Afghanistan mitten im Krieg der Bilder

11. August 2010, 18:37
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Welche Fragen abseits der Emotionalisierung gestellt werden müssten - von Robert Misik

Es ist eines jener Titelblätter, die man einen Eyecatcher nennt - das Cover des aktuellen Time-Magazins (Bericht). Eine junge, hübsche Frau mit abgeschnittener Nase. Daneben die Schlagzeile: "What Happens if We Leave Afghanistan". Ohne Fragezeichen, wohlgemerkt.

Die Botschaft ist also ziemlich unverschlüsselt: Das passiert, wenn wir aus Afghanistan abziehen. Das ist natürlich eine ziemlich absurde Textierung, als "das" ja bereits vor etwa einem Jahr passiert ist: Der 18-jährigen Aisha wurden von der Familie ihres Mannes - einem Anhänger der Taliban - Nase und Ohren abgeschnitten, als "Strafe" dafür, dass sie der Tortur, die ihre Ehe darstellte, zu entfliehen versucht hatte. Insofern ließe sich natürlich nüchtern feststellen: Das passiert auch, wenn wir nicht aus Afghanistan abziehen, das passiert, trotz neun Jahren westlicher Besatzung.

Das Titelblatt sendet zeitgleich kontroverse Botschaften aus. Einerseits klärt es in gewissem Sinne auf: Es geht bei der Frage, ob die westlichen Truppen abziehen sollen, nicht nur darum, ob man Deals mit den Taliban schließen kann, ob dieser Krieg überhaupt zu gewinnen ist, ob die US-geführten Truppen hier in einen schmutzigen Krieg involviert wurden, und dass das Erreichen der hehren Ziele (Stabilität und Menschenrechte zu garantieren) längst unmöglich geworden ist. Es geht auch um konkrete Menschen, die leiden, wenn die Taliban wieder die Kontrolle über das Land erlangen. Und das soll man bitte schön auch nicht vergessen über all die "realpolitischen" Diskussionen.

Zur gleichen Zeit aber ist das Titelblatt Kriegspropaganda der übelsten Sorte. Mit einem Bild, das direkt ins Herz zielt, wird die Botschaft insinuiert: Wir müssen die militärische Besatzung aufrechterhalten, sonst passiert "das" . Es ist, kurzum, auf schlimme Weise manipulativ. Man könnte dem mit ebenso zwingender Bildsprache andere Botschaften entgegenstellen, etwa Bilder von verkohlten Zivilisten, Opfern westlicher Bombenangriffe und der Textierung: Das passiert, wenn wir weiter in Afghanistan Krieg führen.

Würde uns ein solcher Krieg der Bilder irgendwie klüger machen? Ganz gewiss nicht. Die Fragen, die gestellt werden müssen, sind andere: Haben die westliche Intervention und die Besatzung die Lage der normalen Bevölkerung und insbesondere der Frauen - alles in allem gesehen - verbessert? Eher nicht. War der "Menschenrechtsbellizismus" ein Erfolg? Kaum. War das Scheitern zwangsläufig? Darüber kann man streiten, aber es wurde durch massive Fehler - die sträfliche Vernachlässigung des Wiederaufbaus und der Schaffung funktionierender Institutionen - in jedem Fall begünstigt.

Es gibt einen innerwestlichen Krieg der Emotionalisierung. Auch die Veröffentlichung der Wikileaks-Dokumente ist ein Teil davon. Das Konvolut transportierte subkutan eine simple Botschaft: Nichts wie raus da! Das Bild der 18-jährigen Aisha ist gewissermaßen die Antwort darauf. (Robert Misik/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2010)

ROBERT MISIK ist Buchautor und Videoblogger auf derStandard.at (FS-Misik).

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