Gehirn nicht hierarchisch, sondern als Netzwerk organisiert?

15. August 2010, 18:02

US-ForscherInnen widersprechen einer gängigen Theorie aus dem 19. Jahrhundert

Los Angeles - Das Gehirn ist offenbar ein stark verbundenes Netzwerk. Zu diesem Ergebnis kommen Larry Swanson und Richard Thompson von der University of Southern California. Mit ihrer Untersuchung, die in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht worden ist, widersprechen die ForscherInnen der gängigen Theorie aus dem 19. Jahrhundert, wonach das Gehirn von "oben nach unten" organisiert ist.

Untersuchung

Swanson und Thompson isolierten einen kleinen Teil des Gehirns einer Ratte im Nucleus accumbens, einer Gehirnregion, die mit Glücksgefühlen und Anerkennung in Zusammenhang gebracht wird. Ihr Verfahren beruht auf der Injektion von sogenannten Tracern an bestimmten Punkten im Gehirngewebe. Diese Moleküle beeinflussen die Bewegung der Signale im Gewebe nicht, können aber zum Leuchten gebracht und unter dem Mikroskop identifiziert werden.

Neu ist, dass die Forscher zwei Tracer gleichzeitig am gleichen Punkt injizierten. Der eine zeigte, wohin sich die Signale bewegten, der andere woher sie kamen. Dieser Ansatz kann bis zu vier Ebenen von Verbindungen sichtbar machen. Würde das Gehirn über eine hierarchische Struktur verfügen, wie sie beispielsweise in einem großen Unternehmen zu finden ist - ein von der Neurologie lange angenommenes Modell -, dann würden die Diagramme direkte Linien von unabhängigen Gehirnregionen in Richtung einer zentralen Datenverarbeitungseinheit zeigen, dem "Chef" des ganzen Unternehmens.

Ergebnis

Die Wissenschaftler entdeckten aber Schleifen zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen, Rückmeldungen und direkte Verbindungen zwischen Bereichen, von denen bisher nicht bekannt war, dass sie miteinander kommunizieren. Die Kommunikation im Gehirn entspricht also eher der des Internets mit seinen unendlichen Querverbindungen als der eines klar strukturierten Unternehmens.

Laut Modell gewinnt der Verstand seine Antriebskraft aus einem sehr stark ineinandergreifenden Netzwerk. Hypothesen darüber gibt es bereits seit einiger Zeit. Bis jetzt war es jedoch nicht gelungen, diese Annahme im Experiment nachzuweisen. Swanson erklärte gegenüber BBC News, dass es faszinierend sei, wie viel der derzeitigen Literatur zur Neurowissenschaft und vor allem in der Neurologie noch immer von dem alten, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Ansatz ausgeht.

Die jetzt nachgewiesenen Schaltkreise, diese spezifischen strukturellen Verbindungen, wurden laut Swanson noch nie zuvor sichtbar gemacht. Obwohl nur ein winziger Teil der Verbindungen im Gehirn eines kleinen Säugetieres untersucht wurde, könnte durch gezielte Überlappungen der gewonnenen Daten ein viel größeres Bild entstehen. (pte/red)

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10 Postings
TanteMitzi
10
16.8.2010, 18:11
So wie Linux

17+4
02
16.8.2010, 17:18
ich habe gedacht, das weiß man schon seit 30 Jahren?

her wig
10
16.8.2010, 09:14

Naja, wenn man Österreich als hierarchische Organisation ansieht, mit dem Bundespräsidenten an der Spitze, dann sind trotzdem nicht alle Österreicher direkt mit ihm verbunden. Die Hierarchie kommt da anders zustande.

Und, das Österreich-sein ist in Wirklichkeit nur ein Aspekt eines Menschen, man kann in vielen Hierarchien gleichzeitig eingebunden sein. D.h., es ist alles sehr kompliziert.

Nick Tameer
00
19.8.2010, 09:52

Wenn man Österreich als hierarchische Organisation ansieht mit dem Bundespräsidenten, dann hat man wohl in Staatsbürgerkunde nicht aufgepasst. Ob man Österreich eher hierarchische oder anarchische Organisation auffasst, der Bundespräsident steht jedenfalls nicht an der Spitze.

witherabbitt
 
01
15.8.2010, 21:27

Wenn im Zusammenhang mit Neurologie auf das 19. Jhdt. verwiesen wird, habe ich immer den Verdacht, daß dergleichen mit den Untersuchungen der Strukturen des Wachbewußtseins und dessen Sprachfähigkeit verwechselt wird. Dessen Fähigkeit, in Totalitäten zu denken hat aber nichts bis wenig mit der Organisiertheit des ganzen Gehirns als Netzwerk zu tun; so wenig eben wie unsere Assoziation, die wir teilweise bemerken, teilweise nicht bemerken.

Nick Tameer
011
15.8.2010, 19:23

"Gehirn nicht hierarchisch, sondern als Netzwerk organisiert" - das kann man schon lange nicht mehr als bahnbrechende Erkenntnis und erst recht nicht mehr als offenene Frage hinstellen. Bei dem betreffenden Forschungsvorhaben geht es eigentlich nur um Fragen, des Aufbaus und der Funktion dieses Netzwerkes.

Quintus Beckloeffel
07
16.8.2010, 07:29
Über neuronale Netzwerke im Allgemeinen und das Gehirn im Besonderen

schrieben Hebb und Lashley bereits in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Wird uns der Standard demnächst mit der Nachricht überraschen, dass amerikanische Wissenschaftler den Bau einer Atombombe für prinzipiell möglich halten?

evolution hunter
00
17.8.2010, 13:48

Früher dachte man sehr wohl, das Gehirn sei hierarchisch organisiert. Das ist kein Widerspruch zur Funktionsweise von Neuronen und deren synaptischen Verbindungen. Im Biological Computer Laboratory etwa wurden viele Versuche dazu durchgeführt. Die Wissenschafter fanden dabei vieles über neuronale Prozesse heraus, entwickelten ihre Modelle aber stets unter dem Paradigma der hierarchisch organisierten Abstraktion, also der rekursiven Verarbeitung sensomotorischer Signale zu komplexeren Repräsentationen.

Auch neuronale Netze in der modernen KI sind hierarchisch organisiert. Die armen Entwickler, müssen jetzt umprogrammieren bis die Schwarte kracht *g*.

Mario23
00
16.8.2010, 16:55
haha

Danke dafür

sovereignty
03
15.8.2010, 19:19
Nicht notwendigerweise Widerspruch

Ein Netzwerkmodell kann ebenfalls hierarchische Aspekte beinhalten. So ist es plausibel und durch empirische Anhaltspunkte belegt, dass es Hirnareale gibt, die andere regulieren. Allerdings werden diese ebenfalls durch andere Regionen beeinflusst, was wieder einem Netzwerkgedanken entspricht (was aber auch auf den "Chef in einem Unternehmen" zutrifft). Was als übergeordnete Region zu betrachten ist wird sich aber auch aus dem funktionalen Kontext und der Fragestellung ergeben. So könnte man etwa eine präfrontale Modulation von limbischen Systemen im Kontext der Emotionsregulation durchaus als hierarchisch ansehen, wobei es sich dennoch um netzwerkähnliche Interaktionen handelt.

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