"Wien ist eine Krankheit, die man gerne hat"

16. August 2010, 15:05
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Marmeladen-König Hans Staud über seine Angst vor Bobos, Multi-Kulti in Ottakring und einen Besuch von Heinz-Christian Strache am Brunnenmarkt

Hans Staud ist noch ein Kavalier der alten Wiener Schule. Ein "Küss' die Hand, gnä Frau" gehört bei ihm dazu. Seine Marmeladen tun meist ihr Übriges. Dass seine Feinkost in Ottakring am Brunnenmarkt hergestellt und verkauft wird und nicht in Döbling, nimmt ihm da auch keiner mehr Übel. "Früher war das anders: da hats geheißen, der Staud ist verrückt, warum geht er nicht woanders hin." Integration funktioniert in der Firma Staud. "Ich habe Mitarbeiter aus acht Nationen. Da müssen alle Deutsch lernen, weil das der einzige gemeinsame Nenner ist", sagt Staud. Warum einige seiner Mitarbeiter trotzdem das Kreuzerl bei der FPÖ machen werden und er mit der Arbeit von Michael Häupl zufrieden ist, erzählt er beim Heurigen "Zahel".

derStandard.at: Ist der typische Wiener ein Feinschmecker oder ein Restlesser?

Staud: Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen typischen Wiener gibt. Wien ist so vielfältig und jeder Bezirk ist wieder in kleinere Grätzl eingeteilt. Die Wiener Küche ist aber jedenfalls die einzige Küche der Welt, die nach einer Großstadt benannt ist – zusammengewürfelt aus Überbleibsel der Monarchie.

Im Moment beobachte ich, dass vor allem junge Leute immer heikler werden, was das Essen betrifft. Die lesen sehr genau Etiketten und hinterfragen auch den Herstellungsprozess. Das ist auf jeden Fall eine Gegenbewegung zu den Fast Food-Essern.

derStandard.at: Sie haben ihre Filiale am Brunnenmarkt in Ottakring. Wieso gerade dort?

Staud: Weil das immer so war. Wir sind seit 1885 ein Gemüsehandel, seit 1895 war genau an dieser Stelle ein Gemüsemarkt. Wien ist außerdem meine Heimat, meine früheste Kindheit hab ich hier verbracht. Ich wohne, arbeite und verbringe meine Freizeit in Ottakring. Meine Mitarbeiterinnen wohnen zu 70 Prozent in der Umgebung und können zu Fuß in die Arbeit gehen, das ist doch etwas Schönes.

Der Brunnenmarkt ist mein Grätzl. Die Leute haben sich gewundert, warum der Herr Staud dort bleibt, wo doch so viele Türken und Ausländer kommen. Sie haben gesagt: "Der Staud ist verrückt, warum geht er nicht auf den Naschmarkt." Und mittlerweile kommen die Standler vom Naschmarkt zu uns. Es braucht immer einen Leithammel, der durchhält. Das Gebiet hat sich verändert. Meine Mitstreiter waren die Politiker, die ich mir ins Boot geholt habe. Ich wollte eine Aufwertung des Grätzls. Zu Zilk-Zeiten hat man auf dieses Viertel vergessen. Die Gegend um den Gürtel herum galt als urbanes Notstandsgebiet, dann kam Geld von der EU, das in die Infrastruktur investiert wurde. Das war wichtig, damit die Leute nicht wegziehen, nichts ist schlimmer als leere Häuser und Gassen.

derStandard.at: Der Brunnenmarkt wird bei den Bobos als neue Szene-Gegend gefeiert. Sie haben dazu gesagt: "Wir wollen hier nicht zu viele Bobos. Die Bobos sind nicht treu. Sind einmal da, einmal dort." Haben Sie schlechte Erfahrungen mit den Bobos?

Staud: Wir wollen alle haben, aber das ist eine Gruppe, die kommt, wenn ein neues, schickes Lokal eröffnet und geht, sobald ein neues, schickes Lokal eröffnet. Ich will nicht, dass es zu schick hier wird. Wir wollen kein zweiter Naschmarkt sein. Vor ein paar Jahren war es schon noch eine Hemmschwelle, "zu den Ausländern" einkaufen zu gehen. Mittlerweile mache ich mir Sorgen, dass sich die Gegend um den Brunnenmarkt wie der Berliner Bezirk „Prenzlauer Berg" entwickelt. Da sind dann auch die hippen Leute hingezogen, daraufhin sind die Mieten gestiegen. Das will ich natürlich nicht.

derStandard.at: Wie würden Sie den klassischen Wiener Standler charakterisieren?

Staud: Der frühere Wiener Standler hat einen g'sunden Schmäh gehabt und war ein bissl grantig. Es gab auch freilich darunter welche, die die angefaulten Weintrauben unten ins Stanitzel getan haben. Die Standler haben Geschichten erzählt und das wollen die Leute. Wer erzählt ihnen beim Billa, beim Hofer oder beim Zielpunkt eine Geschichte?
Was aber vor allem die Standler selbst charakterisiert ist, dass sie zusammenhalten. Standler erkennen sich, Standler sind eine Familie. Ich war letztens in Italien und wir hatten dort einen Stand auf einem italienischen Markt. In der Sekunde als ich ankam, war ich integriert. Man hat sich geholfen. Auch früher. Wenn der LKW des Standnachbars meines Vaters kaputt war, hat er unseren bekommen. Eine Selbstverständlichkeit.

derStandard.at: Am Brunnenmarkt haben viele Standler Migrationshintergrund. Wie sieht es mit deren Deutschkenntnissen aus?

Staud: Ein türkischer Standler bei uns am Markt, der köstlichen Käse verkauft, kann nicht richtig gut Deutsch, dem sag ich immer "Bua, du musst Deutsch lernen". Die Leute fragen ja, wie der Käse schmeckt. Jetzt hat er eine Landsmännin, die besser Deutsch als ich spricht. Das Geschäft läuft so gut wie nie. Der verzichtet nicht aufs Deutsch lernen, weil er nicht will, sondern weil er nach einem langen Arbeitstag keine Energie mehr hat.

derStandard.at: Kauft der türkische Standler von nebenan auch bei Ihnen ein? Wie schaut die Kundschaft aus?

Staud: Es gibt durchaus kulturelle Geschmacksunterschiede. Die Türken wollen alles sehr süß haben und bereiten Gemüse auf ihre eigene Art zu. Deshalb mögen sie unsere Waren nicht so – aber nicht weil sie uns nicht mögen, sondern weil ihnen der Geschmack nicht entgegenkommt. Die einfachen Leute essen, was sie kennen, die sind da nicht so offen und experimentierfreudig. Und die offenen kommen rein und trinken sogar schon Karottensaft, obwohl das sehr unüblich ist.

derStandard.at: Wäre der Erfolg mit Feinkost auch im Ausland möglich gewesen? Ist Wien dafür ein besonders gutes Pflaster?

Staud: Ich bin von Herzen Wiener. Wir sind eine der feinsten Großstädte weltweit.

derStandard.at: Was ist so fein an Wien?

Staud: Wissen Sie, ich bin ein Kultur-Mensch. In den 50er und 60er Jahren war Wien stark in Mitleidenschaft gezogen, jeder Bürgermeister hat andere Prioritäten gesetzt und etwas anderes Kulturelles aufgezogen. Ins Burgtheater geh ich ständig, das letzte Mal beim Life-Ball im Dinner-Jacket. Da hat mich der Gery zwei Tage vorher angerufen und ich hab mir extra eines gekauft. Kann man immer wieder brauchen. Es war spitze, ich war ganz begeistert. Obwohl ich große Menschenansammlungen nicht so gerne mag. In meiner Jugend war ich zum Beispiel am Konzert der Rolling Stones in der Stadthalle und da habe ich eine Glasflasche am Schädl bekommen. Der Life-Ball war aber sehr geordnet und sehr gesittet.

derStandard.at: Auf Youtube gibt es ein Video der ÖVP, auf dem Sie mit Christine Marek zu sehen sind. Unterstützen Sie die ÖVP?

Staud: Ich unterstütze weder Schwarz noch Rot. Ich bin ein Wirtschafter, und tue das deshalb nicht.

derStandard.at: Sind Sie zufrieden mit der Arbeit von Michael Häupl?

Staud: Ja. Das war der erste Bürgermeister, der sich für unser Gebiet eingesetzt hat, dem die Probleme aufgefallen sind.

derStandard.at: Bei Ihnen arbeiten viele Menschen mit Migrationshintergrund. Warum?

Staud: Während meines Studiums habe ich mit meiner Firma und der Veredelung von Obst und Gemüse begonnen. Schnell hab ich dann Leute gebraucht. Während der ersten Gastarbeiterwelle sind die Arbeitgeber nach Jugoslawien gefahren und haben die Arbeiter angeworben. Wären diese Gastarbeiter nicht gekommen, gäbe es die Firma Staud heute nicht. Es gab damals eine Null-Arbeitslosigkeit. In die Lebensmittelbranche wollten die Österreicher nicht gehen, weil sie gesagt haben: Lebensmittel sind kalt, nass und stinken. Das war der Tenor.

Ich habe deshalb auch begonnen wegen meiner Mitarbeiter serbo-kroatisch zu lernen, weil das einfache Leute vom Land waren. Wichtig ist der Informationsfluss und die Kommunikation – sonst kommt in einem Betrieb nichts raus. Mich haben manche meiner damaligen Freunde belächelt und gemeint: Der stellt sich jetzt auf deren Stufe. Die haben mich dann gemieden, weil ich mich auf die Stufe meiner Mitarbeiter gestellt habe. Das ist doch nichts Schlechtes?

Jetzt habe ich Mitarbeiterinnen aus sieben bis acht Nationen, da müssen alle Deutsch lernen, denn das ist der einzige gemeinsame Nenner.

derStandard.at: Ottakring wird von vielen als Ausländerbezirk wahrgenommen...

Staud: Favoriten auch. Dort beneidet man uns hier in Ottakring, da wir vieles besser gelöst haben. Früher war Ottakring ein Ort, da durfte sich keine Österreicherin niedersetzen, denn die Türken haben gesagt "Das ist unser Gebiet". Sie haben es richtiggehend vereinnahmt. Es gab hier früher nur eine Mono-Gastronomie der Türken. Seit der Durchmischung der Gastronomie und seit unser Bezirk auch oft positiv in den Zeitungen steht, sind gewisse Machotypen woandershin abgewandert. Nicht dass wir sagen, wir haben uns jetzt unseren Bezirk wieder zurückerobert. Nein – es ist Multikulti geworden. Vor 10 bis 15 Jahren war es eher monokulti.

derStandard.at: Werden Sie von ihren Mitarbeitern mit Migrationshintergrund auch auf Heinz Christian Strache und seine Ausländerpolitik angesprochen?

Staud: Nein, aber sie wählen ihn.

derStandard.at: Warum?

Staud: Die integrierten "Jugos" wollen nicht mehr, dass neue Einwanderer kommen. Sie sagen: wir sind jetzt da, wir haben das Land mit aufgebaut und es gehört deshalb uns.

derStandard.at: Jede Marmeladensorte hat ihre eigene Note. Welche Marmelade passt denn zu welcher Partei?

Staud: Ich sage, wie es ist: Die Roten holen sich von mir die rote Marmelade – Erdbeere und Himbeere. Die Schwarzen kaufen mir die Heidelbeermarmelade ab. Die Orangen waren noch nie bei mir. Eva Glawischnig ist zwar eine liebe Freundin von mir, aber die habe ich auch schon lang nicht mehr bei mir am Markt gesehen. Einmal habe ich ihr Kiwi-Stachelbeere gemacht. Und die Blauen – die sehen wir hier nicht mehr im 16. Bezirk.

derStandard.at: Hat das einen Grund?

Staud: Vor drei Jahren hat uns Strache bei der Nationalratswahl im Geschäft besucht. Sag ich: Herr Strache, wie schauen denn Sie aus! Er hat ein helles Sakko angehabt. Ich habe geglaubt es hat ihm eine Krähe aufigschissn. Wars ein Ei. Seither hab ich ihn nie mehr wieder gesehen.

derStandard.at: Was muss über Wien unbedingt noch gesagt werden?

Staud: Früher hat es geheißen: Wien ist eine Krankheit. Von der kommt man nie mehr los, aber man hat sie gerne. Für mich stimmt das immer noch. Paris ist mir nach einer Woche zu heftig, New York und Tokio auch. Ich will Wien nicht über alle Maßen loben. Aber im Schnitt und verglichen mit anderen Städten, ist die Lebensqualität sehr hoch. (Teresa Eder, Julia Hold, derStandard.at, 16.8.2010)

HANS STAUD wurde 1948 in Wien geboren und führt in der dritten Generation einen Obst- und Gemüsegroßhandel im 16. Bezirk. Besondere Popularität erreichten seine Marmeladen- und Konfitürenkreationen, die er in zahlreiche Länder exportiert.

  • Allen Unkenrufen zum Trotz ist Hans Staud immer seinem Heimatbezirk Ottakring treu geblieben. Er sagt: "Der Brunnenmarkt ist mein Grätzl."
    derstandard.at/eder

    Allen Unkenrufen zum Trotz ist Hans Staud immer seinem Heimatbezirk Ottakring treu geblieben. Er sagt: "Der Brunnenmarkt ist mein Grätzl."

  • Parteipolitische Bekenntnisse und Unterstützungserklärungen kommen Hans Staud nicht über die Lippen. Er versucht jedoch die politische Kontakte zu den Parteien für seine eigenen Projekte zu nutzen - mit großem Erfolg.
    derstandard.at/eder

    Parteipolitische Bekenntnisse und Unterstützungserklärungen kommen Hans Staud nicht über die Lippen. Er versucht jedoch die politische Kontakte zu den Parteien für seine eigenen Projekte zu nutzen - mit großem Erfolg.

  • Wiener Lebensmittelproduzenten kennen sich untereinander. Das Heurigengespräch findet deshalb bei Stauds langjährigem Freund, dem Winzer Richard Zahel, statt.
    derstandard.at/eder

    Wiener Lebensmittelproduzenten kennen sich untereinander. Das Heurigengespräch findet deshalb bei Stauds langjährigem Freund, dem Winzer Richard Zahel, statt.

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