagt Vipassana-Lehrer Hubert Knaus, der diese Form der Meditation seit 30 Jahren praktiziert. Als "edles Schweigen" wird die Übung bezeichnet, die in einem vergleichsweise rigiden Rahmen stattfindet.

Aufmerksamkeit üben

Aufstehen um 4.30 Uhr, kein Kontakt zwischen Männern und Frauen, beim Meditieren sind die Augen geschlossen zu halten, und der Tag endet für alle um 21 Uhr. Es gibt im Vipassana-Schweigen zwei Phasen: In den ersten fünf Tagen liegt die Aufmerksamkeit auf dem Atem, bewusst einatmen und ausatmen schärft die Wahrnehmung für sich selbst. Dann "wenn die Teilnehmer sich selbst gegenüber schon sensibel sind, richtet man den Fokus auf die verschiedenen Regionen des Körpers", erklärt Knaus. Diese Phase erfolgt unter Anleitung des Lehrers, der die Schweigenden mit Worten durch die ersten 15 Minuten der Körpermeditation begleitet. Das übergeordnete Ziel ist "gleichmütig beobachten zu lernen", so Knaus. In seinen 13 Jahren als Lehrer hat er wenige Menschen erlebt, die das Schweigen abgebrochen haben.

Denn, und auch da sind sich alle Teilnehmer von Schweigewochen einig: Die Gruppe ist als Unterstützung und Antrieb zum Durchhalten enorm wichtig. Das Schweigen-Brechen ist in jeder Tradition ein großes Ereignis. Nach den langen Tagen der Stille ist das Sprechen und die Kontaktaufnahme mit anderen erst einmal irritierend, "doch schnell reden alle durcheinander, es ist dann wie in einem Bienenstock", sagt Knaus und weiß, dass die durch das Schweigen gewonnene Ruhe mit sich selbst ein Gefühl ist, das sehr viele wiederkehren lässt. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 16.08.2010)

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23 Postings
Wolkengedanken
01
19.8.2010, 11:49

Ausprobieren, Leute, DANN kommentieren !!

friedchicken
00
16.8.2010, 22:33
Thailand

War vor 10 Jahren in Thailand, wollte Yoga machen u bin i e Kloster gelandet, wo auch geschwiegen wurde. Sehr seltsam, nach einer Stunde "Sightseeing" back ins Hotel.
Würde mir von der Schweigewoche nicht zu viel erwarten. Für uns "typische Westler" mit Handy mit E-Mailempfang, mehrere TVs in der Wohnung etc, ist der Umstieg denke ich zu heftig und "unnatürlich".

Angelika70
00
16.8.2010, 14:10

Wenn ich um 21.00 schlafen gehen und um 4.30 aufstehen muss, dann fällt mir ausser Schweigen eh nicht viel ein. Bitte was soll das für eine Entspannung sein?

Hotzenplotz 4 President
00
16.8.2010, 14:50
für mich is sowas auch nix...

hab sowas mal ca 1 stunde gemacht.also 30 min sitzen, bisschen herumgehen und dann nochmal 30 min und das hat mir mehr als gereicht. unabhängig davon, dass es saumäßig weh getan hat (arsch,innenschenkel,rücken),hab ich statt meiner inneren ruhe eher meine innere unruhe entdeckt.kann mir aber gut vorstellen, dass es vielen gut tut. meins is es halt nicht.

hagane
00
16.8.2010, 17:18

man soll auch nicht auf einem nagelbrett meditieren wenn mans nicht gewohnt ist. selbstverständlich ist eine entspannte und unverkrampfe körperhaltung mal der wichtigste grundstein damit das klappt. (es ist vollkommen egal wie man sich hinsetzt, muss überhaupt nicht der berühmte schneidersitz sein...) wenn das schon nicht schaffbar ist dann sollte man es sein lassen und gleich mal zum arzt gehen.

in sich zu kehren klappt auch nicht einfach beim ersten mal, auch dafür brauchts einige anläufe.

Hotzenplotz 4 President
00
16.8.2010, 13:49
"der weg ist der atem" - also dann, alle mir nach...

http://www.youtube.com/watch?v=W7epqstfwnk

muhme
03
16.8.2010, 10:24
klingt schon plausibel,

dass man weg will von der Geschwätzigkeit und Betriebsamkeit des Alltags. Aber muss ich das wieder so professionell machen? Genügend Zeit mit einem lieben Menschen in einer suggestiven Umgebung (Wald, Gebirge, Meer oder Wüste oder sonstwo, wo keine Massen Unterhaltung suchen) und man kommt von selbst drauf, wie gut die Stille tut, und dass man nicht alles bequatschen muss um sich zu verstehen.

Tethys
10
16.8.2010, 15:26

Im obigen Artikel geht es um Zen-Meditation. Das, was Sie beschreiben, hat seine Berechtigung, ganz ohne Zweifel, nur passt es leider nicht ganz zum Thema.

erich1963
01
16.8.2010, 09:34
Weiß nicht....

Der extremen Geschwätzigkeit, Wichtigkeit, Lautheit, Erreichbarkeit usw. unseres Alltages wieder was Extremes entgegenzusetzen. Als Kontrapunkt und Tappetenwechsel lieber eine Stunde pro Tag, als eine ganze Woche im Jahr.

Rüxnplüxcok
00
16.8.2010, 09:22

Finde diese "Urlaubsidee" klingt interessant. Finde ich aber doch etwas übertrieben. Besonders dafür vll viel Geld auszugeben um unterm Strich Nichts gemacht zu haben.
Wenn man etwas Ruhe und Stille genießen möchte haben wir hier in Österreich ja wohl genug "Gegend", schöne Gegend wohlgemerkt! Da wäre es doch viel günstiger, und hätte wohl den selben Effekt, einfach in den Wald oder auf die Berge zu wandern.
Wer schon einmal nach einer Bergwanderung leicht erschöpft am Gipfel gesessen ist und die Stille, Ruhe und Aussicht genossen hat weiß wie schön so ein Moment ist.
Auch da kann man viel über sich erfahren. Gegen die Wand starren finde ich da doch etwas fad. Aber jeder wie er mag.

Tethys
00
16.8.2010, 09:31

Die Wand hilft in der Zen-Meditation. Sie sollen sich durch nichts ablenken lassen, durch gar nichts. Das alleine ist eine schwierige Übung. Sie sollen alleine mit sich selbst sein. Gedanken bewusst wahrnehmen und bewusst ziehen lassen.

Wandern alleine kann auch eine Art Meditation sein, doch eine andere als Zen. Sie sind alleine mit der Gegend und Ihren Gedanken. Aber die Gegend um Sie stellt eine Ablenkung dar. Die körperliche Bewegung macht sie müde.

Wandern und Meditation kann mit Zenmeditation nicht verglichen werden, zu unterschiedlich sind da die Ansätze.

Aber jeder wie er mag, und jedem was er braucht.

gastrosoph
00
16.8.2010, 06:00
Frei nach Goethe:

über allen Tastaturen ist Ruh, werter Standard, bald schweigst auch du. Bevor die Menschen 'schweigen' lernen, sollten sie zuerst sprechen lernen. Jedoch eine Unmenge Couches verhindern dies, unterstützt durch Power Point; und da schlafen die Leute ein, und - schweigen.

DagmarRehak
 
51
16.8.2010, 04:15
Schrecklich!

Nix gegen Schweigen, aber wie soll ich mich "reinigen" (wusste gar nicht, dass ich schmutzig bin), wenn mir ein Frust nach dem anderen angedreht wird? Das brutalste ist ja gleich einmal das gehorsame Aufstehen mitten in der Nacht, und dann soll man den schlafen wollenden Körper in eine ungemütliche Position bringen und dabei auch noch sich ganz drauf konzentrieren? Keine Unterhaltung, nur Stille, da wird man wahnsinnig davon. Miteinander reden ist außerdem ein menschliches Grundbedürfnis. Das zu verbieten kann nicht gesund sein.

Neineinein, das ist wieder so ein typisches Totspielen, weil man ein schlechtes Gewissen hat, weil man am Leben ist.
Ritualisierte Selbstqual geht sicher billiger auch. Sich mit dem Hammer auf jeden einzelnen Finger haun und dann ganz tief in sich hineinspüren, was einem der Schmerz sagen will, zB.

Dr. Schland
01
16.8.2010, 10:27

Du redest denen auch bestimmt zuviel.

Tethys
05
16.8.2010, 08:53

Schweigen hilft, um über sich selbst nachzudenken.

Sollten Sie mal probieren, das Schweigen.

Herr Reinsch
06
16.8.2010, 07:41

irgendwie passt der zeitpunkt nicht, bei dem sie sich übers mitten in der nacht aufstehen beschweren

DagmarRehak
 
00
16.8.2010, 12:28

Ich bin ja freiwillig aufgestanden.

Rüxnplüxcok
02
16.8.2010, 13:01

Und die Teilnehmer dieser Schweigewoche werden dort ja unfreiwillig hinverschleppt. Vor die Wand gesetzt und gesagt sie sollen jetzt still sein?!

DagmarRehak
 
00
17.8.2010, 11:07
Na gut, hast Recht.

Es ist ein beidseitig freiwilliges Sado-Maso-Spielchen. Aber gesund ist es nicht.

iohui
02
16.8.2010, 02:38
jössas, wieso lasst man die leut denn nicht ausschlafen?

der schlafentzug ist völlig unnötig wenn man eh den ganzen tag nur sitzt und atmet.

samba cat
00
16.8.2010, 11:51
dafuer muessen's eh schon

um 9 ins betterl.

iohui
01
16.8.2010, 21:02

naja, was nützts, da werd ich grad so richtig wach.

Araquin
00
16.8.2010, 01:42
Ganz Kärnten sollte sich für immer im beschriebenen "edlen Schweigen" üben!

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