"Mein neuer Job hat auf mich gewartet"

10. August 2010, 19:27
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Vom Lagerleiter zum OP-Gehilfen: Nur eine von rund 500 neuen Karrieren ehemaliger Quelle-Mitarbeiter - Reportage

Linz - "Was Besseres hätte mir eigentlich gar nicht passieren können" - Gerhard Preining sitzt sichtlich zufrieden an dem großen Besprechungstisch und beißt herzhaft ins Frühstücksgebäck. "Nie und nimmer" wäre er sonst diesen Weg gegangen. "Wennst einen Job hast, träumst meist nur von einer Neuorientierung", ist der 41-Jährige überzeugt. 

"Auf einmal ist alles aus"

Vergangenen Februar fand der Traum plötzlich ein jähes Ende. Nach 27 Jahren bei Quelle zwang die Insolvenz des Versandriesen Preining zur Neuorientierung. Mit 8. März trat der gelernte Tischler dann in die eigens gegründete Stiftung ein und ist seither mithilfe der Experten des Sozial-Unternehmens FAB, österreichischer Marktführer im Bereich der Arbeitsintegration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen, auf dem besten Weg zum Operations-Gehilfen. Natürlich habe es nach der Kündigung eine Phase des Tiefs gegeben. "Wir waren bei der Quelle eine große Familie. Und auf einmal ist alles aus. Wobei das eigentliche Zusperren nicht mehr so schlimm war. Grauslig war eher die Phase davor, da war diese Unsicherheit - geht's jetzt weiter, oder nicht?"

Seit dem endgültigen "Aus" für den Linzer Versandhändler sind inzwischen rund 500 der früheren 1100 Mitarbeiter wieder am Arbeitsmarkt untergekommen oder sind noch in der Servicegesellschaft des Insolvenzverwalters. Anfang Juli war der letzte mögliche Termin für einen Eintritt in die - vom Land Oberösterreich und dem AMS ins Leben gerufene und finanzierte - Quelle-Arbeitsstiftung. 490 haben diesen Weg gewählt. 91 haben die Stiftung seit ihrem Eintritt wieder verlassen, davon haben 85 Prozent einen Arbeitsplatz gefunden. "FAB betreut derzeit 195 Personen. 81 Prozent Frauen, 19 Prozent Männer. Und 43 Prozent der zu Betreuenden sind zwischen 39 und 49 Jahren alt, 22 Prozent bereits über 49 Jahre alt", erklärt FAB-Geschäftsfeldleiterin Evelyn Rempelbauer im STANDARD-Gespräch.

Kraft-Quelle Kinder

Für Jutta Schmid ist nach 20 Jahren in der Quelle mit der Kündigung indirekt ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Die 49-Jährige hat das FAB-Ausbildungsprogramm bereits durchlaufen und widmet sich jetzt voller Begeisterung dem Nachwuchs: "Ich arbeite jetzt als Kindergartenhelferin und frage mich jeden Tag, warum ich das nicht früher schon gemacht hab. Man bekommt so viel zurück, Kinder können dir eine irre Kraft geben." An die Zeit der Kündigung denkt sie nur ungern zurück: "Es war schlimm. Um meine Zukunft hab ich mir weniger Sorgen gemacht, aber wir hatten viele alleinerziehende Mütter." Doch auch wenn die "Versandhaus-Familie" unfreiwillig auseinandergerissen wurde, pflegt man den Kontakt. Preining: "Wir haben einen Quelle-Stammtisch eingerichtet. Da ist es immer recht spannend zu hören, was die anderen so machen."

Für den künftigen OP-Gehilfen ist eines auf jeden Fall klar: "Mein neuer Job hat auf mich gewartet."  (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2010)

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