Über ein sehr wackliges Häuschen

12. August 2010, 14:34
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Österreichs Fußballteam bestätigte auf die EM-Qualifikation nicht wirk­lich gut vorbereitet zu sein. Dietmar Constantini ahnt das vielleicht, den Trauerflor packt er aber nicht aus

Klagenfurt - Ottmar Hitzfeld Unkenntnis zu unterstellen, wäre kühn, den Vorwurf, zu diplomatisch zu sein, muss sich der Trainer der Schweizer Nati aber gefallen lassen. Nach dem 1:0-Sieg in Klagenfurt gegen Österreich sagte er: "Diese Mannschaft wird Fortschritte machen, sie hat ja auch gegen Kroatien nur unglücklich 0:1 verloren." Etwas später, Hitzfeld saß längst im Bus, bilanzierte Dietmar Constantini an gleicher Stelle, also im Stadion. Er korrigierte die Trainerlegende. "Gegen Kroatien haben wir mit Glück nicht 0:4 verloren." Mit Hitzfelds These, Österreich müsse frecher auftreten, konnte sich Constantini anfreunden. "Stimmt."

Der Teamchef schleppte sich durch die Analyse, er antwortete ausweichend, aber vielleicht sind ja nur die Fragen falsch gewesen. Die Kommunikation zwischen Coach und Journaille - der Umgangston ist übrigens freundlich, fast lässig - funktioniert so: "Was essen Sie am liebsten?" "Ich fahre im Urlaub gerne ans Meer."

Themenverfehlung

Da Christian Fuchs in der 64. Minute beim Stand von 0:0 einen geschenkten Elfer verschossen hat (er entschuldigte sich artig bei den Mitspielern), konnte man diese Szene ausführlich besprechen. Die Behauptung, bei einer Verwertung hätte möglicherweise nicht die Schweiz, sondern Österreich 1:0 gewonnen, ist absolut zulässig und absolut sinnlos. Sie führt zu folgender Erkenntnis: "Verlierst du, hast du alles falsch gemacht, gewinnst du, war alles richtig. Wichtig wäre ein positives Ergebnis gewesen. Dann glauben alle daran, dass etwas weitergeht."

Constantini, der sich selbst das Image des Feuerwehrmanns umgehängt hat (wobei es ihn mittlerweile selbst nervt), hatte nun elf Spiele Zeit (sechs Niederlagen, vier Siege, ein Unentschieden), den Brand zu löschen. Offenbar handelte es sich um eine leichte Themenverfehlung. Es ging nämlich darum, aus dem Schutt ein Häuschen samt Fundament zu bauen, das fest steht und nicht gleich wieder einstürzt. Es wackelt gehörig. 40 Kicker hat er ausprobiert, die einzige Konstante war der Verzicht auf Andreas Ivanschitz. Am 7. September beginnt die EM-Qualifikation, Kasachstan kommt nach Salzburg. Constantini betonte, davor habe man mehr als eine Woche Zeit, Dinge zu korrigieren. In Flachau.

Österreich scheint, dies zur nationalen Beunruhigung, mäßig vorbereitet. ÖFB-Präsident Leo Windtner sagte am Donnerstag zum Standard: "Man muss zugegeben, dass das Ganze nicht voll koordiniert wirkt. Durchatmen kann man leider nicht." Trotzdem genieße der Betreuerstab das vollste Vertrauen. "Es ist nicht zielführend, alles infrage zu stellen. Aber bis zum 7. September braucht es viel Kopfarbeit."

Man kann aber schon (rhetorische) Fragen stellen: Macht es Sinn, den keinesfalls unumstrittenen Roland Linz nach zwei Jahren einzuberufen, damit er gegen die Schweiz elf Minuten arbeitet? Müsste man nicht wissen, dass Patrick Wolf ein passabler Bundesligaspieler sein mag, aber im Nationalteam überfordert ist? Warum bleib statt seiner Ümit Korkmaz auf der Bank? Wer soll die Innenverteidigung bilden? Den Angriff? Das Mittelfeld? Wie schaut die Hierarchie aus? Welches System?

Constantini sagte: "30 gute Minuten reichen nie, wenn 60 schlecht sind. Der Kader ist aber willig." Man würde gerne wie Spanien kicken. Ein Pass, ein zweiter, ein Tor. "Das Konzept wäre einfach, nur kommen uns die Gegner dazwischen." Die Lust auf Kasachstan und auf Aserbaidschan (8. Oktober in Wien) ist ungetrübt. "Wir haben die Qualität, beide zu schlagen. Es ist nicht notwendig, den Trauerflor auszupacken. (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 13. August 2010)

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    Gelacht wird in Österreich nur vor dem Spiel: Manfred Zsak  und Teamchef Dietmar Constantini.

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    In Klagenfurt ein gefragter Mann: der Teamchef.

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