Warnung vor neuer­licher Rezession in USA

12. August 2010, 18:29
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Berkeley-Professor Stephen Cohen fordert im Interview gerade jetzt höhere Staatsausgaben

Kalifornien - Der renommierte Berkeley-Professor Stephen Cohen bezeichnet es als Fehler, dass die USA angesichts der sich eintrübenden Wirtschaftslage kein neues Stimuluspaket in Aussicht stellen. Sowohl Europäer als auch Amerikaner sollten ihre Staatsausgaben erhöhen, sagt er im Interview mit dem Standard. Zu frühes Sparen könne zu einer neuerlichen Rezession führen: "Wenn jetzt auch noch die Regierung anfängt zu sparen, dann kracht die Wirtschaft wirklich."

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STANDARD: Die US-Notenbank Fed warnt, dass sich der Aufschwung in den USA massiv verlangsamt hat. Ist dieser Pessimismus berechtigt - erwarten Sie eine neue Rezession?

Cohen: Das ist sehr gut möglich. Das Bankensystem steht weiter auf wackeligen Beinen. Die Arbeitslosigkeit ist offiziell bei zehn Prozent - in Wahrheit aber wahrscheinlich bei 15 Prozent. Die US-Unternehmen investieren kaum noch, weil die Nachfrage fehlt. Wenn jetzt auch noch die Regierung anfängt zu sparen, dann kracht die Wirtschaft wirklich.

STANDARD: In die US-Privatwirtschaft haben Sie wenig Vertrauen?

Cohen: Ich sehe nicht, wie die Haushalte die Erholung stützen sollten. Ein wichtiger Grund für das rasante Wachstum der letzten Jahrzehnte war, dass die Amerikaner auf Kredit gelebt haben. Jetzt haben alle gesehen, wozu das führt, weswegen viele versuchen, ihre Schulden abzubauen. Das würgt den Konsum erst recht ab.

STANDARD: Ist es wichtig, wie stark sich die Amerikaner verschulden?

Cohen: Oh ja. Um das zu verstehen, genügt ein Blick auf die US-Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis 1975 hat sich die Wirtschaftsleistung der USA ebenso verdoppelt wie das Durchschnittseinkommen. Von 1975 bis heute ist die Wirtschaft um 70 Prozent gewachsen, die Einkommen haben aber nur um 20 Prozent zugelegt. Fast der ganze Zuwachs ist unter den oberen zehn Prozent verteilt worden. Was also hat der Durchschnittsbürger gemacht? Er hat sich verschuldet, und zwar stark. Wenn dieses System ins Schleudern kommt, gibt es Probleme.

STANDARD: Sie schlagen vor, die Staatsausgaben zu erhöhen. Viele Ökonomen warnen aber davor.

Cohen: Was passiert, wenn ein Land zu früh zu sparen beginnt, haben wir in der großen Depression in den 1930er-Jahren gesehen. Im Rahmen des New Deals unter Präsident Franklin D. Roosevelt haben die USA angefangen, massiv Schulden zu machen. Die Kritiker haben gesagt, das sei alles nicht finanzierbar. 1937 haben sie sich durchgesetzt, die Regierungsausgaben wurden zurückgeschraubt. Die Folge war, dass die USA 1938 umgehend in die Rezession zurückgefallen sind.

STANDARD: Die USA werfen der EU vor, zu früh zu sparen.

Cohen: Europäer und Amerikaner sollten ihre Staatsausgaben gemeinsam erhöhen. Die Deutschen wollen immer nur einen Freifahrschein: Die anderen sollen die Schulden machen, das ganze Zeug kaufen, das sie exportieren, und sie selbst sind fein raus. Fest steht, dass die Sparpolitik Europa selbst treffen wird, insbesondere Staaten wie Griechenland, Spanien und Portugal, wo rigide gekürzt wird.

STANDARD: Aber was ist die Alternative? Wenn Athen keinen Sparkurs angekündigt hätte, wäre die Zinslast unerträglich geworden.

Cohen: Griechenland hätte den Staatsbankrott erklären müssen. Damit wären die Kosten der Krise unter allen Beteiligten, also den Bürgern und den Gläubigern, fair aufgeteilt gewesen. Oder die Europäische Notenbank hätte die Notenpresse anwerfen und das Geld den Griechen geben sollen. Ich weiß schon, dann bekommen alle wieder Panik vor einer Inflation. Aber lieber eine Inflation als eine krisenbedingte Deflation.

STANDARD: Wird Washington weiter Geld in die Wirtschaft pumpen?

Cohen: Derzeit sieht es so aus, als seien die Würfel gefallen. Vergangene Woche wurde noch schnell ein 60 Milliarden Dollar Hilfspaket für die Bundesstaaten erlassen, ansonsten ist aber kein neues Stimuluspaket in Sicht. Das ist ein Fehler. Wir sollten unsere Ausgaben dieses Jahr noch mal steigern und uns ab 2011 ernsthaft überlegen, wie wir unseren Schuldenberg wieder abtragen können. (Andras Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

STEPHAN COHEN gilt als einer der renommiertesten Ökonomen Berkeleys, wo er Professor für regionale Planung ist und den Thinktank "Berkeley Roundtable on the International Economy" leitet. Cohen war unter anderem als Berater im Weißen Haus tätig.

  • Artikelbild
    foto: uni berkeley
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