"Der Regen muss endlich aufhören"

11. August 2010, 17:12
67 Postings

Der Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Pakistan, Alain Lefevre, über die Schwierigkeiten bei der Hilfe für die Flutopfer

***

derStandard.at: „Ärzte ohne Grenzen" ist seit 2005 auch in Pakistan tätig und kennt das Land und die Leute. Was kann der Bevölkerung von Pakistan durch die Flut noch drohen?

Alain Lefevre: Das große Problem ist, dass die Situation der Flut noch nicht beendet ist. Sie dauert jetzt schon eine ungewöhnlich lange Zeit. Abgesehen von den Toten und den Verwüstungen ist die Hauptgefahr, dass weitere Regenfälle drohen. Das hat zur Folge, dass sich die Bevölkerung je nach Wasserstand durch das Land bewegt, wodurch wir die Leute nur schwer erreichen. Aber viele Menschen befinden sich nun in sogenannten Sammelzentren, wie Schulen, staatliche Einrichtungen oder Krankenhäuser. Und in einem dieser Zentren waren eintausend Familien am selben Platz. In diesen Zentren haben sie keinen Zugang zu Hygieneeinrichtungen, Trinkwasser und zum Gesundheitswesen. 

derStandard.at: Was tun Sie, damit diese Leute Hilfe bekommen?

Lefevre: Wir identifizieren diese Sammelzentren und stellen medizinische Versorgung zur Verfügung. Wir verteilen NFIs (Non-food-items), z.B. Seifen, Decken und Zelte. Aber was wir verteilen, hängt immer von den Bedürfnissen der jeweiligen Menschen an. In den Zentren versuchen wir, Toiletten aufzubauen, und versorgen die Menschen mit Trinkwasser. Wichtig ist vor allem, die Gesundheitsversorgung sicherzustellen, denn sonst brechen nach der Flut verschiedene Krankheiten aus, die mit dem verseuchten Wasser in Zusammenhang stehen. Schon jetzt haben wir eine hohe Zahl von Durchfallerkrankungen.

derStandard.at: Was wird jetzt vor Ort wirklich benötigt?

Lefevre: Jetzt? Die Flut muss endlich aufhören. "Ärzte ohne Grenzen" hat schon bei vielen Naturkatastrophen geholfen, die nach kurzer Zeit vorbei waren, wodurch wir schnell unsere Arbeit aufnehmen konnten. Das Problem hier ist, dass es viel regnet. Vor einer Woche sind die Flüsse zurückgegangen, dann wieder gestiegen, zurückgegangen, gestiegen und so weiter. Da sich die betroffenen Menschen nach den Pegelständen bewegen, werden sie immer wieder durch Fluten eingeschlossen. Dadurch können wir viele Gebiete nicht erreichen. Das gilt vor allem für die zahlreichen Täler. Das Problem dort ist die Zugänglichkeit. Der gebirgige Norden ist komplett vom Rest des Landes abgeschnitten.

derStandard.at: Bekommen die Hilfsorganisationen Unterstützung von der Regierung?

Lefevre: Ich glaube, dass die Rettungsaktionen der Regierung und der internationale Gemeinschaft vorüber sind. Die Leute, die evakuiert werden mussten, wurden gerettet. An der humanitären Hilfe sind aber vor allem nationale und ein paar weniger internationale Organisationen beteiligt. 

derStandard.at: Sie stehen im ständigen Kontakt zu den Betroffenen vor Ort und können sich ein Bild der Lage machen. Worüber sprechen die Menschen jetzt in Pakistan und welche Sorgen haben sie?

Lefevre: Den Menschen ist wichtig, dass sie dorthin zurückkönnen, wo sie gelebt haben. Damit sie ihr Haus wieder aufbauen oder reparieren können. Vor allem sorgen sich die Menschen aber um ihr Vieh. Ihre Rinder sind ihr wertvollstes Gut, daher behalten sie die Tiere ständig im Auge. Viele haben ihr Haus verloren oder ihre Familien, also halten sie sich an ihre einzige Lebensgrundlage: das Vieh. Sie hoffen nur noch, dass die Flut vorbeigeht. Vor allem in den Bergen werden die Menschen für ihr tägliches Leben Wirtschaftsstrukturen benötigen, damit sie wieder Zugang zum Markt bekommen und auch im Süden ihre Waren verkaufen können. 

derStandard.at: Was war das berührendste Erlebnis während Ihrer Arbeit in der Flutregion?

Lefevre: Es ist sehr bedrückend über Landschaften zu fliegen, die komplett weggespült wurden. Die Reste der Dörfer zu sehen, die sich jetzt in Flüsse verwandelt haben. Vor allem berührt es mich aber immer wieder, wenn ich Kinder in den Sammelzentren sehe, die keinen Zugang zu Hygiene, Trinkwasser oder Gesundheitsversorgung haben und im Schlamm spielen. Ich glaube, wenn man Kinder sieht, die unter solchen Umständen leben müssen, dann ist man immer betroffen. (Bianca Blei, derStandard.at, 11.08.2010)

  • Ein Mädchen sitzt zwischen den Trümmern ihres Elternhauses.
    foto: ton koene

    Ein Mädchen sitzt zwischen den Trümmern ihres Elternhauses.

Share if you care.