Ist Ebay ein Auslaufmodell?

12. August 2010, 10:34
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"Der Billigste macht es fast gratis" - Auktions-Plattform hat sich in den vergangenen 15 Jahren gewandelt

Begonnen hat alles mit einem Paar alten Pumas. Heute verkauft Robert Jovanovic 4000 Paar Schuhe pro Monat. Der Tiroler ist Österreichs größter Powerseller, 2,3 Millionen Euro Umsatz macht er pro Jahr. 2002 verkaufte Jovanovic, damals noch Installateur im Außendienst, ein gebrauchtes Paar Sportschuhe über Ebay - und war überrascht, wie viel Geld er dafür bekam. Ein Jahr später kündigte er seinen Job und machte sich auf die Suche nach Schuhlieferanten. Seine Schuhe besorgt er sich aus Restverkäufen, Konkursmasse oder Lagerräumungen. "Ohne Ebay hätte ich das nie gemacht", sagt er rückblickend.

Kaputter Laserpointer

10.000 Österreicher leben mittlerweile von der Auktionsplattform, fast 90 Millionen aktive Mitglieder hat Ebay derzeit weltweit. 1995 begann alles mit dem Verkauf eines kaputten Laserpointers, heute wechseln alle acht Sekunden ein Paar Schuhe, alle sechs Sekunden ein Handy über Ebay den Besitzer.

Noch werden ein Drittel neue Güter und zwei Drittel Gebrauchtwaren verkauft - doch der Trend kehrt sich langsam um: Es sind immer mehr professionelle Händler, die neue Ware anbieten. Jeder, der einen Internetanschluss und eine Idee hat, kann hier verkaufen, ganz ohne Startkapital - eine Demokratisierung des Handels?

"Das ist höchstens eine Pseudodemokratisierung"

"Das ist höchstens eine Pseudodemokratisierung", meint Michael Marcovici. Der Österreicher war ehemals größter Powerseller Europas. Mit 100 Mitarbeitern setzte er 30 Millionen Euro Umsatz pro Jahr um. 2006 ging er pleite - "weil wir zu groß geworden waren".

"Am Anfang war da eine große Aufbruchsstimmung, heute ist es eine geschlossene Gesellschaft", sagt Marcovici. "Du bist total abhängig von der Plattform und dem Bewertungssystem. Eine schlechte Bewertung kostet dich jeden Tag hunderte Euro, weil du in der Suche nach unten gereiht wirst." Jeder zehnte Kunde reklamiert - und meist sei es billiger, ihm das Produkt zu schenken, als mit ihm zu streiten. Dazu kommen die Gebühren von etwa zehn Prozent.

"Ebay lohnt sich nur für kleine Unternehmen mit höchstens zwei oder drei Mitarbeitern", sagt Marcovici. "Die Margen sind gering, der billigste Konkurrent macht es fast gratis. Du musst dich ausbeuten und mindestens 16 Stunden am Tag arbeiten." Ebay selbst geht es nach starken Gewinneinbußen 2009 wieder prächtig: Der Konzern steigerte den Gewinn im ersten Halbjahr 2010 um 26 Prozent auf 412 Millionen US-Dollar.

"13 sind es aber mindestens, sechs Tage die Woche"

16 Stunden am Tag arbeitet Jovanovic zwar nicht - "13 sind es aber mindestens, sechs Tage die Woche", sagt er. Mit seinem Verdienst ist er aber zufrieden. Ob er heute noch einmal beginnen würde, weiß er nicht. "Der Einstieg ist viel schwerer geworden. Es gibt sehr viel mehr Konkurrenz als am Anfang, und es braucht viel rechtliches Wissen, etwa über Widerrufsbelehrungen."

Doch Ebay ist nicht mehr sein einziger Absatzmarkt: Seit einem Jahr verkauft er auch über Amazon, seit sechs Monaten betreibt er einen eigenen Shop. Etwa 30 Prozent seines Umsatzes lukriert er derzeit über die beiden Seiten. "Der Vorteil bei Ebay ist: Ich muss mich nicht um die Kunden bemühen", meint er. Marcovici sieht die Zukunft des Online-Handels nicht bei Ebay, sondern eher bei eigenen Webshops. "Dort gibt es zahlreiche Erfolgsgeschichten. Bei Ebay gibt es keine." (Tobias Müller , DER STANDARD Printausgabe, 12. Augut 2010)

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    Robert Jovanovic, Österreichs größter Powerseller, in seinem Lager in Kufstein. Immer mehr Umsatz kommt aus dem Webshop.

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