Polens neuer Kreuzkrieg

11. August 2010, 23:56
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Fanatiker kämpfen gegen die Entfernung eines Kreuzes für die Smolensk-Opfer

Polen hat einen neuen Kreuzkrieg. Vor zwölf Jahren "verteidigten" fanatische Antisemiten im früheren nationalsozialistischen KZ Auschwitz ein acht Meter hohes Kreuz, das von einer Messe Papst Johannes Paul II. übriggeblieben war. Diesmal steht das Kreuz des Anstoßes vor dem Präsidentenpalast in Warschau. Wieder sitzen die Fanatiker von einst davor und "verteidigen" das Kreuz. Hinzugekommen sind radikale Anhänger des antisemitischen Senders Radio Maryja. Polens Regierung und katholische Kirche sind ratlos - wie vor zwölf Jahren.

Polens jugendliche Pfadfinder sind entsetzt. Eigentlich wollten sie "eine gute Tat vollbringen" , als sie das Kreuz im April als Symbol der Trauer für die Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk aufstellten. Zunächst dachten alle, dass Präsident Lech Kaczyñski und seine Frau Maria, die bei dem Unglück ebenfalls ums Leben kamen, in Warschau bestattet würden. Dann hätte auch das Kreuz der Pfadfinder einen neuen Ort gefunden.

Verteidiger des Kreuzes

Doch die Särge des Präsidentenpaares wurden nach Krakau ausgeflogen. In Warschau geblieben war nur das rund vier Meter hohe Holzkreuz vor dem Präsidentenpalast. Fanatiker des Kreuzes erklärten sich zu dessen "Verteidigern" . Niemand dürfe das Kreuz anrühren, auch die Pfadfinder nicht. Täglich demonstrieren nun hunderte Kreuz-Verteidiger und Kreuz-Gegner vor dem Präsidentenpalast, geifern sich an, pöbeln und randalieren. Touristen reagieren: "They are crazy. Very nice" , und drücken zu Tausenden auf den Auslöser.

Polens größte Oppositionspartei, die nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS), erkannte sofort, dass sich das Kreuz zu einer Waffe im politischen Kampf gegen die Regierung und den neugewählten Präsidenten umfunktionieren ließ. So unterstützen PiS-Politiker, allen voran Jaroslaw Kaczyñski, Parteivorsitzender und Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, offensiv die Kreuz-Fanatiker. Zugleich werfen sie Premier Donald Tusk und Präsident Bronislaw Komorowski vor, das Chaos und die täglichen Ausschreitungen nicht in den Griff zu bekommen.

Da sich inzwischen auch die Bischöfe untereinander in die Haare geraten sind, was nun mit dem Kreuz geschehen soll, sind die Regierenden auf Tauchstation gegangen. Der Präsident besucht die Hochwasseropfer, und der Premier versucht das Problem zu bagatellisieren: "Auch andere Länder haben einen Hyde Park. Warum soll es keinen in Polen geben?"

Vorsitz für Mama Kaczyñska

Inzwischen fordert die PiS, dass das Kreuz erst dann verschwinden könne, wenn direkt vor dem Präsidentenpalast ein großes Denkmal für Lech Kaczyñski und die anderen Opfer der Flugzeugkatastrophe errichtet werde. Jadwiga Kaczyñska, die Mutter des verstorbenen Präsidenten, werde den Ehrenvorsitz des Denkmal-Komitees übernehmen. Jadwiga Kaczyñska ist todkrank. Sollte sie vor der Fertigstellung einer Gedenktafel oder eines Denkmals sterben, ist jetzt schon klar, wem die PiS die Schuld an ihrem Tod geben wird: Tusk und Komorowski. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2010)

 

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