Radiodirektor-Wechsel mit "schlechtem Beigeschmack"

10. August 2010, 18:31
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Mitsche legt mit 31. August seine Funktion zurück - Er soll nach den Wünschen der SPÖ TV-Chefredakteur Karl Amon Platz machen - ÖVP und Opposition schäumen

Wien - Wie eilig die Neubesetzung des Radiodirektors ist, drückt sich im Tempo aus, das die Beteiligten dabei an den Tag legen: Generaldirektor Alexander Wrabetz tritt gestern, Dienstag, nach zwei Wochen Türkei-Urlaub erstmals wieder zum Dienst an. Just an diesem Tag wird, wie in einem Teil der gestrigen Ausgabe dieser Zeitung berichtet, der Job des Radiodirektors in der Wiener Zeitung ausgeschrieben - gerade noch rechtzeitig, wenn am 9. September der Stiftungsrat den neuen Hörfunkchef bestimmen soll.

Dass es manchen dennoch nicht schnell genug ging, darauf deutet ein Fehler im Procedere hin: Der Stiftungsrat erfährt Montagabend über STANDARD und APA, dass der Job vergeben wird. Der ORF informierte das Gremium erst Dienstagmittag. Personalchef Reinhard Scolik veranlasste die Ausschreibung, da saß Wrabetz noch im Flieger nach Wien.

Abgang "ohne politischen Druck"

Der 58-jährige Mitsche hört mit 31. August auf, bleibt aber beim ORF und verzichtet offenbar auf ein Drittel seiner Bezüge. Nach schwerer Erkrankung hilft er künftig bei Nachwuchsförderung und Qualitätsprogrammen. Er gehe "ohne politischen Druck", sagt Mitsche. 

Dabei schien alles geplant: Einen SP-Vertreter wünscht sich das Kanzleramt ins Direktorium. Die SPÖ bangt um die Stimmenmehrheit im Stiftungsrat für ihren Wunschnachfolgekandidaten Karl Amon. Verliert sie bei den steirischen und Wiener Landtagswahlen den Landeshauptmann, gibt sie Mandate im Stiftungsrat ab.

VP-Stiftungsrat Franz Medwenitsch räumt der Rochade "schlechten Beigeschmack" ein, sagt er zum STANDARD: "Mitsche muss Platz machen für den roten Wunschkandidaten Amon. Schade um jeden Gebühreneuro, der dafür ausgegeben wird."

Mitten im Vorwahlkampf

Medwenitsch sieht den Küniglberg im Vorwahlkampf zur ORF-Wahl 2011: "Amon ist roter Wunschkandidat für fast alles im ORF. Offenbar soll er jetzt in Stellung gebracht werden", sagt er der APA. Amon sagt, er habe noch nicht entschieden, ob er sich bewerben wird. FPK-Stiftungsrat Siegfried Neuschitzer hält die Neubesetzung für "sinnlos", 2012 gebe es ohnehin vier statt wie bisher sechs Direktoren. Neuschitzer schlägt die Fusion von Online und Radio unter dem jetzigen Onlinechef Thomas Prantner vor.

Wrabetz versuchte nach STANDARD-Infos im November 2008 und im November 2009, Prantner als Onlinedirektor abzulösen. Der weigerte sich zurückzutreten und baute seine TV-Thek auf. Die Unterstützung der FPÖ für das ORF-Gesetz scheint seine Position gestärkt zu haben. Niko Pelinka, Fraktionsführer der SP-Räte, hält die rasche Ausschreibung für richtig.

"Der Odeur dieser Geschichte ist alles andere als wohlriechend", sagte der ORF-Zentralbetriebsratsvorsitzende Gerhard Moser. Zwar wolle er "nicht so weit gehen, von einem kostspieligen Versorgungsjob zu reden", fand aber, Mitsches interner Jobwechsel aus Gesundheitsgründen sei "der Belegschaft zu schwer zu erklären". (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 11.8.2010)

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    TV-Chefredakteur Karl Amon zeigt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, wo's langgeht: für Amon in Richtung Radiodirektion.

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    Kanzler Faymann und Wrabetz: Die ÖVP glaubt an einen "roten Masterplan".

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