Promotion - entgeltliche Einschaltung

    Bildungspolitik, über die Stadtgrenzen hinaus

    17. August 2010, 15:57
    1 Posting

    Bildungsgeograph Konrad Höfle über das Stadt-Land-Gefälle von Schulen, die Verhinderung von Brain-Drain und warum regionale Zusammenarbeit sinnvoll ist

    "Es ist wichtig, dass eine Stadt auch regional orientierte Politik macht", sagt der Vorarlberger Konrad Höfle, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Thema Bildungsgeographie auseinandersetzt. Gerade im Bildungsbereich sei eine Zusammenarbeit über die jeweiligen Stadt- oder Gemeindegrenzen hinaus wichtig - auch, um sich die finanzielle Verantwortung für die Schulerhaltung zu teilen.

    ****

    Frage: Wie definieren Sie als Geograph eine urbane Region?

    Konrad Höfle: Die Statistik Austria hat hierzu den Begriff "Stadtregion" konkretisiert: In Österreich spricht man von einer Kernzone bei mindestens 10.000 Einwohnern und von einer Außenzone. Eine Metropole ist größer; laut Definition gibt es in Österreich nur eine: Wien. Auch die Landeshauptstädte können mit ihrer Umgebung als Stadtregionen bezeichnet werden. In Österreich ist in der Fachliteratur von 34 solcher Stadtregionen die Rede, in denen rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung leben. Immerhin 27 Prozent der Gesamtfläche Österreichs - inklusive Wien als Metropolregion - sind von Stadtregionen geprägt, der Rest ist ländliches und alpines Gebiet. Interessant ist, dass sich rund 70 Prozent der Arbeitsplätze in diesen urbanen Regionen befinden, hier wird auch der überwiegende Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung erzielt.

    Frage: Diese Regionen werden weiter wachsen. Worauf sollte man dabei im Bezug auf Bildung achten?

    Konrad Höfle: Der Zuzug in diese Regionen ist ungebrochen und wird sich weiter steigern, weil sie - ein wesentliches Kriterium der Urbanisierung - Arbeitsplätze anbieten. Daher ist es wichtig, dass eine Stadt auch regional orientierte Politik macht, das heißt nicht nur bis zu den jeweiligen Stadtgrenzen: Nicht jede Gemeinde "muss" ihr eigenes Schwimmbad, ihre große Sporthalle bauen. Das Stichwort "regionale Zusammenarbeit" gilt nun besonders auch für den Bildungsbereich.

    Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

    Konrad Höfle: Bei den Volksschulen gibt es weniger Handlungsbedarf, weil es hier Pflichtsprengel gibt. Aber schon bei den Hauptschulen kann man darauf achten, dass man regionale Schwerpunkte setzt: hier zum Beispiel eine Sporthauptschule, in der Nachbargemeinde eine Musikhauptschule. Diese Diversifizierung und Akzentuierung führt zu einer räumlichen interkommunalen Schwerpunktsetzung auf die Schultypen.

    Frage: Wie kann das gelingen?

    Konrad Höfle: Zum Beispiel schon aufgrund des Imperativs der Gemeindefinanzen: Dadurch, dass man für solche Schwerpunktschulen Berechtigungssprengel erlässt, sodass diese auch von Schülern aus anderen Gemeinden besucht werden können. Die jeweilige Wohnsitzgemeinde zahlt dann Schulerhaltungsbeiträge an die Schulstandortgemeinde einer Hauptschule. So teilen sich die Gemeinden die finanzielle Verantwortung für die Schulerhaltung.

    Frage: Lange war eindeutig: Landkinder gehen zur Hauptschule, Stadtkinder ins Gymnasium. Ist das noch immer so?

    Konrad Höfle: Die "Neuen Mittelschulen" versuchen nun, in städtischen und ländlichen Regionen diese Unterschiede aufzufangen, sodass es nicht mehr die großen bildungsräumlichen Differenzen Stadt - Land geben wird. Somit würde nicht mehr eine so deutliche regionale Diskrepanz in den Schulbesuchsquoten zwischen Hauptschule und Gymnasium bestehen, die Neue Mittelschule wirkt hier ausgleichend.

    Übrigens ist die soziale Distanz zu höherer und weiterführender Bildung viel einflussreicher als die regionale Distanz. Das heißt konkret: Auch wenn ein Kind nur 100 Meter neben einem Gymnasium wohnt, würde es dieses nicht besuchen, wenn es aus einer Familie käme, in der Bildung nicht so geschätzt wird. Da nützten auch bei längeren Schulwegen Maßnahmen wie die österreichische Schülerfreifahrt relativ wenig, um solche soziale Bildungsbarrieren aufzuweichen.

    Frage: Warum siedeln sich Fachhochschulen gerne in urbanen Regionen wie St. Pölten, Kufstein oder Dornbirn an?

    Konrad Höfle: Die Stadtregionen versuchen sich über die Fachhochschulen zu positionieren, und das gelingt durchaus, weil sie ganz spezifische Fächerangebote haben. Diese dispersive flächenhafte Aufteilung der Fachhochschulen versucht den Brain-Drain - den Abzug von Humankapital - zu verhindern. Absolventen werden an die dortigen Wirtschaftsstandorte gebunden, zum Beispiel durch Kooperationen mit Institutionen und Firmen, Praktika, Forschungsaufträge. 

    Frage: Wie verändern sich solche Stadtregionen durch die Fachhochschulen?

    Konrad Höfle: Die Kaufkraft wird aufgewertet, das geht hinein bis in den Wohnungsmarkt. Die Regionen werden dadurch wirtschaftlich, soziokulturell und gesellschaftlich belebt. Dies betrifft die Phase der aktiven Studienzeit. Dann kommt noch der spätere "Bindungsvorteil" hinzu: Dort, wo man ausgebildet wurde, fühlt man sich auch später wie "zu Hause". Das führt dazu, dass viele Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium an ihrem Studienort bleiben, was wiederum zum Vorteil der Studierstadt ist. Die Absolventen finden dort oft auch berufliche Möglichkeiten, pflegen soziale Kontakte, gründen Familie.

    Frage: Die höhere Bildung siedelt sich also in den Metropolen, in diesem Fall Wien, und in den urbanen Regionen, in denen es Fachhochschulen gibt, an?

    Konrad Höfle: An sich ja, aber es gibt auch andere typische Lebenszyklen: Wenn die Studenten einmal selbst Kinder bekommen, kommt es immer wieder zum so genannten Jumping-Effekt: Sie "springen" zurück in die Heimat, weil es dort zum Beispiel attraktive Wohnmöglichkeiten im Umfeld der Herkunftsfamilie gibt, weil auf "Rückkehrer" ein guter Arbeitsplatz wartet oder aus anderen Gründen. Dadurch wird ein höheres Ausbildungsniveau der Wohnbevölkerung auch in ländliche und suburbane Gebiete gebracht beziehungsweise zurück gebracht, die als Wohn- und Freizeitregionen attraktiv sind. 

    Frage: Wie kann man den Brain-Drain, die Abwanderung von Know-How, aus urbanen Regionen verhindern?

    Konrad Höfle: Durch gute Arbeitsplätze, das Fördern von Forschungseinrichtungen, den Ausbau von Bildungseinrichtungen. Wenn die Absolventen schon weggezogen wären, gälte es, sie zurückzugewinnen. Oder man lässt sie erst gar nicht weggehen, dazu müsste man die Fachhochschul-Ebene besonders als Alternative zur Uni stärken. Man müsste versuchen, die Studenten an ihren Studienort zu binden. Es geht um ein attraktives soziokulturelles Anregungsmilieu: Kinderbetreuungseinrichtungen für den Nachwuchs, Bibliothek, Theater, Festspiele usw.

    Dazu muss man aber sagen: Brain-Drain ist ein etwas veralteter Ansatz, bei dem man das Wissen nur in den "Köpfen" von Personen sieht. Wissen ist auch ein "virtuelles Potential", zu dem man heutzutage weltweit - ohne regionale Einschränkungen - insbesondere durch neue Medien Zugang hat.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Regionale Zusammenarbeit im Bildungsbereich: In dem einen Ort eine Sporthauptschule, in der Nachbargemeinde eine Musikhauptschule. Dadurch sollen sich die Kommunen die finanzielle Verantwortung für die Schulerhaltung teilen.

    • Der Vorarlberger KONRAD HÖFLE, Jahrgang 1953, beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Thema Bildungsgeographie. Er studierte Geographie und Germanistik an der Universität Innsbruck und dissertierte 1984 zum Thema "Bildungsgeographie und Raumgliederung. Das Beispiel Tirol". Höfle ist Mitglied im "Arbeitskreis für Bildungsgeographie der deutschen Hochschulgeographen" und im Zivilberuf als Beamter beim Amt der Landeshauptstadt Bregenz tätig.
      foto: privat

      Der Vorarlberger KONRAD HÖFLE, Jahrgang 1953, beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Thema Bildungsgeographie. Er studierte Geographie und Germanistik an der Universität Innsbruck und dissertierte 1984 zum Thema "Bildungsgeographie und Raumgliederung. Das Beispiel Tirol". Höfle ist Mitglied im "Arbeitskreis für Bildungsgeographie der deutschen Hochschulgeographen" und im Zivilberuf als Beamter beim Amt der Landeshauptstadt Bregenz tätig.

    Share if you care.