In den USA sitzen 1,5 Millionen Menschen im Gefängnis - Das Bestrafungs-Business privater Haftanstalten floriert
Medienwirksam wanderte Lindsay Lohan vor Kurzem in den Häfen. Die US-Mimin folgte damit nicht nur einer Vielzahl prominenter Häftlinge, sie ist auch allgemein in guter Gesellschaft: Ungefähr 1,5 Millionen US-Amerikaner sind derzeit in Haft. Die USA halten damit weiterhin Rang eins beim Anteil der Häftlinge an der Gesamtbevölkerung. Zwar ging die Zahl der Inhaftierten Anfang 2010 leicht zurück, zwischen 1972 und 2008 aber vergrößerte sich die Gruppe der Insassen um nicht weniger als 705 Prozent. Strengere Gesetze und ein generell schnelles Händchen der Justiz bei der Verhängung von Haftstrafen zeigten eben ihre Wirkung.
Bundesgefängnisse platzten folglich aus allen Nähten, die Betten sind schon seit Jahren knapp, die Kosten explodierten, allein in den vergangenen 20 Jahren haben sie sich vervierfacht. Schon Anfang der 1980er Jahre startete daher eine Privatisierungswelle zumindest eines Teils des Strafvollzugs.
Flexibilität und Kostentransparenz sind die Schlagwörter, die Befürworter der Entstaatlichung ins Treffen führen. Privatisierungs-Gegner hingegen stellen auch die Frage danach, ob der Strafvollzug damit nicht den Geschicken des Marktes vollends ausgeliefert sei. Unternehmen müssen in erster Linie Geld verdienen - für sich und für ihre Investoren. Einer Ausbeutung von Gefangenen und einem Zurechtbiegen der Strafverfolgung für wirtschaftliche Zwecke stünden dabei Tür und Tor offen. Meldungen von bestochenen Richtern, die gegen Bezahlung Jugendliche in Besserungs-Anstalten schickten, reden den Warnern das Wort.
Florierendes Geschäft
Die mit der Privatisierung entstanden Unternehmen - mag es auch zynisch klingen - florierten jedenfalls. Nicht zu vergessen, dass so mancher private Gefängnis-Anbieter auch den Kapitalmarkt angezapft und sich Investoren - kleine wie große - ins Boot geholt hat. "Ethisches Investment" ist das natürlich nicht. Wer sich von solcherlei moralischen Bedenken aber nicht beeindrucken lässt, kann nach wie vor auf einen boomenden Markt setzen und seine Rendite mit Schuld und Sühne erzielen. Unlängst stellten Analysten in einem Bericht der Financial Times Deutschland auch den Zusammenhang zwischen wirtschaftlich schlechten Zeiten, steigender Kriminalität und der damit krisensicheren Gefängnis-Branche her. Das Geschäft mit dem Knast profitiert von einer wankenden Gesellschaft.
Der private US-Marktführer Corrections Corporation of America (CCA) zum Beispiel beherbergt 75.000 Häftlinge in den USA. In den letzten fünf Jahren konnte das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 2,4 Milliarden Dollar (ca. 1,6 Milliarden Euro) ein jährliches Umsatzwachstum von 8,19 Prozent aufweisen. Auch wenn sich die an der New York Stock Exchange gelisteten Titel von ihrem Allzeithoch Anfang des Jahres 2007 mittlerweile wieder verabschieden mussten, innerhalb eines Jahres legten die Papiere von CCA doch um 22,4 Prozent zu. Im Quartalsbericht von CCA werden dann aber auch ganz kühl Kennzahlen wie die Einkünfte pro Mann und Tag aufgelistet: Im zweiten Quartal 2010 waren es 17,76 Dollar, die CCA pro Häftling eingenommen hat, ein bisschen weniger als noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Auch der zweite am US-amerikanischen Privat-Gefängnis-Markt, Geo Group, kann sich nicht beklagen - um 26,8 Prozent schnellten die Aktien auf Jahressicht nach oben. Cornell Companies, mit einer Marktkapitalisierung von 420 Millionen Dollar eher ein kleiner Fisch, ist im Jahresranking aber ein ganz großer: Fast um 70 Prozent verteuerten sich die an der NYSE gelisteten Titel, und bewegen sich stetig um ihr Allzeithoch.
Kein Einbruch in Sicht
Neben den eigenen Gefängnissen übernehmen so gut wie alle Unternehmen am Markt auch die Verwahrung und Verpflegung von Gefängnis-Insassen in Anstalten der US-Justiz. Die Ausgaben stellen sie den Bundesstaaten in Rechnung. Einer Studie aus dem Jahr 2008 zufolge, sparten die US-Bundesstaaten bis zu 15 Millionen Dollar jährlich zwischen 1999 und 2004, wenn sie zumindest einige Teile des Strafvollzugs an private Anbieter ausgelagert hatten. Außerdem dürfte beispielsweise auch das umstrittene Einwanderungs-Gesetz des Bundesstaates Arizona für einen anhaltenden Boom sorgen. Einer Studie zufolge sind allein in Texas 2005 gute 1,2 Milliarden Dollar in die Unterbringung von illegalen Einwanderern vor ihrem Prozess oder der Abschiebung in privaten Haftanstalten geflossen.
Da nicht alle Häftlinge so rasch wie Lindsay Lohan wieder auf freien Fuß beziehungsweise in eine Entzugsklinik entlassen werden, muss das Bestrafungs-Business wahrscheinlich auch
in Zukunft keinen Geschäftseinbruch fürchten: Nach 14 Tagen war die Schauspielerin draußen. (Daniela Rom, derStandard.at, 16.8.2010)