Verzerrte Wirklichkeit durch Symbiose von Rettern und Medien

10. August 2010, 19:07
7 Postings

Massive Berichterstattung bringt den Hilfsorganisationen die nötigen Spenden – dabei kann es aber auch zu Unschärfen kommen

Nicht nur Sex sells, sondern auch Superlativ. Besonders in den Medien. Und besonders bei Naturkatastrophen. Für Hilfsorganisationen haben die "schlimmsten" und "größten" Desaster samt spektakulären Schlagzeilen einen großen Vorteil: Sie lukrieren in den ersten Wochen die meisten Spenden. Und je dramatischer die Berichte, desto mehr kann eingenommen werden. Aber das Wechselspiel zwischen Medien und Helfern ist vielschichtiger.

Allein, über die Frage, wie die "größte" Katastrophe definiert wird, kann man geteilter Meinung sein. Geht es um die Zahl der Toten? Dann ist die aktuelle Flut in Pakistan vergleichsweise harmlos. Von mindestens 1600 Toten sprechen die örtlichen Behörden - beim Tsunami starben 230.000 Menschen rund um den Indischen Ozean. Nimmt man, wie die Uno, die Zahl der in irgendeiner Art und Weise Betroffenen, liegt Pakistan mit knapp 14 Millionen Personen unangefochten an der Spitze. Setzt man es aber in Relation zur Bevölkerungszahl, sind rund acht Prozent der Bevölkerung Opfer des Monsuns geworden - in Haiti wurden dagegen 16 Prozent der Bevölkerung beim Beben getötet oder obdachlos.

Die Folgen der Medienberichte ist kostenlose Werbung für die wichtigen Einsätze der Hilfsorganisationen, wie Richard Munz in seinem Buch Im Zentrum der Katastrophe beschreibt. Der heuer überraschend an einer Krankheit verstorbene deutsche Notarzt war über zwanzig Jahre lang für verschiedene Organisationen im Katastropheneinsatz. Spätestens seit dem Tsunami im Jahr 2004 hat sich eine Symbiose zwischen Journalisten und Helfern herausgebildet. Medien sind oft auf die logistische Unterstützung der Retter angewiesen, vor allem geben diese aber auch gute Interviewpartner ab. Nicht nur dass eine Geschichte dadurch personalisiert werden kann - sie sprechen auch dieselbe Sprache. Einen Umstand, den sich auch kleine und kleinste Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zunutze machen, die dann vor Ort fahren, auch wenn sie gar keine dort benötigten Leistungen erbringen können.

Ähnlich ist es bei Pressereisen auf Einladung der Helfer. Die Budgets der Medien sind begrenzt, daher werden solche Einladungen gerne angenommen. Dadurch entsteht aber auch ein gewisser Druck: Man ist teilweise an das vorgegebene Programm gebunden, bei dem sich natürlich die Hilfsorganisation selbst präsentieren möchte. Auch wenn Einsätze und Projekte gut sind, werden sich Journalisten "mit wirklich kritischer und objektiver Berichterstattung zwangsläufig schwerer tun", schreibt Munz.

Das Bild der Wirklichkeit kann dadurch verzerrt werden, kritisiert der Arzt. Denn beispielsweise kommt die Ersthilfe nicht von ausländischen Rettern, sondern den gar nicht "hilflosen" Opfern selbst. Die Arbeit der internationalen Helfer ist ein mühsamer Prozess, bei dem es um weit mehr geht, als in besonders spektakulären Fernsehbildern zu sehen ist. Schließlich müssen zumindest die großen Organisationen im Land bleiben, auch wenn die Medien nicht mehr berichten.

Für diese Hilfe benötigen die NGOs das Geld, das sie in der ersten Spendenwelle einsammeln können. Beim Tsunami etwa wurden in Österreich 54 Millionen Euro gespendet. Zum Vergleich: Die Augustsammlung der Caritas brachte im Jahr 2008 rund drei Millionen Euro. Für Kontroversen auch innerhalb der Hilfsorganisationen hat nach dem Tsunami das Vorgehen von Ärzte ohne Grenzen gesorgt. Die Organisation hatte zehn Tage nach der Katastrophe gebeten, nicht mehr für Thailand zu spenden, da die medizinische Nothilfe bereits finanziert sei. Stattdessen sollte man für einen allgemeinen Fonds Geld überweisen. Die langfristig aktiven NGOs sahen sich darauf mit der Frage konfrontiert, warum sie eigentlich noch etwas benötigen würden. Und mussten ihre langfristige Bedeutung erklären - die von den Medien oft ignoriert wird. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 11. August 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die erste Spendenwelle ist nach einer Naturkatastrophe für soziale Organisationen die wichtigste

Share if you care.