Wenn der dunkle Wald sich dreht

10. August 2010, 17:56
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Bei der Wiederaufnahme von "Don Giovanni" beeindruckt die anspruchsvoll-drastische Personenführung von Regisseur Claus Guth - Sänger des Abends: Erwin Schrott als Leporello

Salzburg - Wiederaufnahmen sind beileibe nicht nur ökonomisch hilfreiche Zweit- und Drittverwertungen von Festivalkapital. Sie führen - da sie Regie und Rezeption ausreichend Zeit zum Überdenken und Verdauen von Premierenereignissen bieten - mitunter auch zu später Einsicht und Gerechtigkeit. Wie jetzt im Haus für Mozart. Claus Guths freudige Teilnahme am applausumwölkten Verbeugungsritual konnte man denn auch als rehabilitierende Wundenheilung verstehen, nachdem ihm vor zwei Jahren reichlich Zorn entgegengeschlagen war.

Dieser Regisseur von gleichermaßen kühnen wie in sich plausiblen Opernkonzepten hatte den Damenjäger zum (vom Komtur per Bauchschuss tödlich verwundeten) rastlosen Junkie gemacht und dessen letzte Stunden in einen düsteren Wald verlegt. Besonders dieser Drehwald, der ein elegantes, bruchloses Fließen der Geschichte ermöglicht, hatte einst für ratlos-rote Köpfe gesorgt. Dabei ist er als Schauplatz von Triebspielen durchaus zu legitimieren - als Symbol des Unbewussten. Wer ihn hier betritt, ist somit empfänglich für das Aufweichen von Moralordnungen, Rollenkonventionen und das Ausleben des gemeinhin durchs Über-Ich gebändigten Begehrens. Und das ist wohl nicht ganz am Giovanni-Thema vorbei.

Bei Guths noch dichter gewordener Version führt das Konzept nicht zu einem plump-harmlosen Jeder-mit-jedem-Giovanni-Heimspiel. Nach wie vor beeindruckt die ausdifferenzierte und für die Sänger anspruchsvoll-drastische Personenführung. Es sind somit unrunde Persönlichkeiten zu erleben, die Giovanni jagen. Da ist allerdings auch ein dahinsiechender Giovanni (hohe Präsenz, aber Schwächen bei der vokalen Differenzierung: Christopher Maltman), der verblutend an seiner Freiheitsutopie festhält. Und da ist neben ihm ein ebenbürtiges Schlitzohr als Überlebenskünstler. Erwin Schrott stattet diesen Leporello handgreiflich-sportiv mit Ecken und Kanten aus. Darüber hinaus ist er ein famoser Komiker und als Sänger das Ereignis des Abends.

Die Damen hingegen sind eine vokale Quelle belästigender Hilflosigkeit. Mag man Dorothea Röschmann (als Donna Elvira) davon ausnehmen, muss man bei Anna Prohaska (sehr unscheinbar im Vokalen als Zerlina) und Aleksandra Kurzak (schrill und intonationsunsicher als Donna Anna) die Besetzungspolitik der Festspiele schon in Zweifel ziehen.

Der junge Dirigent Yannick Nezet-Seguin hat in der Ouvertüre noch besondere Hoffnungen geweckt. Ungemein fein und leicht macht er die Schichten der schon auf das letale Ende hinweisenden ersten Mozartideen bewusst. Mit der Zeit jedoch mündet sein Ansatz zu sehr in eine an den Bühnenereignissen wenig teilnehmende Entfaltung philharmonischen Schönklangs. Legatoselig, aber frei von situationsgerechten Akzenten ging das poetisch dahin, als wollte man die Figuren nur instrumental streicheln. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 8. 2010)


Weitere Vorstellungen: 12., 15., 19., 22., 25. u. 29. August

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    Auf moralisch unsicherem Terrain: Don Giovanni (Christopher Maltman), Zerlina (Anna Prohaska) und Masetto (Adam Plachetka) im finsteren Wald des Begehrens.

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