"Steuerdebatte gefährdet Standort Österreich"

10. August 2010, 18:09
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Vertreibt Österreich große Konzerne? Der STANDARD hat sich bei Experten umgehört

Die Bank Austria droht, ihre Ostzentrale aus Österreich abzuziehen. Bwin beklagt sich über die heimische Standortpolitik. Vertreibt Österreich große Konzerne? Der STANDARD  hat sich bei Experten umgehört. 

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Wien - Ist Alessandro Profumo bloß ein großer Säbelrassler? Oder wird der Chef der Großbank UniCredit, Mutterkonzern der Bank Austria, demnächst wirklich die Osteuropazentrale aus Wien abziehen? "Wir müssen darüber nachdenken", erklärte er zuletzt. Diskussionen über Bankensteuern und Verschärfungen bei der Gruppenbesteuerung haben immer wieder für Unruhe unter den Konzernen gesorgt.

Auch der Glücksspielkonzern Bwin übte scharfe Kritik an der österreichischen Standortpolitik. Die Regierung mache es internationalen Unternehmen nicht leicht, erklärte Vorstand Manfred Bodner. Nach der Fusion mit der britischen PartyGaming wird die Zentrale nach London verlegt.

Sind das nur Einzelbeispiele, oder droht Österreich bald eine Massenabwanderung von Großkonzernen? Von einem Tag auf den anderen verlegt man die Zentrale nicht nach Prag, es herrsche aber große Verunsicherung, lautet der Tenor unter Unternehmensberatern.

Am meisten wird die Gruppenbesteuerung diskutiert, erklärt Barbara Polster-Grüll, Steuerpartnerin von KPMG. Sie ermöglicht das Absetzen von Verlusten ausländischer Tochtergesellschaften im Inland (siehe Artikel). Die SPÖ drängt auf Änderungen, die ÖVP hat sich vorsichtig gesprächsbereit gezeigt. "Viele unserer Klienten sagen, bei Veränderungen würden sie sich überlegen, ob sie sich in Österreich ansiedeln", sagt Polster-Grüll.

Stabilität gewünscht

Kritisiert wird von ihr auch, dass in Österreich monatelang diskutiert wird, bevor Beschlüsse fallen. "Diese Hin-und-her-Politik ist schlecht. In anderen Ländern geht das koordinierter vor sich." Außerdem gehe das Vertrauen der Investoren verloren, wenn alle paar Jahre steuerliche Änderungen vorgenommen werden, sagt Polster-Grüll.
Darin sieht auch Josef Schuch, Partner von Deloitte und WU-Professor, die größte Gefahr. "Internationale Player wollen Stabilität und Vorhersagbarkeit. Was sie am meisten hassen, ist das ständige Herumdrehen an den Steuerschrauben."

Muss man also immer die niedrigsten Steuersätze anbieten? "Nein", sagt Schuch, "das hat sich in den letzten zehn Jahren geändert." Man müsse aber "innerhalb einer vernünftigen Bandbreite" liegen. "Die Schweiz ist auch nicht der günstige Platz, aber man kann sich darauf verlassen, dass die Spielregeln bleiben."

Bankensteuer "völlig absurd"

Vor diesem Hintergrund sei auch die Bankenabgabe "völlig absurd", die Profumo-Drohung ernst gemeint, sagt Schuch. Die Befürchtung dahinter: Ungarn hat bereits eine Bankensteuer eingeführt. Wenn nun die österreichische Steuer auf die Bilanz abstellt - wie von der SPÖ angedacht - wäre bei den international tätigen Instituten auch der ungarische Teil des Bankgeschäfts umfasst. "Dann würde die ungarische Bilanz zweimal besteuert. Das kann es nicht sein", so Schuch.

Er glaubt, dass nicht nur die UniCredit die Verlegung des Geschäfts prüft. "Die High-Skills-Arbeiter sind mittlerweile im Osten gleich gut." Im Bereich Finanzdienstleistungen ortet er generell ein "Antiinnovationsdenken von öffentlicher Seite". "Da sind wir innerhalb von Europa ganz schlecht aufgestellt. Es würde niemandem einfallen, in Österreich etwas Neues zu starten."

Die Standortpolitik ernst zu nehmen, dazu rät auch Roland Falb, Managing Partner von Roland Berger Österreich. Unternehmensstrategien seien zwar nicht primär auf das Steuerrecht aufgebaut, die aktuellen Diskussionen seien aber sicher ein "Motivator", sich mit Fragen wie Standortwechsel zu beschäftigen. Die Konzerne würden ganz nüchtern die für sie wichtigen Kriterien durchgehen. Ist ein bestimmter Punkt überschritten, kann ein Wechsel infrage kommen. 

Mehr Osteuropa-Headquarters

Bei der für Ansiedlungen zuständigen Austria Business Agency zeigt man sich vorerst gelassen. Die größte Stärke Österreichs sei weiterhin die Osteuropakompetenz, sagt Geschäftsführer Rene Siegl. Die Zahl der Headquarters sei im letzten Jahr um 20 gestiegen.

Bei internationalen Rankings schneidet Österreich ebenfalls nicht schlecht ab. Der jährlich veröffentlichte World-Competitiveness-Vergleich des Internationalen Instituts für Managemententwicklung wies Österreich zuletzt auf Platz 14 aus, nach Platz 16 im Vorjahr.

Detailergebnisse zeigen, dass Österreich bei Faktoren wie Sicherheit und Ausbildung punkten kann. Bei klassischen betriebswirtschaftlichen Fragen liegt man etwas schlechter. Vom Drehen an Unternehmenssteuern hält daher auch Siegl nichts. "Diese Steuern werden in kaum einem Land erhöht." Im Ausland gehe man eher in Richtung Massensteuern und ausgabenseitiges Sparen. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2010)

Wissen: 276 Headquarters in Österreich

Derzeit haben 276 multinationale Organisationen in Österreich regionale Zentralen. Gegenüber dem Vorjahr hat die Zahl der Headquarters um 18 zugenommen. Insgesamt haben sich im ersten Halbjahr 2010 laut der Austria Business Agency 93 ausländische Unternehmen in Österreich niedergelassen. Bei dieser Zahl handelt es sich nicht nur um Konzernzentralen. Mit 48 neuen Ansiedlungen kommt der größte Teil aus Deutschland, Platz zwei geht mit acht Ansiedlungen an Italien. (go)

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