Drei starke Geschichten

13. August 2010, 10:34
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Im preisgekrönten französischen Roman "Drei starke Frauen" gehen die Protagonisten bis an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit – und darüber hinaus

Norah ist vierzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter und Anwältin, die den sozialen Aufstieg im heutigen Frankreich aus eigener Kraft geschafft hat. Von ihrem zwielichtigen deutschen Freund Jakob, ebenfalls Alleinerzieher, lässt sie sich zur Gründung einer Patchworkfamilie überreden, die nach außen hin ein idyllisches Bild abgibt; Norah bedauert jedoch insgeheim den Verlust ihrer Autonomie und leidet unter der perfekten Fassade.

Loyalität in patriarchalen Familienstrukturen

Dringende Bitten ihres Vaters, sie möge sich umgehend bei ihm in Dakar einfinden, reißen sie aus ihrer problematischen, jedoch routinierten Pariser Existenz heraus. In Dakar erwartet sie eine schwierige Aufgabe: Sie, die Juristin, soll ihren jüngeren Bruder aus dem Gefängnis holen. Ihm wird vorgeworfen, seine junge Stiefmutter ermordet zu haben.

In der Konfrontation mit ihrer traumatischen Vergangenheit und ihrer patriarchalen Herkunftsfamilie verschwimmen für Norah zunehmend die Grenzen zwischen Realität, Phantasie und Erinnerung. Ihr sorgfältig aufgebautes Selbstverständnis und ihr vermeintlich solides moralisches Empfinden zerbröckeln vor der suggestiven Kraft ihres entmachteten und dennoch allmächtigen Vaters, der blinde Loyalität gegenüber der Familie einfordert. Eine Forderung, der Norah sich trotz besseren Wissens nicht entziehen kann.

Von Dakar in die französische Provinz

Auch im zweiten Erzählstrang geht es um eine Frau aus Dakar, die sich ihren sozialen Satus mühevoll erkämpfen musste. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend arbeitet Fanta sich zur Französisch-Lehrerin an einer Schule für Diplomatenkinder empor. Ihr Kampfgeist und Intellekt machen Eindruck auf ihren psychisch labilen französischen Kollegen Rudy. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn.

Auf dem Höhepunkt seines privaten und beruflichen Glücks muss das junge Paar jedoch auf Grund eines Skandals an der Schule Dakar verlassen und lässt sich in Rudys Herkunftsland, der französischen Provinz, nieder. Hier muss sich Rudy als erfolgloser Küchenverkäufer verdingen, während Fantas intellektuelles Potential verkümmert, denn in Frankreich darf sie ihren Beruf nicht ausüben. In den Augen ihres Ehemannes verkommt sie zu einer modernen Version der Madame Bovary. Allerdings ist Rudys Blick von Selbstvorwürfen und Missgunst getrübt.

Der Traum von Europa

Die dritte Protagonistin ist Khady Demba, eine junge Afrikanerin, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes in eine Traumwelt flüchtet. Erst als die Familie des Verstorbenen sie vor die Tür setzt und sie nötigt, zu einer entfernten Verwandten (Fanta) nach Europa auszuwandern, wird Khady wachgerüttelt und stellt sich den Herausforderungen der illegalen Reise. Sie besteht demütigende und schmerzhafte Erfahrungen und stirbt schließlich beim Versuch, die hohen Grenzzäune zu überwinden.

Mit der Figur der Khady Demba setzt NDiaye den zahllosen afrikanischen Flüchtlingen, die ihr Leben auf der Überfahrt nach Europa riskieren bzw. opfern, ein eindrucksvolles literarisches Denkmal.

Keine "Frauen- oder Migrationsliteratur"

"Drei starke Frauen" kann man weder als Frauenliteratur, noch als Migrationsliteratur abstempeln, obwohl Frauen und Migration zu den zentralen Themen zählen. NDiaye seziert mit ungeheurer Präzision die seelischen Abgründe der Charaktere und die feinen Netze zu ihren Mitmenschen, in denen sie hoffnungslos verstrickt sind. Der Roman zeigt Menschen in existenzbedrohenden Krisen, dennoch ist "Drei starke Frauen" kein Buch vom Scheitern, sondern ein lebensbejahendes Plädoyer fürs Trotzdem-Weitermachen in einer komplizierten Welt. (Mascha Dabić, 13. August 2010, daStandard.at)

 

Marie NDiaye
"Drei starke Frauen". Roman.
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp Verlag
Berlin 2010

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