Die Angst vor der Einsamkeit

10. August 2010, 17:45
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Das Leben einer US-Kleinstadt beschreibt Pulitzer-Preis-Trägerin Elizabeth Strout

Wien - Die kleine Küstenstadt Crosby in Maine eignet sich hervorragend zum Selbstmord. Schroffe Steinstrände bändigen kalte, tosende Brandungen. Einsam gelegene Landhäuser stehen leer, in Schnellrestaurants am Highway werden pickige Doughnuts im Dutzend ausgegeben. Vom durchaus florierenden Tourismus in der Region fühlen sich die Bewohner Crosbys nicht betroffen. Man ist misstrauisch. Man bleibt unter sich. Die Alten leben in längst vergangenen Zeiten, die Jungen ziehen in große Städte, weit weg. Eine zeitlose, unzerstörbare Idylle in einer amerikanische Kleinstadt wie sie im Buche steht und wie sie der Vorstellung eines europäischen Lesepublikums kaum besser entsprechen könnte.

Highschool-Lehrer, Fischer und alte Dorfkrämer haben hier gleichermaßen die geladene Waffe zur Selbstverteidigung daheim im Kleiderschrank stehen und wer seinem Leben ein Ende machen will, weiß auch wie. Im Roman von Elizabeth Strout haben die meisten Protagonisten zumindest einen potenziellen Selbstmörder in der Familie. Gestrandete und gescheiterte Antihelden bevölkern Strouts Roman Mit Blick aufs Meer, der im Vorjahr den Pulitzer-Preis gewonnen hat und nun im Luchterhand Verlag in der makellosen Übersetzung Sabine Roths vorliegt. Trotz seiner tristen Schauplätze und Schicksale ist es ein optimistischer, auf paradoxe Weise lebensbejahender Roman, der ganz in der Tradition amerikanischen Erzählens steht.

Die Kapitel des Romans werden als eigenständige Geschichten erzählt, in denen Strout handwerklich versiert nur die notwendigsten Überschneidungen zulässt und einzelne Handlungsstränge behutsam weiterspinnt. So entsteht ein detailreiches Panoramabild, das Porträt weniger einer Stadt als ein Lebensgefühl und seine Auswirkungen auf die Generationen.

Meister im Erdulden

Immer wieder taucht die in der englischen Originalausgabe titelgebende Hauptfigur Olive Kitteridge auf, eine, in späteren Kapiteln pensionierte, spröde, laute und dominante Mathematiklehrerin, die sich gerne in Dinge einmischt, die sie nichts angehen, und ihre Mitmenschen polternd zu terrorisieren weiß.

Erst im Laufe der Zeit - Strouts Roman behandelt die Zeitspanne mehrerer Jahrzehnte, thematisiert Abwanderung in die Städte und die Modernisierung - treten sympathischere Eigenschaften der unglücklichen Protagonistin hervor: Eine unglückliche Liebe hat ihr das Herz gebrochen, der sanftmütige Ehemann Henry sie den letzten Nerv gekostet, der einzige Sohn Christopher ihre Zuneigung nicht erwidern können. Auch Henry hatte stillschweigend die unerfüllte Liebe zu einer anderen Frau erlitten.

Strouts Figuren sind Meister im Erdulden, im milden Hinnehmen ihrer harten Schicksale. Sie ruhen mit einer bedrohlich wirkenden Gelassenheit in sich. Die verblühte Barpianistin Angie denkt ohne Groll an ihr verpfuschtes Leben und demütigende Affären, wenn sie engelsgleich und aus Angst vor dem Auftritt mit Wodka abgefüllt an ihre Arbeit geht.

Ehefrauen verzeihen ihren Ehemännern aus Angst vor der Einsamkeit die Seitensprünge. Andere Paare bleiben aus purem Hass zusammen. Junge Ehefrauen verlieren auf tragische Weise die Väter ihrer kleinen Kinder und erwachsene Söhne ziehen nach New York oder nach Kalifornien.

In Kleinstädten wie dieser könnte jederzeit ein Amoklauf geschehen, so spannungsgeladen ist die Atmosphäre der Frustration, Vereinsamung und Verzweiflung. Bei Elizabeth Strout, die 1956 in Portland geboren wurde und schon mit ihrem ersten Roman Amy und Isabelle einen Bestseller publizierte, geht es dennoch immer gerade noch gut aus. In Crosby neigt man nicht zu starken Gefühlen. Der Blick aufs Meer beruhigt und tröstet. (Isabella Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 8. 2010)


Elizabeth Strout: "Mit Blick aufs Meer" , Luchterhand-Verlag, 2010, 352 Seiten, 19,95 Euro

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    US-Autorin Elizabeth Strout, Pulitzer-Preis-Trägerin 2009.

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