Der Klang der Ordnung

12. August 2010, 17:24
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Pianist András Schiff im Großen Festspielhaus

Salzburg - Damit kein Missverständnis entsteht, damit man ihn nicht für "verrückt" erklärt, spricht András Schiff ein paar einleitende Worte zum Thema Texttreue und schließt mit: "Es mag Ihnen gefallen oder nicht, aber es ist von Beethoven." Er meint im Speziellen die sogenannte "Mondscheinsonate", die Beethoven nie so genannt habe. Und meint vor allem den ersten Satz dieser Sonate cis-Moll op. 27/2, wo Schiff durch extremen Pedaleinsatz eine wolkige Stimmung und harmonische Färbungen der exzentrischen Art herbeizauberte.

Extremes ist also durchaus möglich bei ihm; allerdings nur, wenn es aus dem, was Schiff als Komponistenwille erkannt hat, hervorgeht. Denn an sich ist Schiff ein Mann des Klaren und Ausgewogenen - wilde Subjektivität sucht man bei ihm vergebens. Wenn ihn wie bei Schumanns Davidsbündlertänzen op. 6 die Strukturen zwingen, einen quasi gelassenen, hellen Mittelbereich des Ausdrucks zu verlassen, merkt man erst, wie viel Finesse in seinem Spiel schlummert. Sie will allerdings nie zum Selbstzweck mutieren, will nicht auf den Interpreten verweisen, sondern auf das Werk. Nicht immer wirkt das produktiv; man kann sich etwa bei Schumanns Klaviersonate fis-Moll op. 11 manches doch überschwänglicher vorstellen.

Innerhalb seines quasi apollinischen Ausdruckskosmos lässt Schiff aber Strukturen aufleuchten, werden kontrapunktische Verläufe fulminant zum Vorschein gebracht. Dann entstehen, wie bei Beethovens Waldsteinsonate, dennoch packende, dichte Momente. Hilfreich dabei die klangliche Differenzierungskunst: Wenn Schiff bei sequenzierten melodischen Passagen durch Umfärbungen den Phrasencharakter ändert, gelingt es ihm, auch den dramaturgischen Gesamtreiz eines Sonatensatzes wirksam zu erhellen.

Bei aller Sympathie für Ordnung, bei allem Streben nach ungeschminkter Vermittlung von Gedanken - es bleibt Schiff also Musiker, ein Gestalter abseits des reinen Buchstabierens. Man dankte ihm ausgiebig. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

 

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