Soziale Bankrotterklärung

12. August 2010, 18:54
97 Postings

Lange wird das System nicht mehr funktionieren - Kinder übernehmen immer seltener die Pflege der Eltern, die Zahl der älteren Menschen wächst

So sieht es also aus, das "gerechte Sparen", das sich an der Leistungsfähigkeit des Einzelnen orientiert. Zielsicher nehmen Politiker eine besonders privilegierte Gruppe ins Visier: Pflegebedürftige und ihre Betreuer.

Herumgeschnipselt wird, wie zumindest die ÖVP zugibt, etwa am Pflegegeld. Wie "großzügig" dieses derzeit bemessen ist, zeigen nackte Zahlen. Laut Rechnungshof deckt das Pflegegeld maximal 58 Prozent der anfallenden Kosten ab, in unteren Pflegestufen oft nicht einmal 20 Prozent. Wegen der Inflation hat die Leistung seit 1993 ein Fünftel des Werts verloren, sporadische Erhöhungen eingerechnet.

Um nichts besser sind die in manchen Ländern gewälzten Pläne, den Regress wiedereinzuführen, also Pflegekosten von den Familien der Betroffenen zurückzuholen. Schon jetzt wird das Gros der 400.000 Pflegefälle von Angehörigen betreut, meist von Frauen ohne adäquates Einkommen und Versicherung - ein Skandal, wenn die öffentliche Hand nun noch mehr Verantwortung abwälzt.

Lange wird das System nicht mehr funktionieren. Kinder übernehmen immer seltener die Pflege der Eltern, die Zahl der älteren Menschen wächst. Laut Prognosen werden sich die Kosten bis 2030 auf 8,5 Milliarden verdoppeln. Statt Kürzungen braucht es mehr Geld, und zwar für eine Art Versicherung, die das Pflegerisiko nicht dem Einzelnen aufbürdet, sondern fair auf die Gesellschaft verteilt. Alles andere wäre eine Bankrotterklärung des Sozialstaats. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

Share if you care.