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    "Öffis und Individualverkehr kombinieren"

    13. August 2010, 15:53
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    Dieter Gantenbein, IBM-Experte für E-Mobilität, über urbane Verkehrsvisionen und die Möglichkeiten von Elektroautos

    Kaum jemand mehr will heute auf ein Auto verzichten. Aber gerade in urbanen Regionen sind die Straßen schon jetzt überfüllt. Dieter Gantenbein, IBM-Spezialist für E-Mobilität, spricht im Interview über ein harmonisches Miteinander von öffentlichem und Individualverkehr und warum nicht jeder ein Elektroauto haben muss.

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    Frage: Öffentlicher Verkehr oder Individualverkehr - welche dieser beiden Formen wird sich in Zukunft in den urbanen Regionen durchsetzen?

    Dieter Gantenbein: Es wird ein harmonisches Miteinander, kein Entweder-oder. Eine Kombination aus Öffis und Individualverkehr ist optimal, weil schon heute zu wenig Platz für Autos auf den Straßen und Parkplätzen ist. Die Lösung muss eine neue Art von integrierten Angeboten sein.

    Frage: Ist man heutzutage wirklich auf ein Auto angewiesen? Tun es nicht auch Fahrrad und Bus oder ist dieser Zug längst abgefahren?

    Dieter Gantenbein: Versuchen Sie einmal - wie ich gerade in meinem Urlaub - mit einem Tandem durch den Zug zu gehen, dann fallen Ihnen die Haare aus. Hier braucht es neue, intelligente und aufeinander abgestimmte Integrationskonzepte, die den öffentlichen mit dem individuellen Verkehr verbinden.

    Frage: Österreich hat acht Millionen Einwohner und mehr als vier Millionen angemeldete Autos. Niemand wird freiwillig darauf verzichten wollen. Was könnte helfen, ein Umdenken zu bewirken?

    Dieter Gantenbein: Es geht auch nicht um Verzicht auf individuelle Mobilität. Sondern es geht vielmehr um neue Mobilitätslösungen, die klimafreundlich sind und mit denen wir den Verkehr in Städten auf lange Sicht nachhaltig ausrichten können. Ein Ansatz für klimafreundliche Mobilität ist die Elektromobilität.

    Der große Kostenpunkt bei den Elektro-Fahrzeugen sind die Batterien. Hier gibt es zum Beispiel die Lösung Batterien bei Bedarf zu leasen, was Kosten einspart. Das typische Familienfahrzeug steht ja im Durchschnitt 23 von 24 Stunden am Tag still. Eine andere Möglichkeit: Wenn man die noch teuren Elektroautos in Sharing-Angeboten offeriert, dann reduziert sich der Amortisierungsanteil um ein Vielfaches. Leasen soll auch mal für eine Stunde möglich sein oder für drei Monate, nicht nur auf Jahre hinweg. Diese Kurzzeitangebote führen zu neuen Geschäftsmodellen und neuen Arbeitsplätzen.

    Frage: Wie sieht eine perfekt gelöste Verkehrssituation - technisch und finanziell machbar - im urbanen Raum aus?

    Dieter Gantenbein: Weil die öffentlichen Finanzen nicht erweiterbar sind und die Verkehrsinfrastruktur an vielen Stellen an Kapazitätsgrenzen stößt, kann ein Ansatz sein, die Echtkosten verursachungsgerecht umzulegen. Ein konkretes Beispiel: Wer in die Kernzone einer Stadt fährt, bezahlt dafür eine Maut, die je nach Tageszeit unterschiedlich hoch ist. Dies hat einerseits einen regulierenden Charakter, andererseits entsteht so eine Querfinanzierung, die zum Beispiel das Anlegen von Parks ermöglicht.

    Die IBM-Vision "Smarter Planet" sagt aus, dass es nicht möglich ist, die endlichen Ressourcen unendlich zu steigern - aber man kann sie effektiv verteilen und aufteilen, unter anderem mithilfe von Mathematik, Analytik und Informationstechnologie. Konkret heißt das beispielsweise, für überlastete Straßen dynamisch alternative Routen anzubieten. Oder Preismodelle zu entwickeln, die regulierend wirken und Anreize für klimafreundliche Alternativen schaffen, aber die die Mobilität nicht eindämmen.

    Frage: Welche Faktoren müssen bei der Stadtentwicklung in punkto Mobilität beachtet werden?

    Dieter Gantenbein: Das übergeordnete Ziel ist, den Wohnwert und die Lebensqualität zu steigern. Dazu gehört auch die Reduktion von Lärm- und Abgasemissionen. Der Umstieg auf E-Mobilität hilft dabei gewaltig.

    Frage: Wird das Thema Elektromobilität nicht überbewertet? Schließlich braucht es dafür auch ein entsprechendes Netz an Strom-Tankstellen, die Autos sind zu teuer, die Reichweiten zu gering, das Aufladen dauert zu lange.

    Dieter Gantenbein: Die Kategorisierung des heutigen nationalen Fahrverhaltens ist in verschiedene Gruppen möglich: Es gibt die Pendler, die Wochenendfahrten, die Geschäftsfahrten, die Langstreckenfahrten von Vertriebsmitarbeitern, die Luxusfahrten. All diese Gruppen benutzen schon heute unterschiedliche Fahrzeuge. Was ich damit sagen will: Es muss nicht sein, dass die E-Mobilität für alle Klassen eine Alternative darstellt. Für die Pendler sind Elektroautos schon heute die bessere Alternative. Den hohen Anschaffungskosten steht ein viel niedrigerer operativer Verbrauch entgegen, Fahrten mit dem Elektroauto sind fünf- bis achtmal effizienter als Fahrten mit fossilem Brennstoff als Antrieb.

    Frage: IBM arbeitet derzeit im Edison-Projekt auf der dänischen Insel Bornholm mit. Es geht darum, Elektroautos mit erneuerbarer Energie zu speisen und gleichzeitig als Speicher für Windenergie zu nutzen. Warum gerade Dänemark?

    Dieter Gantenbein: Dänemark möchte von fossilen Brennstoffen wegkommen. Es wird stark auf Wind als erneuerbare Energiequelle gesetzt und direkt die Einführung von reinen Elektroautos gefördert. Die Idee dahinter ist, dass die erneuerbaren Energien gut für die nationale C02-Bilanz sind. Anreize für das Individuum sind die Attraktivität des "Grünen Fahrens", Steueranreize und die niedrigen Kosten pro Kilometer.

    Frage: Welche Ziele stehen hinter dem Projekt?

    Dieter Gantenbein: Möchte man den Anteil von Windenergie im Strommix maximieren, dann führt dies zu einer potenziellen Instabilität im Stromnetz, denn der Wind weht ja bekanntlich, wann er will. Das muss mit zusätzlichen Speicherungsmechanismen kompensiert werden. Diese Aufgabe könnten die Elektroautos übernehmen: Sie sollen nicht nur Abnehmer von grüner Energie, sondern auch Zwischenspeicher von Strom aus Windkraft sein.

    Frage: Wie läuft das Projekt bisher?

    Dieter Gantenbein: Wir sind jetzt in der Mitte, das Projekt läuft von 2009 bis 2011. Die Menge der Elektroautos auf Bornholm ist zwar noch relativ klein, aber da die Insel strommäßig vom Rest Europas abkapselbar ist, stellt Bornholm die optimale Forschungsumgebung für uns dar. Wir wollen den Einfluss der erneuerbaren Energie am Beispiel dieser Insel studieren und überlegen, wie viele Elektroautos und Batterien nötig sind, damit man trotz hohem Windanteil noch stabile Stromnetze hat. Bornholm hat derzeit einen Anteil an Windenergie von etwa 25 Prozent; eine Erhöhung auf 40 bis 50 Prozent entspricht dem dänischen Ziel. Aber wenn wir das heute machen, würde der Strom so stark fluktuieren, dass die Netzqualität nicht mehr gewährleistet werden könnte.

    Frage: Vorarlberg ist mit dem Projekt Vlotte Österreichs erste Modellregion für die Einführung der Elektromobilität: Man least ein E-Auto, tankt gratis Strom, erhält gleichzeitig eine Jahresnetzkarte für den Verkehrsverbund und kauft den Wagen nach vier Jahren zu einem Restwert von 25 Prozent des Anschaffungswerts. Nicht für jeden scheint diese Option überhaupt leistbar zu sein. Wie bewerten Sie dieses Projekt? Sind E-Autos nur etwas für die "Oberen Zehntausend?"

    Dieter Gantenbein: Der erste Schub an Konsumenten sind sicher die Firmen,die sich mit "Grünem Marketing" umgeben wollen. Wie immer purzeln die Preise aber, wenn die Stückzahlen steigen. Mit diesen leichteren, kleineren Autos können mehr Menschen auf den Straßen transportiert werden, es wird weniger Lärm erzeugt, man kann die Häuser näher an die Straßen bauen. Für viele ist das Einsparen von Benzinkosten nicht der alleinige Anreiz: Diese Autos sind einfach auch spaßig zu fahren, besonders wenn man an der Ampel neben einem alten Benzinmotor steht - das habe ich selbst getestet. Das E-Auto ist der ideale Partner für die urbane Zukunft.

    • Dieter Gantenbein: "Es braucht neue, intelligente und aufeinander abgestimmte Integrationskonzepte, die den öffentlichen mit dem individuellen Verkehr verbinden."
      foto: ibm research zürich

      Dieter Gantenbein: "Es braucht neue, intelligente und aufeinander abgestimmte Integrationskonzepte, die den öffentlichen mit dem individuellen Verkehr verbinden."

    • DIETER GANTENBEIN ist Projektleiter bei IBM und derzeit vor allem für das Edison-Projekt auf der dänischen Insel Bornholm zuständig. Dabei geht es darum, Elektroautos nicht nur als Abnehmer von Windenergie sondern auch als Zwischenspeicher zu nutzen. Auf IBM-Seite koordiniert er auch das 2011 startende EcoGrid-Projekt zum Thema Erneuerbare Energie.
      foto: ibm research zürich

      DIETER GANTENBEIN ist Projektleiter bei IBM und derzeit vor allem für das Edison-Projekt auf der dänischen Insel Bornholm zuständig. Dabei geht es darum, Elektroautos nicht nur als Abnehmer von Windenergie sondern auch als Zwischenspeicher zu nutzen. Auf IBM-Seite koordiniert er auch das 2011 startende EcoGrid-Projekt zum Thema Erneuerbare Energie.

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