Unterschicht als Kunstprojekt

12. August 2010, 17:11
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Die südafrikanische Künstler-Band Die Antwoord verbindet mit den Mitteln der Satire Proleten-Rap mit Euro-Trash

Die Antwoord aus Südafrika wurde in diesem Frühjahr als Sensation auf Youtube gehandelt. Gangsta- und Proleten-Rap aus den Ghettos des südafrikanischen Kapstadt gilt in Zeiten einer Musikwelt, die speziell bei Club-Sounds auf immer waghalsigere Konstrukte setzt, als folgerichtig neuester Streich in Sachen Eklektizismus. Zwischen brasilianischen Favela-Beats, indischen Bollywood-Sounds oder afrikanischen Hi-life-Samples sowie als Bindemittel US-HipHop in Kombination mit spätestens von Lady Gaga salonfähig gemachtem Euro-Trash ist neben Acts wie M.I.A. oder The Very Best Of im dekadent-hedonistischen Genre der Täuscher und Blender noch genügend Platz frei.

Und das Trio um Rapper Ninja macht seine Sache bezüglich Aufmerksamkeitsökonomie wirklich gut. Nachdem anfangs einige Videos von Die Antwoord im Netz lanciert wurden und erste Songs der Band auf Download-Plattformen aufgetaucht waren, stellte man auf der eigenen Homepage wochenlang das Debütalbum "$O$" gratis zur Verfügung. Auch der mediale Wirbel um die Fußball-WM konnte erfolgreich genutzt werden, die Band international in den Medien zu positionieren. Als physischer Tonträger soll das Album demnächst im Vertrieb von Universal in den Handel kommen.

Hinter Die Antwoord steckt im Wesentlichen der südafrikanische Konzeptkünstler Watkin Tudor Jones. Ein wandlungsfähiger Mann, der zuvor unter anderem schon als Max Normal im smarten Business-Dreiteiler seine Heimat als Rapper aus der Finanzwelt beglückte.

Für Die Antwoord hat sich Jones das Alias Ninja zugelegt. Er stellt einen auf Afrikaans und in brachialem Englisch rappenden Proleten aus der Vorstadt dar, wie er im Buche steht. Mit der Betonung auf dem asozialen Element, Missbrauch von Bier und weichen Drogen sowie zwar tatsächlich echt gestochenen, allerdings liebevoll geschmacklos getürkten Gefängnis-Tattoos erzählt uns Ninja dezidiert unverblümt vom harten Leben in sozialen Brennpunkten. Dazu gibt seine Partnerin Yo-Landi Vi$er das mit Micky-Maus-Stimme quäkende Barbie-Girl. Ein brutaler Effekt, der auch musikalisch den Unterschicht-Furor eines Eminem auf den kindisch-läppischen Schweden-Pop des in den 1990er-Jahren wütenden Trios Aqua und dessen Hit Barbie Girl nachstellt.

Blöd nur, dass Die Antwoord bei all diesem Perfektionsdrang hin zu mit der Faust gestanztem Zef-Sound (Zef als Afrikaans-Ausdruck für Unterschicht) mehr als einmal in die Kabarettfalle tappen. Der künstlerische Ansatz mag zwar ein ehrenwert doppelbödiger sein. Die Ergebnisse, etwa die Stücke Enter The Ninja oder Zefside, erweisen sich dann aber oft als Witze, die beim ersten Mal zwar für allgemeines Schenkelklopfen sorgen. Beim dritten Mal Hören hegt man allerdings den dringenden Verdacht, das alles schon zwei Mal zuvor genossen zu haben. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.8.2010)

 

  • Die Antwoord live in Wien, am Mittwoch, 18. August, in der Pratersauna
    foto: pratersauna

    Die Antwoord live in Wien, am Mittwoch, 18. August, in der Pratersauna

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