Exzentriker mit Taktstock

10. August 2010, 17:24
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Zum 80. Geburtstag von Carlos Kleiber erinnern sich dessen Weggefährten in einem Film an den unberechenbaren Ausnahmedirigenten

Salzburg - Carlos Kleiber gilt als einer der bedeutendsten und besten Dirigenten aller Zeiten. Sein herausragendes Talent war ihm als Sohn des österreichischen Orchesterleiters Erich Kleiber wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt.

1935 verließ die Familie aus politischen Gründen Berlin, der damals fünfjährige Karl emigrierte mit den Eltern über Österreich, die Schweiz und Frankreich nach Argentinien. Dort, in La Plata, begann auch Carlos Kleibers Karriere, nach dem Zweiten Weltkrieg ging es wieder zurück nach Europa. Hier hörte und schaute der Musikverrückte in Salzburg wochenlang bei Proben Herbert von Karajans zu Wagners Ring zu - nur um zu lernen und noch besser zu werden.

Kleiber war damals selbst bereits ein anerkannter Dirigent. Und Karajan hielt ihn ohnehin für ein Genie. Mit Genies ist es den exzentrischen Legenden nach so eine Sache - seltsames und unberechenbares Verhalten zeichnete auch Kleiber aus: kurzfristige Absagen aus nichtigen Gründen, Provokationen und Skandale pflastern den beruflichen Weg des exzentrischen Maestros, Lampenfieber und Selbstzweifel taten ein Übriges. Abseits des klassischen Konzertbetriebs spielte Kleiber lieber vor seinem Gönner, dem bayerischen Medienmogul Leo Kirch, oder für eine Gage in Gestalt einer Luxuskarosse bei einer Gala des Autokonzerns Audi in Ingolstadt.

2004 verstarb der Wahlmünchner überraschend (und ohne große mediale Begleitmusik) in seinem slowenischen Ferienhaus, ganz in der Nähe wurde er auch begraben.

Jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, erzählt erstmals ein Dokumentarfilm aus dem schillernden Leben des Taktstockmeisters: Spuren ins Nichts. Der Dirigent Carlos Kleiber wurde vom deutschen Regisseur Eric Schulz eigentlich für den Salzburger Privatsender Servus TV realisiert. Er folgt Kleibers letzter Reise, lässt Weggefährten, Bekannte und Freunde wie Plácido Domingo, Michael Gielen, Brigitte Fassbaender oder Otto Schenk vor der Kamera zu Wort kommen und bietet seltene Archivaufnahmen. Bei der heutigen Kinopremiere mit anschließendem Umtrunk ist der Regisseur anwesend. (Gerhard Dorfi/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 8. 2010)


>> Das Kino, Salzburg, 0662/87 31 00. 21.00

  • Skandale pflasterten den Weg des Dirigenten Carlos Kleiber. "Spuren ins 
Nichts"  zeigt Weggefährten.
    foto: das kino

    Skandale pflasterten den Weg des Dirigenten Carlos Kleiber. "Spuren ins Nichts" zeigt Weggefährten.

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