"Ich bin offensichtlich anders"

12. August 2010, 20:18
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Dragica Gačić hat eine beispielhafte Karriere gemacht. Keine Selbstverständlichkeit für ein österreichisches Gastarbeiterkind

Dragica Gačić wurde als jüngstes von fünf Kindern einer Gastarbeiterfamilie geboren. Ihre Eltern, Angehörige der serbischen Minderheitengruppe der Walachen, haben sich Ende der Sechzigerjahre in Schwechat niedergelassen. Mittlerweile sind sie in der Pension, die Gedanken an Rückkehr gehören längst der Vergangenheit an. Die Familie ist in ganz Europa verstreut: "Drei von uns Geschwistern leben in Österreich, eine in Frankreich und eine in Serbien. Wir sehen uns selten, aber der Zusammenhalt ist sehr stark", erzählt Dragica.

Der schwere Anfang

"Meine Eltern sind einfache und liebevolle Leute. Uns wurde allen viel Disziplin und Eigeninitiative beigebracht, aber Unterstützung in Schulangelegenheiten, hatten wir nicht", meint Gačić. Am Anfang ihrer schulischen Laufbahn hätte die junge Frau aber ebendiese dringend gebraucht: "In der Volksschule war ich sehr schwach. Ich war sehr eingeschüchtert und hab' mit meinen vielen dunklen Haaren so offensichtlich anders ausgesehen als andere. Ich war die einzige Fremde in der Klasse". Erst später, in der Sporthauptschule, wurde Gačić eine sehr gute Schülerin und schaffte den Sprung auf die Handelsakademie. Ihre hervorragenden Leistungen in der Hauptschule und ihr neues Selbstbewusstsein verdankt sie ihrer Lehrerin Ilse Dippmann: "Sie hat sehr an mich geglaubt und mich sehr unterstützt." Der Sprung auf die BHAK Wien 10 in der Pernerstorfergasse war dann einfacher. Hier gab es "eine sehr bunte Mischung" mit einem großen Anteil an SchülerInnen mit türkischem und ex-jugoslawischem Hintergrund. "Das hat meine Wahrnehmung darüber, ob ich jetzt wirklich zu einer Minderheit gehöre oder nicht, sehr verändert", erinnert sich Gačić.

Identitätsfragen

Das Nachdenken über die eigenen Identität und das Anderssein war damit aber nicht abgeschlossen. Obwohl sie als Vertriebs- und Marketingverantwortliche bei der Fluggesellschaft Emirates in einer sehr internationalisierten Branche arbeitet, wird sie oft nach ihrer Herkunft gefragt. Nach einem Vortrag, den sie vor wenigen Wochen in Graz auf Deutsch hielt, war ein Zuhörer offensichtlich "verwirrt": "Sie sprechen so ein schönes Deutsch, sind aber keine Österreicherin, oder?", fragte er erstaunt. Sie würde die Neugier der Leute teilweise auch verstehen, betont Dragica, denn ihr Nachname sei schwer auszusprechen und "der Vorname ist eben auch so typisch ". Doch im übrigen Europa hat sie andere Erfahrungen gemacht: "In London oder Paris kann dir das nicht passieren, dass die Leute dich fragen woher du kommst und dann auch noch deine Identität mit dir besprechen wollen".

"Du bist ja eh Österreicherin".

"Wenn man mich in Österreich kennenlernt und fragt woher ich komme und dann auch noch hört wie ich Deutsch spreche, höre ich meistens: 'Ach so, na dann bist du ja eh Österreicherin, mit denen hast du ja nichts zu tun‘". Eine Mischung aus unterschiedlichen Identitäten wird in Österreich noch immer nicht wirklich akzeptiert. "Ich fühle mich in erster Linie international. Ich habe aber nie anderswo gelebt, diese Kultur hat mich geprägt, hier bin ich zu Hause. Ich habe jedoch auch ungefähr 20 Prozent Balkan in mir. Diesen Teil meines Ichs möchte ich behalten und auch leben. In Österreich wird es einem schwer gemacht zu diesem Teil der Identität positiv zu stehen".

"Um die Einordnung zu erleichtern"

Das emotionalste Erlebnis in Sachen Identität war für Dragica die Einbürgerung. "Ich wollte die Staatsbürgerschaft endlich haben, weil ich dienstlich viel unterwegs bin und die Visa-Beschaffung wahnsinnig mühsam ist." Obwohl sie hier geboren wurde, musste sie trotz Matura noch einen Deutschtest machen. "Ich habe mich sehr, sehr seltsam dabei gefühlt", erklärt sie. Und noch seltsamer war das Telefongespräch, das sie anschließend mit einer Beamtin führte. "Zur Verleihung der Staatsbürgerschaft haben wir ein spezielles Angebot. Sie können gegen 28 Euro Ihren Namen ändern, damit sie ein einfacheres Leben bei uns haben", meinte die Mitarbeiterin des Magistrats in St. Pölten. "Diesen Satz werde ich nie vergessen", meint Gačić.

Dieses Angebot gibt es noch immer auf der Homepage des Bürgerservice St. Pölten: "...um die Einordnung in Österreich zu erleichtern", könne man eine Namenänderung vornehmen. Diese vermeintlich wünschenswerte "Einordnung" ist Dragica Gačić allerdings auch ohne Umbenennung bereits bestens gelungen. (Olivera Stajić, 12. August, 2010, daStandard.at)

 

Nach der HAK-Matura arbeitete Dragica Gačić bei der AUA, den United Airlines und anschließend bei Emirates, wo sie derzeit für Vertrieb und Marketing zuständig ist. Berufsbegleitend hat sie 2009 die FH für Business Administration, Marketing & Sales Management abgeschlossen.

  • "Ich habe aber nie anderswo gelebt, diese Kultur hat mich geprägt, hier bin ich zu Hause. Ich habe jedoch auch ungefähr 20 Prozent Balkan in mir."
    foto: olivera stajic

    "Ich habe aber nie anderswo gelebt, diese Kultur hat mich geprägt, hier bin ich zu Hause. Ich habe jedoch auch ungefähr 20 Prozent Balkan in mir."

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