Drei Jahre nach dem MEL-Kurscrash

11. August 2010, 11:25
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Umstrittene Aktienrückkäufe, komplizierte Firmenkonstruktionen aufgeflogen - Firmensitz auf Jersey, Klage vor Londoner Gericht

Wien - Drei Jahre nach dem ein kurszersetzender heimlicher "Aktienrückkauf" (Zertifikate-Rückkauf) bei der Meinl European Land (MEL) und damit ein kompliziertes Konstrukt an Transaktionen und Konstruktionen zur Kurspflege aufflog, bringt die neue Führung der heute unter Atrium firmierenden Ex-MEL eine 2 Milliarden Euro schwere Schadenersatzklage in London ein. Seit zwei Jahren - seit Anfang August 2008 - gehört die auf der britischen Kanalinsel Jersey registrierte Immogesellschaft einem internationalen Finanzkonsortium (Gazit Globe/CPI).

Beklagt ist die damalige Führung von Meinl Bank - vor allem Julius Meinl V. - und MEL. Der MEL-Skandal gilt als bisher größter Anlegerskandal in Österreich.


Was bisher geschah

1997 - Meinl European Land wird von der Meinl Bank noch unter dem Namen "Central European Land Limited" gegründet.

21.11.2002 - MEL kommt via Kapitalerhöhung an die Börse, Erstausgabepreis der Zertifikate 11,10 Euro. Das Immobilienvermögen umfasst zwei Jahre später 530 Mio. Euro.

2005 - MEL beziffert das Immo-Vermögen nach rascher internationaler Expansion mit erstmals über 2 Mrd. Euro.


2007

23. August - Massive Aktien-Rückkäufe der MEL werden nachträglich bekannt, Analysten kürzen die Kursziele.

27. August - Die Finanzmarktaufsicht (FMA) leitet eine Prüfung (Vorwurf: Marktmanipulation und Insiderhandel) ein.

29. August - MEL gibt bekannt, dass die Rückkäufe noch höher als vermutet ausgefallen sind. Später ist die Rede von 1,8 Mrd. Euro.

30. August - Aufregung um teileinbezahlte Aktien ("Partly Paid Shares" - PPS) abseits der Börse. Die Investoren werden verheimlicht.

12. September - Die FMA-Prüfung wird auf die Meinl-Bank ausgedehnt.

21. November - Der MEL-Vorstand erhält von der Finanzmarktaufsicht einen Strafbescheid wegen "Irreführung".

23. November - Die Wiener Börse kündigt den Prime Market-Vertrag auf. MEL muss zurück in den Standard Market Continuous.


2008

Jänner - Erste Gerüchte um einen bevorstehenden MEL-Verkauf. Ein erster Anlauf scheitert. Die OeNB stellt einen kritischen Prüfbericht fertig. Darin wird beschrieben, dass MEL schon seit 2006 unverkäufliche Zertifikate (via "Somal") zwischenlagern ließ.

20. März - Der Einstieg neuer Investoren, des US-Citibank-Immobilienfonds Citi Property Investors (CPI) und des in Tel Aviv börsenotierten Immobilieninvestors Gazit-Globe Limited, wird paktiert.

14. Juli - In Jersey beginnt die dortige Finanzaufsicht zu ermitteln. Vorwurf: Beim Aktienrückkauf soll auch gegen Jersey-Recht verstoßen worden sein.

16. Juli - Hauptversammlung. Auf der Kanalinsel wird der Verkauf besiegelt, ein neuer Name ("Atrium"), eine neue Führung beschlossen.

1. August - MEL heißt ab sofort Atrium: Gazit übernimmt das Ruder.


2009

18. Februar - Hausdurchsuchungen an Meinl-Standorten in Österreich und der Slowakei (u.a. in der Bank-Zentrale in Wien, der Privatvilla in Grinzing und in Bratislava, wo die Buchhaltung abgewickelt wurde).

1. April - Der Bankier Julius Meinl wird in Wien verhaftet. Wegen seiner britischen Staatsbürgerschaft wird Fluchtgefahr gesehen.

3. April - Enthaftung Meinls gegen eine Kaution von 100 Mio. Euro.


2010

3. August - In der bisher größten Anlegeraffäre einigt sich die Meinl Bank mit 5.500 MEL-Anlegern auf einen Vergleich. Allein von der AK vertretene Anleger erhalten mehr als 12 Mio. Euro überwiesen.

10./11. August - Atrium beschließt Milliardenklage gegen Julius Meinl und Ex-Manager der Bank und der Immogesellschaft. (APA)

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