Häfen-Geschäfte

Rendite auf Schuld und Sühne

Daniela Rom, 13. August 2010, 11:57

In den USA sitzen 1,5 Millionen Menschen im Gefängnis - Das Bestrafungs-Business privater Haftanstalten floriert

Medienwirksam wanderte Lindsay Lohan vor Kurzem in den Häfen. Die US-Mimin folgte damit nicht nur einer Vielzahl prominenter Häftlinge, sie ist auch allgemein in guter Gesellschaft: Ungefähr 1,5 Millionen US-Amerikaner sind derzeit in Haft. Die USA halten damit weiterhin Rang eins beim Anteil der Häftlinge an der Gesamtbevölkerung. Zwar ging die Zahl der Inhaftierten Anfang 2010 leicht zurück, zwischen 1972 und 2008 aber vergrößerte sich die Gruppe der Insassen um nicht weniger als 705 Prozent. Strengere Gesetze und ein generell schnelles Händchen der Justiz bei der Verhängung von Haftstrafen zeigten eben ihre Wirkung.

Bundesgefängnisse platzten folglich aus allen Nähten, die Betten sind schon seit Jahren knapp, die Kosten explodierten, allein in den vergangenen 20 Jahren haben sie sich vervierfacht. Schon Anfang der 1980er Jahre startete daher eine Privatisierungswelle zumindest eines Teils des Strafvollzugs.

Flexibilität und Kostentransparenz sind die Schlagwörter, die Befürworter der Entstaatlichung ins Treffen führen. Privatisierungs-Gegner hingegen stellen auch die Frage danach, ob der Strafvollzug damit nicht den Geschicken des Marktes vollends ausgeliefert sei. Unternehmen müssen in erster Linie Geld verdienen - für sich und für ihre Investoren. Einer Ausbeutung von Gefangenen und einem Zurechtbiegen der Strafverfolgung für wirtschaftliche Zwecke stünden dabei Tür und Tor offen. Meldungen von bestochenen Richtern, die gegen Bezahlung Jugendliche in Besserungs-Anstalten schickten, reden den Warnern das Wort.

Florierendes Geschäft

Die mit der Privatisierung entstanden Unternehmen - mag es auch zynisch klingen - florierten jedenfalls. Nicht zu vergessen, dass so mancher private Gefängnis-Anbieter auch den Kapitalmarkt angezapft und sich Investoren - kleine wie große - ins Boot geholt hat. "Ethisches Investment" ist das natürlich nicht. Wer sich von solcherlei moralischen Bedenken aber nicht beeindrucken lässt, kann nach wie vor auf einen boomenden Markt setzen und seine Rendite mit Schuld und Sühne erzielen. Unlängst stellten Analysten in einem Bericht der Financial Times Deutschland auch den Zusammenhang zwischen wirtschaftlich schlechten Zeiten, steigender Kriminalität und der damit krisensicheren Gefängnis-Branche her. Das Geschäft mit dem Knast profitiert von einer wankenden Gesellschaft.

Der private US-Marktführer Corrections Corporation of America (CCA) zum Beispiel beherbergt 75.000 Häftlinge in den USA. In den letzten fünf Jahren konnte das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 2,4 Milliarden Dollar (ca. 1,6 Milliarden Euro) ein jährliches Umsatzwachstum von 8,19 Prozent aufweisen. Auch wenn sich die an der New York Stock Exchange gelisteten Titel von ihrem Allzeithoch Anfang des Jahres 2007 mittlerweile wieder verabschieden mussten, innerhalb eines Jahres legten die Papiere von CCA doch um 22,4 Prozent zu. Im Quartalsbericht von CCA werden dann aber auch ganz kühl Kennzahlen wie die Einkünfte pro Mann und Tag aufgelistet: Im zweiten Quartal 2010 waren es 17,76 Dollar, die CCA pro Häftling eingenommen hat, ein bisschen weniger als noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Auch der zweite am US-amerikanischen Privat-Gefängnis-Markt, Geo Group, kann sich nicht beklagen - um 26,8 Prozent schnellten die Aktien auf Jahressicht nach oben. Cornell Companies, mit einer Marktkapitalisierung von 420 Millionen Dollar eher ein kleiner Fisch, ist im Jahresranking aber ein ganz großer: Fast um 70 Prozent verteuerten sich die an der NYSE gelisteten Titel, und bewegen sich stetig um ihr Allzeithoch.

Kein Einbruch in Sicht

Neben den eigenen Gefängnissen übernehmen so gut wie alle Unternehmen am Markt auch die Verwahrung und Verpflegung von Gefängnis-Insassen in Anstalten der US-Justiz. Die Ausgaben stellen sie den Bundesstaaten in Rechnung. Einer Studie aus dem Jahr 2008 zufolge, sparten die US-Bundesstaaten bis zu 15 Millionen Dollar jährlich zwischen 1999 und 2004, wenn sie zumindest einige Teile des Strafvollzugs an private Anbieter ausgelagert hatten. Außerdem dürfte beispielsweise auch das umstrittene Einwanderungs-Gesetz des Bundesstaates Arizona für einen anhaltenden Boom sorgen. Einer Studie zufolge sind allein in Texas 2005 gute 1,2 Milliarden Dollar in die Unterbringung von illegalen Einwanderern vor ihrem Prozess oder der Abschiebung in privaten Haftanstalten geflossen.

Da nicht alle Häftlinge so rasch wie Lindsay Lohan wieder auf freien Fuß beziehungsweise in eine Entzugsklinik entlassen werden, muss das Bestrafungs-Business wahrscheinlich auch in Zukunft keinen Geschäftseinbruch fürchten: Nach 14 Tagen war die Schauspielerin draußen. (Daniela Rom, derStandard.at, 16.8.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 110
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hanse_ge
01
17.8.2010, 23:39
Welche Aufgabe erledigt der Staat noch!

Justiz, Strafvollzug, Sicherheit, Militär sind Themengebiete, um welche sich ein Staat zu kümmern hat, wozu brauchen wir ihn denn sonst? Strafvollzug, Sicherheit und sogar das Kriegführen wird zunehmend an private, gewinnorientierte Unternehmen verlagert. Dass die Interessen der Gesellschaft zu kurz kommen ist zu vermuten, da das Lukrieren von Gewinnen bei betriebswirtschaftlich geführten Unternehmen naturgemäß an erster Stelle steht. Es wird eben alles dem Streben nach Gewinn untergeordnet, koste es was es wolle, auch wenn das gesellschaftliche Gefüge daran zerbricht.

Der Tod
00
17.8.2010, 14:01
ganz verstehe ich das nicht

der Staat pumpt seit Jahrhunderten Geld da rein, weils nciht profitabel ist.

Und jetzt kommt ein Privater und macht Gewinn? Wie schaft der das? Gut er kann die Häftlinge zum arbeiten bewegen.... stimmt da die Quali das er so viel verdient?

Oder ist die Einnahme pro Häftling nur jener Betrag der von einer staatlichen Förderung überbleibt, wenn man die Kosten abzieht ( Essen, Wasser, Gewand,Strom ? )

wörtherseepirat
00
16.8.2010, 17:01
" ... mag es auch zynisch klingen ..."

es klingt nicht nur so, es ist zynisch.
Weitgehend zynismusfreie Bücher zum selben Thema gibt es hingegen von Angela Davis, schwarze US-Philosophieprofessorin und gereifte Ikone der 68er:
"Der gefängnisindustrielle Komplex der USA."

siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Angela_Davis

Hugo Hennengnagg
01
16.8.2010, 15:53
Bedenklich wird es

wenn Richter am Gewinn der privaten Strafvollzugsanstalten beteiligt sind.

Palavatar
17
16.8.2010, 15:15
Ich aerger mich das ich nicht vor 9/11 Urlaub in den USA gemacht habe

weil mittlerweile trau ich mich dort nicht mehr hin.

LSDBlue
10
16.8.2010, 16:42
keine Angst,

ich war Anfang April erst 4 Wochen mit dem Wohnmobil im Südwesten der USA unterwegs & hab sogar Gemüse von einem Bundesstaat in den anderen geschmuggelt ;-) Ein echt geiles Land!

Pannonia Jack
01
16.8.2010, 18:36

Kann man das Gemüse rauchen?

sociovation
12
16.8.2010, 16:23
Wegen der Terroristen oder wegen der Polizisten?

Mr. Jolly
00
16.8.2010, 15:01
WKN Bitte...;)

Kelborn
01
16.8.2010, 14:59

dazu ein super Buch: "Ich gegen Amerika: Ein deutscher Anwalt in den Fängen der US-Justitz" http://amzn.to/bdcIoK

Wer das gelesen hat, überlegt sich 2x ob er in die USA reisen will...

nao...?
00
16.8.2010, 16:51

danke für den Tipp!
Klingt sehr interessant, mal sehen

sociovation
51
16.8.2010, 14:35
Die USA sind eine Demokratie

Also wollen die Menschen das.

Le Comte
21
16.8.2010, 14:52
Die USA eine Demokratie?

Setzte das nicht per definitionem voraus, dass 50% der Wahlberechtigten schreiben UND lesen können?

Knochenmann
00
Nein.

andreas lamers
 
10
16.8.2010, 15:38
seit wann?

in der schule in punkto geschichte nicht aufgepasst?

und lesen und schreiben heist nicht automatisch auch selber denken. siehe frankreich, italien oder oesterreich.

sociovation
00
16.8.2010, 15:39
Stimmt

In den USA können die Analphabeten wenigstens selber denken.

andreas lamers
 
00
16.8.2010, 18:12
ganz ehrlich?

die analphabeten in amerika sind meine geringste sorge, und sollten es auch ihre sein. der white trash oder die fanatiker (die koennen alle lesen und gehen waehlen und ueberlegen von wegen weltherrschaft und gottes reich und der mist)
die, die kaum lesen und schreiben koennen, haben genug mit ihrem alltag zu tun. leben in ihren huetten oder zeltlagern, vom tagelohn oder tippel durch die gegend. wenn frustriert genug wird auch gestohlen oder ueberfallen. aber die stehlen eben meistens auch aus hunger. nicht weil er sich eine villa bauen will.

klomuscheltaucher mit spaghettiausrüstung
30
16.8.2010, 14:21
Ein Gewinnorientiertes Gefängnissystem halte ich für richtig und wichtig

es ist reine selbstgeisselung, gefängnisse als riesige verlustgeschäfte zu führen, die gesellschaft bestraft sich damit für jede Verurteilung selbst. was aber vollkommen falsch ist, ist gefängnisse, als wichtigen bestandteil des justizsystems, zu privatisieren, die justiz also an den höchstbietenden zu verkaufen. gefängnisse solten zu 100% unter staatlicher kontrolle sein, und die gewinne sollten zweckgebunden sein, also der instandhaltung, dem betrieb und dem ausbau der gefängnisse dienen. sonst kommt gach noch jemand auf die idee, budgetlöcher durch verhaftungswellen zu stopfen.

Shadow
04
16.8.2010, 16:14
jeder der gratis arbeitet verdrängt einen normalen angestellten.

variante A: der häftling arbeitet nicht. die arbeit wird von einem normalen angestellten erledigt der steuern zahlt.
vairante B: der häftling übernimmt den job des angestellten. lohn und steuern sind minimal. der angestellte wird arbeitslos, zahlt also keine steuern mehr sondern belastet das sozialsystem.

was ist billiger?

dieselbe frage stellt sich übrigens bei den billigjobbern. das verdrängen von normal bezahlten arbeitsverhältnissen zugunsten von kaum bis gar nicht bezahlten ist langfristig eine wirtschaftliche katastrophe.

andreas lamers
 
00
16.8.2010, 15:45
da sind wir ja nur froh das das eine neue idee ist

mit gefaengnissen gewinne zu machen oder die zu privatisieren. aber hoppala, stimmt nicht ganz. de gefaengnisse wurden ja verstaatlicht weil das als gewinnorientientiertes unternehmen nicht so gaaaanz der weisheit letzter schluss war.

sie hier als beispiel:
_http://de.wikipedia.org/wiki/Flee... C3%A4ngnis

Wesentliches (Un)Wesen
00
16.8.2010, 14:15

Das brauchen wir auch! Einen Wirtschaftszweig, der von möglichst vielen Häftlingen profitiert.

Das einschlägige Lobbying ist sicher unterhaltsam.

andreas lamers
 
00
16.8.2010, 15:47
ist noch verstaatlichte in AT

wird das privatiesiert mit den aktuellen gesetzen, wird man sich um die lizenzen fuer gefaengnisse reissen.

wolfi332
05
16.8.2010, 15:24
haben wir bereits: Zwangsarbeit gibts auch in Österreichs Gefängnissen

In Österreich gilt prinzipielle Arbeitspflicht verurteilter Gefangener. [Quelle 1]

Vom Lohnequivalent dieser Zwangsarbeit behält der Staat 75% ein. Offizielle Begründung ist ein Deckungsbeitrag zu den Vollzugskosten. [Quelle 2]

Quellen:
[1] Strafvollzugsgesetz 1969 in der Vollzugsnovelle 1993
[2] http://www.fbz-strafvollzug.at/aktuell/%... rreich.pdf

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