Bei Freunden zu Gast

12. August 2010, 17:02
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Pro: "Nestwärme" von Alexander Fanta - Contra: "Sie bleiben nie" von Adelheid Wölfl

+++Pro
Von Alexander Fanta

In Zeiten, in denen der Mensch lieber online spielt, wählt oder liebt, ist es umso schöner, ein wenig reale Nestwärme zu spüren, zumal wenn man als Kuckuck im Neste eines anderen unterkommt. Dass es bei solchen intimen Kohabitationen auch zu Annäherungen der menschlichen und olfaktorischen Art kommen kann, versteht sich. Umso wichtiger ist es, nicht nur den gebotenen physischen, sondern auch den angemessenen psychischen Respektabstand zu halten.

So sollte man den Gastgeber nie fragen, wo er denn hingehe, mit wem er denn ausgehe, und wer die letzten Nächte noch so in der Wohnung übernachtet habe. Auch ist es nicht angebracht, länger als drei Tage in einer fremden Wohnung zu verbleiben, es sei denn, man ist blutsverwandt oder teilt ein Bett, oder – in gewissen Regionen des Alpenlandes – beides. Einen gewaltigen Vorteil aber hat, wie jeder jugendliche Couchsurfer wohl anerkennt, das Unterkommen bei Freunden gegenüber der etwaigen Übernachtung bei Verwandten: Erstere kann man sich aussuchen, Letztere nicht.

Contra---
Von Adelheid Wölfl

Manche bringen Geschenke: Wein, Trüffeln, Balsamico-Sirup, Kajmak, goldene Schüsserln, Unterwäsche. Alle bringen sie Neuigkeiten: kleinen und größeren Gossip, Dramen aus Sarajevo und Prishtina, Berlin, Barcelona und Bukarest. Sie machen die Abende lang und lustig. Sie reden auch nach dem Zähneputzen weiter. Sie geben dir das Gefühl, dass du überall zu Hause bist. Gut es stimmt: Manche vergessen ihre Zeitungen, Schals und Kontaktlinsen. Aber sie sind unkompliziert, schlafen meistens auf der Couch, beschweren sich kaum und sind eine Nabelschnur zur Welt.

Sie sind nie zu lange im Bad, machen keinen Lärm, kaufen Klopapier, kochen dir Tee um halb zwei in der Nacht. Sie sind wahrscheinlich unterhaltsamer als Lebenspartner. Aber in einem sind sie gnadenlos: Diese Freunde, die für ein paar Tage kommen, sie bleiben einfach nie. Sie gehen alle wieder. Und wenn du danach die Schals und Zeitungen zusammensammelst, ihren Kopfpolster beschnupperst und das letzte Achterl Wein vom Vorabend trinkst, dann bist du doppelt so allein. (DER STANDARD/rondo/13/08/2010)

  • Vor- und Nachteile von Couchsurfen.

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