Missbrauch der Geschichte

10. August 2010, 18:28
16 Postings

Was Kagame so mächtig macht, ist paradoxerweise, dass er die Moral auf seiner Seite hat, weil er 1994 mit seinen Truppen den Genozid beendete - von Adelheid Wölfl

Schon die Auswahl der Kandidaten, die zur Präsidentschaftswahl in Ruanda zugelassen wurden, war eine Farce. Ohne die Zustimmung der regierenden Ruandischen Patriotischen Front (RPF) durfte niemand antreten. Drei Strohmänner blieben übrig, die der RPF und Präsident Paul Kagame nahestehen. Echte Oppositionskandidaten wie die Hutu-Politikerin Victoire Ingabire Umuhoza wurden verhaftet und wegen Leugnung des Völkermords unter Hausarrest gestellt. Ingabire hatte darauf hingewiesen, dass auch Hutu beim Genozid 1994 getötet worden waren.

Kagame missbraucht die Geschichte, er schürt die Angst vor neuerlichen ethnischen Konflikten, um jegliche Kritik an seiner Regierungsführung zu unterdrücken und die Ruander zu disziplinieren. Vor der Wahl wurde ein Journalist ermordet, Zeitungen wurden verboten. Zu viel Kritik würde die Spannungen erhöhen, argumentiert das Regime.

Was Kagame so mächtig macht, ist paradoxerweise, dass er die Moral auf seiner Seite hat, weil er 1994 mit seinen Truppen den Genozid beendete. Seitdem wird er auch vom Westen unterstützt. Unter Kagame hat Ruanda deshalb einen echten Wirtschaftsaufschwung und Modernisierungsschub erlebt. Doch die zunehmende Selbstimmunisierung bezüglich Kritik macht aus dem Vorzeigeland eine zwar ordentliche, aber gefährliche Diktatur. Und Kagames Strategie, die Angst als Machterhaltungsmittel zu nutzen, hilft letztlich nicht, aus dem Trauma der Vergangenheit auszusteigen. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2010)

Share if you care.