Chinas Arbeiter begehren auf

12. August 2010, 17:33
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Die Ausbeutung der Beschäftigten hat die Gewerkschaft lange toleriert. Mit Streiks holen sich Chinas Billigarbeiter ihren Anteil am Wirtschaftswachstum zurück

Aus Lautsprechern plärrt rhythmische Musik. 3000 Arbeiter und Angestellte haben sich im Arbeiterkulturpalast aufgestellt, einst ein Ahnentempel vor Pekings Kaiserpalast. Der allchinesische Gewerkschaftsbund hat sie zusammengerufen. Sie turnen zur Morgengymnastik, die der Staatsrundfunk seit Wochenbeginn wieder täglich senden muss. 2007 hatte Peking das seit 1951 verbreitete Gemeinschaftsturnen eingestellt. Die Gewerkschaften erwecken die alte Tradition. Sie riefen vier Mio. Pekinger Mitglieder am Dienstag in Fabriken, Kaufhäusern und Ministerien auf, es den Vorturnern im Kaiserpalast nachzumachen.

Lokalzeitungen hinterfragen die anachronistische Wiederbelebung der einst sozialistischen Körperertüchtigung: "Zeit ist heute auch in China Geld." Staatliche Radiosender, die zweimal am Tag das Turnen ausstrahlen sollen, jammern über verlorene Werbezeiten. Blogger spotten: "Fabriks-höfe sind längst Parkplätze. Wo wollt ihr dort turnen?" Es diene der Volksgesundheit, hält die Gewerkschaft dagegen. Doch sie verfolgt auch höhere Ziele: Chinas größte Massenorganisation meldet sich mit der Aktion Gymnastik in der Öffentlichkeit zurück. Sie will wieder den Ton angeben.

Staatsgewerkschaften tauchten ängstlich ab, als junge Wanderarbeiter bäuerlicher Herkunft von Fabrik-Wohngebäuden in den Tod sprangen. Seit Ende des vergangenen Jahres versuchten 14 Arbeiter des weltgrößten Elektronikhersteller Foxconn, sich das Leben zu nehmen. Zehn starben heuer in den Shenzhener Werken von Foxconn. Dort beschäftigte der taiwanische Konzern zu monatlichen Grundlöhnen von rund 110 Euro ein gigantisches Heer an 400.000 sogenannten Bauernarbeitern.

Die Gewerkschaften schwiegen auch, als es in Südchina zu wilden Lohnstreiks bei Zulieferern ausländischer Auto- und Elektrokonzerne kam. Die Streiks sprangen auf Zentral- und Ostchina über. Gewerkschafter versuchten, Streikende gewaltsam zu stoppen. "Völlig absurd" , hätten sie sich verhalten, sagt Chang Kai, Leiter des Instituts für Arbeitsbeziehungen an der Pekinger Volksuni. Er sieht eine neue Generation an Wanderarbeitern, die die Landschaft grundlegend verändere.

Anders als ihre Eltern, die alles ertrugen, um etwas Geld in ihre Dörfer zurückzubringen, haben "wir es nun mit der zweiten Generation von 100 Mio. Arbeitern zu tun. Sie wollen keine Bauern mehr sein und dürfen keine Städter werden. Sie sind besser ausgebildet, können mit dem Internet umgehen und denken modern." Die Werkbank der Welt "wird so, wie wir sie bisher kennen, bald der Vergangenheit angehören".

Chang Kai kennt die Lage bei Auslandsfirmen: Foxconn habe Arbeiter unter Druck gesetzt, ohne Ventile zu lassen. Sie kamen aus allen Teilen Chinas. Um sie effizient zu organisieren, brachte man Landsleute von einander entfernt unter. Der Konzern betrieb Fabriken, Wohnheime und Freizeiteinrichtungen. Seine Arbeitsabläufe waren halbmilitärisch organisiert, hielten Arbeiter an, oft 100 Überstunden pro Monat zu leisten.

Wege der Integration

Die lokalen Regierungen griffen nicht ein. Mit Lohnstreiks holten sich Arbeiter ihren lang überfälligen Anteil am Wirtschaftswachstum zurück. Sie stellten aber nicht die Systemfrage. Das sei einer der Gründe, warum die KP nicht eingriff. Die Gewerkschaft sucht nun Wege, wie sie die neue Arbeitergeneration integrieren kann. Nach dem Streik im Foshaner Honda-Werk tolerieren sie, dass sich die Belegschaft eigene Interessenvertreter wählt. In Guangdong werden erstmals Regeln für künftige Lohn-Konsultationen entwickelt.

23 Provinzen hoben im ersten Halbjahr die Mindestlöhne für Billigarbeiter. Foxconn hob nicht nur alle Grundlöhne um 70 Prozent an, sondern strukturierte sich um, dezentralisiert. Man habe die Lektion gelernt, sagt Chang Kai. Foxconn will Arbeiter direkt in ihrer Heimat beschäftigen. Wohnheime wurden an Verwalter abgegeben.

Auch die Staatsgewerkschaften wollen helfen, die Entfremdung der Arbeiter zu lindern. Morgengymnastik soll die Kommunikation verbessern und sie an ihr Werk binden. Experten sehen darin keine Lösung. Kaum ein Unternehmer werde sie morgens auf seine Kosten auch noch turnen lassen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

  • Der Gewerkschaftsbund in Peking ruft nach Jahren der Pause zum 
Gemeinschaftsturnen und sich damit wieder ins Gedächtnis der Arbeiter. 
Die traditionelle morgendliche Gymnastik sorgt in China für eine Welle 
der Kritik.
    foto: erling

    Der Gewerkschaftsbund in Peking ruft nach Jahren der Pause zum Gemeinschaftsturnen und sich damit wieder ins Gedächtnis der Arbeiter. Die traditionelle morgendliche Gymnastik sorgt in China für eine Welle der Kritik.

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