Kunstvernichtung

11. August 2010, 19:13
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Gibt es ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich überstand die Hölle des Louvre"?

Wer sein Kind nachhaltig von jedem Interesse an klassischer Kultur entwöhnen möchte, sollte im August das Musée du Louvre in Paris besuchen. Paris ist inzwischen (zumindest im Sommer) zu der Metropole geworden, deren Hauptsehenswürdigkeiten (Eiffelturm, Notre Dame, Musée d'Orsay) wegen Megawarteschlangen nicht besichtigt werden können.

In den Louvre kommt man wegen eines geschickten Einschleussystems relativ leicht hinein, dann aber muss man alle Hoffnung auf nur sekundenlange ungestörte Betrachtung eines Kunstwerks fahren lassen. Die Massen, die einen da schieben, stoßen, niederwalzen, sind bestimmt alle wirklich an Kunst interessiert (nehmen wir einmal an).

Aber der Effekt ist katastrophal. Abgesehen davon, dass die Klimatisierung mit den Ausdünstungen nicht fertig wird und man jeden Moment erwartet, dass in einem Botticelli-Fresko der Pilz ausblüht; abgesehen davon, dass die Bilder tausendmal pro Minute angeblitzt werden - was hier geschieht, ist eine schreckliche Parodie auf Auseinandersetzung mit der Kunst.

Der Raum mit der Mona Lisa gleicht der U-Bahn in Tokio zur absoluten Stoßzeit. Es fehlen nur noch die U-Bahn-Stopfer mit den weißen Handschuhen. Im Ernst: Der französische Staat lässt hier die Vernichtung von Kunst - im ideellen wie materiellen Sinn - geschehen. (rau / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.8.2010)

 

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