Deutsche sollen bis 70 arbeiten

11. August 2010, 17:52
117 Postings

Die Deutschen sollen künftig erst mit 70 Jahren in Pension gehen: Wirtschaft will Reform – SPD drängt in Gegenrichtung

Die Deutschen sollen künftig erst mit 70 Jahren in Pension gehen. "Wenn wir uns die höhere Lebenserwartung und die abnehmende Geburtenrate in Deutschland anschauen, wird die Rente mit 70 perspektivisch kommen müssen" , sagt der Chef des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Michael Hüther.

Schrittweise Anhebung

Derzeit liegt das gesetzliche Pensionsantrittsalter in Deutschland bei 65 Jahren. Ab 2012 jedoch wird das Antrittsalter schrittweise bis zum Jahr 2029 auf 67 Jahre angehoben. Das bedeutet: 2029 werden die ersten Arbeitnehmer in Deutschland bis 67 Jahre arbeiten müssen, wenn sie die volle Pension ohne Abschläge kassieren wollen. Hüthers Vorschlag: Die Bundesregierung solle 2029 nicht aufhören, das Pensionsantrittsalter anzuheben, sondern gleich so lange weitermachen, bis man bei der "Rente mit 70" ist.

Doch es gibt in Deutschland auch starke Tendenzen in die Gegenrichtung. Die Anhebung des Pensionsantrittsalters von 65 auf 67 Jahre hat noch die große Koalition beschlossen. Federführend für die Umsetzung war der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Sein Einsatz für dieses Projekt hat ihn bei den Genossen viele Sympathien gekostet. Schnell geisterte der berühmte Dachdecker durch die SPD, dem man nach Ansicht vieler nicht zumuten könne, bis zum Alter von 67 Jahren auf dem Dach zu stehen.

Jetzt will SPD-Chef Sigmar Gabriel den Bruch mit der Müntefering'schen Pensionspolitik. Er fordert, den für 2012 geplanten Beginn der schrittweisen Anhebung des Pensionsalters auf unbestimmte Zeit zu verschieben - so lange, bis Ältere auf dem deutschen Arbeitsmarkt generell bessere Chancen haben.

Gabriel beruft sich dabei auf einen Passus im Gesetz, der eine Überprüfung des Arbeitsmarktes im Jahr 2011 vorsieht. Derzeit sind nämlich nur 35 Prozent der 60- bis 64-Jährigen berufstätig. "Solange es uns nicht gelingt, tatsächlich den Anteil derjenigen zu erhöhen, die zwischen 60 und 64 arbeiten, können Sie die Rente mit 67 nicht einführen, weil sie de facto eine Rentenkürzung ist" , sagt er.

Mitgliederentscheid gefordert

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hingegen will an den Abmachungen der großen Koalition festhalten - er saß als Außenminister auch vier Jahre lang in der schwarz-roten Regierung. Es werde "notwendig sein, dass wir insgesamt länger arbeiten" , erklärt er. Um die strittige Frage zu klären, regt der SPD-Landesverband Baden-Württemberg einen Mitgliederentscheid an.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hingegen verteidigt die Anhebung des Pensionsantrittsalters auf 67 Jahre. Sie rechnet damit, dass in den nächsten Jahren immer mehr Unternehmen ältere Arbeitnehmer halten werden, weil sie auf deren Fachwissen nicht verzichten wollen. (Birgit Baumann, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.8.2010)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gemütlich ausrasten vom Lebenswerk? Solche Pläne müsste man eventuell etwas verschieben.

Share if you care.